Übergriffe auf Mädchen in Schweden "Es ist egal, ob die Täter Afghanen waren oder nicht"

Schweden hat 2015 pro Kopf mehr Asylsuchende aufgenommen als jeder andere EU-Staat. Ist die Kriminalität dadurch gestiegen? Polizeichef Dan Eliasson findet deutliche Worte.

Polizist in Schweden
DPA

Polizist in Schweden

Ein Interview von


Schweden ist wie Deutschland ein Hauptziel für Flüchtlinge. In den vergangenen Monaten hatte die Polizei des Landes mit ähnlichen Problemen zu tun: Brandanschläge auf Flüchtlingsunterkünfte, Prügeleien unter Asylbewerbern und auch sexuelle Übergriffe auf Frauen bei Massenansammlungen.

Schwedische Medien erhoben den Vorwurf, dass die Polizei Verbrechen von oder gegen Flüchtlinge geheim halten wolle. Hier äußert sich der schwedische Polizeichef Dan Eliasson zu den Vorwürfen.


SPIEGEL ONLINE: Herr Eliasson, Schweden hat im vergangenen Jahr mehr Asylsuchende pro Einwohner aufgenommen als jedes andere europäische Land. Ist Schweden dadurch krimineller geworden, wie Rechtspopulisten gern behaupten?

Eliasson: Wir sollten auf die Fakten schauen und nicht mit Gefühlen argumentieren. Es gibt nach meiner Erfahrung keinen großen Unterschied zwischen Kriminellen in Bezug auf Herkunft, Religion oder Ethnie. Entscheidend ist etwas anderes: Wenn man neu in eine Gesellschaft kommt, dann steigt man häufig in die unterste Schicht ein. Und die sozial Schwächsten begehen überdurchschnittlich viele Straftaten. Es ist dabei egal, ob es sich um Schweden handelt, die aus dem Wohlfahrtssystem gefallen sind, um Migranten, die vor zwanzig Jahren gekommen sind, oder um Flüchtlinge, die neu hier sind. Es ist also eine Frage der Integration, eine soziale Frage.

Dan Eliasson, Chef der schwedischen Polizei
Lars Hedelin

Dan Eliasson, Chef der schwedischen Polizei

SPIEGEL ONLINE: In Deutschland ist die Zahl der Übergriffe auf Asylbewerberheime in der Flüchtlingskrise stark gestiegen. Wie sieht es in Schweden aus?

Eliasson: Im Sommer und Herbst brannte es in einer Reihe von Flüchtlingsheimen, das hat uns sehr besorgt. Nur ein Teil davon waren aber Brandstiftungen. Manchmal war die Brandursache eine andere, zum Beispiel technische Probleme.

SPIEGEL ONLINE: Wer waren die Brandstifter?

Eliasson: Bisher können wir kein Muster erkennen, dass die Feuer etwa von Rechtsextremen organisiert wurden. Unsere Hypothese ist, dass es sich um das gleiche Phänomen handelt wie in den Neunzigerjahren, als viele Menschen vor dem Krieg im ehemaligen Jugoslawien hierher flohen und junge betrunkene schwedische Männer viele Feuer gelegt haben.

SPIEGEL ONLINE: Also Fremdenfeinde aus der Mitte der Gesellschaft?

Eliasson: Noch nicht mal das können wir sagen - wir haben keine Hinweise darauf, dass die Taten politisch motiviert waren.

SPIEGEL ONLINE: Was ist das größere Problem für die Polizei: Verbrechen oder Hass gegen Flüchtlinge oder Verbrechen, die von Flüchtlingen begangen werden?

Eliasson: Ich möchte das eine nicht gegen das andere ausspielen. Beides ist unakzeptabel. Wenn es um Gewalt geht, die in überfüllten Massenunterkünften passiert, müssen wir uns als schwedischer Staat aber auch an die eigene Nase fassen. Je voller die Unterkünfte, je länger die Menschen dort bleiben müssen, desto frustrierter werden sie.

SPIEGEL ONLINE: Im Januar hat ein junger Flüchtling in einer Unterkunft eine Helferin erstochen. Sie haben danach auf die schlimmen Erfahrungen hingewiesen, die der Täter in seiner Heimat und auf der Flucht sicherlich gemacht habe. Daran gab es heftige Kritik.

Eliasson: Das war vielleicht nicht meine beste Stunde. Durch meine Aussage habe ich dem Opfer und dessen Angehörigen nicht den nötigen Respekt gezollt - so haben es wohl viele Leute empfunden. Das war natürlich nicht meine Absicht. Ich bin aber immer noch besorgt darüber, was der Täter wohl durchgemacht hat. Der Umgang mit Traumata ist entscheidend dafür, dass solche schrecklichen Verbrechen nicht wieder passieren. Wir müssen psychologische Probleme schneller erkennen und behandeln.

SPIEGEL ONLINE: In Stockholm gab es 2014 und 2015 zahlreiche sexuelle Belästigungen junger Mädchen durch Asylbewerber. Erst vor kurzem wurden die Fälle öffentlich. Warum?

Eliasson: Junge Asylbewerber haben damals Mädchen auf Musikfestivals in Stockholm belästigt und berührt, die Polizei hat mit den Festivalorganisatoren darüber gesprochen und wir haben die Polizeipräsenz dort verstärkt. Aber wir sind damit nicht an die Öffentlichkeit gegangen - das Thema hatte zu dem Zeitpunkt noch nicht den Stellenwert, den es nach den Ereignissen von Köln bekommen hat.

SPIEGEL ONLINE: Das bedeutet, dass die Polizei die Übergriffe für nicht so wichtig hielt?

Eliasson: Sexuelle Übergriffe und Belästigungen junger Mädchen sind natürlich immer ein höchst sensibles Thema, aber das Phänomen wurde zu der Zeit nicht groß diskutiert. Heute denke ich: Wir hätten mit den Übergriffen offensiver umgehen müssen - vor allem gegenüber den Eltern. Sie hätten dann eine bessere Entscheidung treffen können, ob sie ihre Töchter auch in Zukunft zu den Konzerten gehen lassen.

SPIEGEL ONLINE: Schwedische Zeitungen berichteten, die Polizei benutze einen speziellen Code, mit dem alle Ermittlungen zu Verbrechen, die von oder gegen Flüchtlinge begangen werden, gekennzeichnet würden. Zweck des Codes sei es, solche Fälle geheim zu halten. Warum kann die Öffentlichkeit diese Informationen nicht verkraften?

Eliasson: Der einzige Grund, warum wir diesen speziellen Code nutzen, ist, dass wir sehen wollen, wie viel zusätzliche Arbeit wir als Polizei durch die Flüchtlingskrise haben. Mit dieser Auswertung können wir uns an die Regierung wenden, um mehr Personal bei der Polizei anfordern. Wir sind in den vergangenen Monaten sehr unter Druck geraten - nicht nur durch die Grenzkontrollen, die wir ja durchführen müssen, sondern noch stärker dadurch, dass die meisten Flüchtlingsunterkünfte wegen der Wohnungsnot in den Großstädten weit draußen auf dem Land sind. Und dort gibt es keine Polizei. Viele Beamte müssen weit reisen, hin und zurück zu den Unterkünften. Ähnliche Codes werden im Übrigen auch für andere Task Forces benutzt, etwa bei Fußballspielen. Das hat nichts damit zu tun, dass wir Dinge verheimlichen wollen.

SPIEGEL ONLINE: Nennen Sie gewöhnlich die Herkunft der Täter, wenn Flüchtlinge Verbrechen begehen?

Eliasson: Nur, wenn es relevant für das Verbrechen ist.

SPIEGEL ONLINE: Ist es relevant, dass die jungen Asylsuchenden, die die Mädchen in Stockholm belästigt haben, hauptsächlich aus Afghanistan stammten?

Eliasson: Nein, es waren junge Männer. Es ist egal, ob sie Afghanen waren oder nicht. Das hat nichts mit der Belästigung zu tun.

SPIEGEL ONLINE: Hat es keine Bedeutung, dass diese jungen Männer aus einer Gesellschaft stammen, in der Mädchen sich anders kleiden und eine andere Rolle spielen?

Eliasson: Nein, das hat tatsächlich keine Bedeutung. Wir sollten sehr vorsichtig mit einer so verallgemeinernden Beschreibung von Menschen sein.

Zur Person
  • Lars Hedelin
    Dan Eliasson, geboren 1961, ist studierter Jurist. Seit Januar 2015 ist er Chef der schwedischen Reichspolizei. Zuvor war Eliasson Generalsekretär der schwedischen Versicherungskasse. Von 2007 bis 2011 war er Chef des schwedischen Migrationswerkes, 2006 stellvertretender Vorsitzender der Sicherheitspolizei und von 2001 bis 2006 Staatssekretär unter dem sozialdemokratischen Justizminister Thomas Bodström.

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