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Griechisch-mazedonische Grenze: "Jeder muss selbst schauen, wo er bleibt"

Aus Idomeni berichtet

SPIEGEL ONLINE

Tausende Menschen drängen sich an der Grenze von Griechenland nach Mazedonien. Sie warten darauf, dass es endlich weitergeht. Umkehren will aber keiner der Flüchtlinge.

Die Schlange zieht sich Hunderte von Metern durch das improvisierte Zeltlager an der griechisch-mazedonischen Grenze. Die Iraker und Syrer stehen an. Ihre Frauen und Kinder warten in den Zelten. Die Männer müssen den halben Tag warten, und es ist nicht sicher, dass sie am Ende dran kommen. Doch sie haben die Hoffnung, dass es sich auszahlt.

Syrer und Iraker, die sich ausweisen können, bekommen in Idomeni eine Registriernummer - dafür stehen sie an. Ein paar von ihnen in der Schlange sind erst an diesem Tag neu angekommen. Die meisten harren seit vier, fünf Tagen aus. Manche sogar seit zehn Tagen. Wenn sie eine Registriernummer haben, heißt es weiter Warten. Einmal am Tag geht meist die Grenze kurz auf für ein paar hundert von ihnen.

"Wir warten, was sollen wir anderes machen. Umkehren in den Krieg werden wir nicht", sagt Muanas, ein stämmiger 1,80-Meter-Mann aus Damaskus. Der 34-Jährige verließ Syrien bereits vor vier Jahren. "Ägypten, Libyen, Jordanien, und zuletzt war ich eineinhalb Jahre in der Türkei", zählt er auf. Er fand dort aber keinen Job. Nun will er nach Deutschland, wo seine beiden Brüder seit wenigen Monaten leben.

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Idomeni: Das lange Warten an der Grenze
Mit Schmugglern in die Türkei

Vor Muanas steht Ahmad, 24, aus Daraya, einem Vorort von Damaskus. Er floh vor drei Jahren nach Aleppo. Da sich die Kämpfe dort nun zuletzt verschärften, will er weiter nach Europa. Keiner der Syrer glaubt daran, dass die Feuerpause in ihrem Land hält. Und weil die Türkei seit knapp zwei Monaten die Grenzübergänge geschlossen hat, zahlte Ahmad 150 Dollar für den Schmuggler in die Türkei.

"Was, so wenig nur?" empört sich ein Syrer neben ihm. Er hat 1000 Dollar bezahlen müssen, um in die Türkei zu kommen - mehr als für den Schmuggler nach Griechenland (700 Dollar - im Winter gibt es 300-500 Dollar Risikorabatt).

Hinter den zwei Syrern steht ein kurdischer Iraker aus Kirkuk, der seinen Namen nicht nennen mag. Er arbeitete dort als Lehrer, war auf dem Lohnzettel der Autonomieregion. Warum hat er sich auf den Weg gemacht? "Seit fünf Monaten zahlt die kurdische Regierung uns nicht mehr unsere Löhne." Die irakische Regierung in Bagdad hat aufgehört, der irakisch-kurdischen Regierung die Öleinnahmen zu überweisen. Also spart Kurdistan, und das trifft die Bevölkerung, von denen die Mehrheit im öffentlichen Sektor arbeitet.

Familiennachzug selbstgemacht

Auf rund 10.000 Menschen schätzen die Hilfsorganisationen mittlerweile die Zahl der Wartenden in Idomeni. Fast alle sind Syrer und Iraker, auffällig viele Familien und Kurden. Nur wenige Iraner, Afghanen und Nordafrikaner halten sich hier auf. Dabei sind unter den Neuankömmlingen auf den griechischen Inseln derzeit ungefähr genauso viel Afghanen wie Syrer und Iraker. Aber letztere kommen schneller aufs Festland und von dort offenbar auch leichter in die Grenzregion.

Vor ihrem Zelt auf dem Acker in der Sonne sitzt eine Mutter mit ihrer 15-jährigen Tochter und dem 17-jährigen Sohn. Ihren Namen möchten sie nicht veröffentlicht wissen. Die drei stammen aus Palmyra, wo der "Islamische Staat" herrscht und syrische, russische und westliche Kampfjets bomben.

Ihr Mann kam vor einem Monat in Deutschland an, nun reist die Familie nach: Der Antrag auf Familiennachzug sei nicht durchgegangen, berichtet die Frau. Sie harren seit fünf Tagen aus in einem Zelt vor dem Grenzübergang. Zu Essen kaufen sie sich Brot, Tee und Äpfel bei einem der vier griechischen Händler, die ihren Verkaufswagen im Zeltlager aufgestellt haben. Die Mutter hofft, dass es vielleicht morgen oder übermorgen nach Mazedonien weitergeht.

Die meisten glauben, die Grenze werde schon wieder aufgehen

Wann registriert und wann für wen die Grenze aufgemacht wird - darüber gibt es in Idomeni keinerlei Information. Es empfiehlt sich, hinterherzurennen, wenn Unruhe aufkommt. Nur so lässt sich ein guter Platz in der Warteschlange ergattern. Am Montag hatte sich die aufregende Nachricht, die Grenze werde geöffnet, als falsches Gerücht herausgestellt, und die Polizei setzte Tränengas gegen die Menschen ein. Inzwischen ist der Grenzübergang gut abgesichert.

Es ist kaum vorstellbar, dass es den Geflüchteten und Migranten gelingen könnte ihn zu stürmen. Genauso schwer vorstellbar scheint es, dass die Grenze bald wieder aufgehen könnte.

Doch das ahnen die Geflüchteten und Migranten nicht. Woher sollen sie wissen, dass erst nächste Woche ein EU-Türkei-Treffen ansteht und danach der EU-Gipfel zur Flüchtlingspolitik - und all dies mit ihrer Situation in Idomeni zu tun hat? Noch glauben die meisten, dass die Grenze irgendwann wieder aufgeht, schließlich war sie bisher ja auch offen. Am Montag und Dienstag wurde jedoch kein Iraker oder Syrer durchgelassen.

Muanas, dem kräftigen 1,80 Meter-Mann, gelingt es, sich eine Registriernummer zu holen. "Ich bin erst seit vier Tagen unterwegs. In Idomeni bin ich heute angekommen. Ich hoffe, morgen geht es gleich weiter. Jeder muss selbst schauen, wo er bleibt", sagt er.

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Das sind die neuen Routen, über die Flüchtlinge jetzt nach Nordeuropa geschleust werden:

Von Griechenland aus wurden die Migranten von Schleusern bislang durch Mazedonien, Serbien, Kroatien und Slowenien in Richtung Österreich und Deutschland gebracht. Weil Mazedonien täglich aber nur noch ein paar Hundert Migranten ins Land lässt, stauen sich die Flüchtlinge an der Grenze Griechenlands, in den Flüchtlingslagern und in Athen. "Sie werden sich neue Routen um Mazedonien suchen", sagt Europareferent Karl Kopp. "Jetzt schlägt die Stunde der Schleuser."

Die Griechenland-Italien-Route: Für etwa 2500 Euro können die Migranten, versteckt in einem Container, auf Fähren und Seeschiffen von Piräus aus illegal an die Südspitze Italiens gelangen.

Migranten in Athen haben griechischen Medien berichtet, dass sie auf der Straße von Schleusern direkt auf den Transfer angesprochen wurden. Eine Garantie, dass sie bei der Überfahrt nicht entdeckt werden, gibt es natürlich nicht.

Die Albanien-Apulien-Route: Wenn sich die Flüchtlinge durch Westgriechenland über die albanische Grenze durchgeschlagen haben, warten auch dort bereits Schleuser auf sie. Tausende sollen bereits auf dem Weg nach Albanien sein. Eine nächtliche Überfahrt zum italienischen Apulien in einem Fischerboot birgt jedoch ein hohes Risiko.

Die Entdeckungsgefahr durch die Küstenwache ist hoch, doch die Nähe zu Italien für die Flüchtlinge verlockend. Von der albanischen Hafenstadt Vlorë über die Adria bis zur ostitalienischen Küste vor der Stadt Lecce sind es beispielsweise nur etwa 100 Kilometer.

Bosnien-Herzegowina-Route: Eine weitere Möglichkeit auf dem Westbalkan ist der Weg durch Albanien, Montenegro und Bosnien-Herzegowina bis nach Kroatien entlang der Adriaküste. Lange war die Route über Montenegro und Bosnien-Herzegowina unter anderem wegen der Minengefahr zu riskant.

Jetzt würden Schleuser die Route über den Westbalkan durch Bosnien-Herzegowina reaktivieren, glaubt der Europareferent von Pro Asyl, Karl Kopp.

Kosovo-Serbien-Route: Zu politischen Spannungen dürfte es führen, sobald Flüchtlinge von Griechenland und Albanien über die Republik Kosovo nach Serbien ziehen werden. Mitarbeiter der Hilfsorganisation Humedica halten diese Ausweichroute mit erhöhtem Konfliktpotenzial für wahrscheinlich.

Denn der Kosovo ist von der Regierung in Belgrad nicht als souverän anerkannt. Serbien müsste bei einer möglichen Grenzkontrolle wohl einen Zaun an der Grenze zum Kosovo errichten. Das käme der Anerkennung der Republik gleich.

Bulgarien-Route: Die Route durch Bulgarien nach Serbien oder über Rumänien nach Ungarn gilt als unpopulär - vor allem wegen des brutalen Vorgehens der Polizei in Bulgarien gegen Flüchtlinge. Laut offiziellen Angaben wurden dort im Januar nur 1966 Flüchtlinge registriert. Dabei war es bisher aufgrund des schwachen Grenzschutzes eher einfach, das Land zu passieren.

Nun unterstützt das bulgarische Militär die Polizei an der Südgrenze, wie die Organisation Bordermonitoring berichtet. Am 25. Februar 2016 machte das Parlament in Sofia den Grenzschutz auch offiziell zur Aufgabe des Militärs. Zuvor wurde Bulgarien auch von serbischen Behörden explizit zur Verstärkung der Westgrenze aufgefordert.

Schwarzes Meer: Ebenfalls für Schleuser attraktiv könnte die Schwarzmeer-Route werden. Dass Flüchtlinge von der türkischen Nordküste bis nach Bulgarien oder an die rumänische Küste nach Europa eingeschleust werden, sei denkbar, schätzt Pro-Asyl-Referent Karl Kopp. So würden Schleuser auch dem Nato-Einsatz in der Ägäis ausweichen.

Kartendaten © OpenStreetMap-Mitwirkende (ODbL)

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