Flucht nach Europa Libyen und der Balkan sind dicht - dann eben Spanien

Kaum noch Boote können Libyen verlassen - ein Resultat der EU-Blockade. Dafür meldet Spanien immer mehr ankommende Flüchtlinge. Zwei von ihnen erzählen hier ihre Geschichte.

REUTERS

Aus Jerez de la Frontera und Tarifa berichtet Laura Delle Femmine, "El Pais"


Dieser Text ist Teil einer Kooperation von sechs europäischen Medienhäusern, die den Fokus auf das Flüchtlingsdrama im Mittelmeerraum und in Afrika richtet. Mehr zur Zusammenarbeit von "Politiken" (Dänemark), "La Stampa" (Italien), "Le Monde" (Frankreich), "El País" (Spanien), "The Guardian" (Großbritannien) und DER SPIEGEL lesen Sie hier.


Das Wasser des Mittelmeers wird blauer und blauer, fast schwarz mit zunehmender Tiefe. Patricia sieht es heute noch vor sich. Genau wie die immer größeren Wellen, die das Boot auf- und niederschaukeln. "Du weißt nicht, ob du es schaffst", sagt die 39-Jährige über ihre Fahrt über die Straße von Gibraltar. "Das geht dir im Kopf rum, wenn du in das Boot steigst."

Im August hatte sich die Frau von der Elfenbeinküste an die Überfahrt gewagt, zusammen mit ihren siebenjährigen Zwillingen. Ihr kommen noch immer die Tränen, wenn sie daran zurückdenkt. Heute sitzt sie in einem Park von Jerez de la Frontera, nicht weit von der Wohnung, die sie durch eine Hilfsorganisation bekommen hat. Sie hätte sich nicht träumen lassen, dass sie einmal nach Europa auswandert. Schon gar nicht eingepfercht in ein Boot mit 31 anderen Menschen, den Elementen ausgeliefert. "Nie im Leben würde ich das nochmal machen", schluchzt sie.

Patricia ist einer von 12.400 Flüchtlingen, die zwischen Januar und September über das Meer nach Spanien gekommen sind. Laut Uno handelt es sich um den höchsten Wert seit 2008 - und schon jetzt um einen Anstieg von 50 Prozent im Vergleich zum Vorjahr.

Die Spanien-Route ist nicht neu, im Gegenteil: Seit vielen Jahren versuchen Marokkaner, auf diesem Weg in ein vermeintlich besseres Leben nach Europa aufzubrechen. Seit Jahren jedoch mischen sich auch immer mehr Menschen aus Ländern südlich der Sahara unter die flüchtenden Nordafrikaner. Länder wie Guinea, die Elfenbeinküste, aber auch Ghana und Nigeria haben deutliche Abwanderungsbewegungen verzeichnet. Seit der Weg über Libyen, vor allem durch die Bollwerk-Mentalität der EU, schwierig bis unpassierbar geworden ist, versuchen immer mehr Menschen die West-Route. (Eine Reportage von "La Stampa" aus Libyen finden Sie hier.)

Laut Uno machen Frauen rund neun Prozent der Flüchtenden aus - doch sie sind auf ihrer Reise nach Norden besonders gefährdet. "Die Frauen sind so vielen Risiken ausgesetzt. Von Diebstahl über Misshandlung bis hin zu Entführungen", sagt Elvira Garcia von der Hilfsorganisation Accem.

Patricia floh vor sieben Jahren, als nach den Wahlen an der Elfenbeinküste der Bürgerkrieg wieder aufflammte. Sie hatte schon schlimmere Unruhen erlebt, doch dieses Mal war etwas anders: Jetzt war sie nicht nur für die eigene, sondern auch für die Sicherheit ihrer Zwillinge, damals noch Säuglinge, verantwortlich.

Sie schildert die Stationen ihrer Reise: Über Burkina Faso gelangte Patrica nach Mali. Als auch dort 2012 Kämpfe ausbrechen, geht es weiter über den Senegal und Mauretanien bis nach Marokko. (Lesen Sie hier eine Reportage des "Guardian" aus Al Hoceima, Marokko.)

Als Frau mit Baby in höchster Gefahr

Helferin Elvira Garcia und ihre Kollegen registrieren nach eigenen Angaben immer häufiger die Ankunft von jungen Frauen, manche allein, manche schwanger oder mit kleinen Kindern. Waren es vor Kurzem noch vor allem Frauen aus Nigeria, treffen derzeit immer mehr aus Kamerun und von der Elfenbeinküste ein. "Wir müssen die Route irgendwie sicherer machen", sagt Garcia: "Eine Frau, die allein mit einem Säugling reist, schwebt ständig in höchster Gefahr."

Drei Jahre hielt es Patricia in der marokkanischen Küstenstadt Casablanca aus. Sie beschreibt diese Zeit als Sklaverei: eine dunkelhäutige Katholikin ohne Papiere in einem muslimischen Land, das Flüchtlinge aus Sub-Sahara-Staaten ohnehin nicht unbedingt mit offenen Armen empfängt. Jobben konnte Patricia dort zwar, aber die Aussichten für die Zukunft waren düster.

Also entschied sie sich zum letzten, entscheidenden Schritt. Über das Wasser, weg aus Afrika, der Heimat. Dieser Schritt, genauer die 14 Kilometer Überfahrt kosteten sie umgerechnet 2000 Euro. Und war eine Tortur.

Die Fahrt wird zum Albtraum

"Es ging schon vor der Bootsfahrt los", erinnert sich Patricia. Die Flüchtlinge mussten durch einen Wald an den Küstenstreifen laufen. "Frauen und Männer werden in diesem Wald angegriffen, manche ausgeraubt, manche vergewaltigt", so berichtet sie.

Dann die Fahrt mit dem Boot, auch diese wird rasch zum Albtraum. Zehn Stunden lang treiben die Flüchtlinge auf dem Wasser, bis ein spanisches Fischerboot ihnen den Weg in Richtung Küste weist. Als dann ein Hubschrauber über ihnen kreist, weiß Patricia: Es ist geschafft.

José Cristobal Maraver (r.)
Juan Carlos Toro

José Cristobal Maraver (r.)

José Cristobal Maraver ist der Mann, der den Hubschrauber losgeschickt hat. Als stellvertretender Leiter der Küstenwache in der Region Tarifa beobachtet er die Entwicklung genau. "Dies ist ein starkes Migrationsjahr. Bis Ende August hat Spanien rund 5800 Menschen auf dem Meer gerettet." Er spricht von einer Verdopplung im Vergleich zum Vorjahr. Auch hier machen sich die Auswirkungen der europäischen Blockadepolitik bemerkbar - ebenso wie ihre Grenzen. Die Flüchtlinge finden andere Wege und die Schleuser verdienen prächtig an der Not der Hilfesuchenden.

Oder sie lassen sich anders entlohnen. "Wenn du kein Geld mehr hast, musst du mit den Männern Sex haben, die dich von Ort zu Ort bringen. Mit allen", erzählt Bahoumou, die sich mit Patricia eine Wohnung teilt. Sie selbst hatte zwar genug Geld, um zumindest diesem Schicksal zu entgehen. Stattdessen plagt sie nun eine andere, große Sorge. Auf der Flucht wurde sie von ihrem vierjährigen Sohn getrennt. Nun sitzt die Mutter in Jerez de la Frontera, das Kind aber in der Obhut der spanischen Behörden, auf der anderen Seite des Mittelmeers in der Enklave Melilla.

Flüchtling Bahoumou
Juan Carlos Toro

Flüchtling Bahoumou

Bahoumou hat bereits einen DNA-Test hinter sich, um zu beweisen, dass es sich wirklich um ihren Sohn handelt. Doch bisher klappt es mit der Zusammenführung noch nicht. Woran es genau hakt, weiß die 33-Jährige auch nicht so recht. Nur, dass sie ihr Kind wiederhaben muss - notfalls mithilfe der Gerichte.

So hat sie sich den Traum von Europa nicht vorgestellt.

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peter.di 02.11.2017
1. Wichtig ist in der Situation
Wichtig ist in der Situation schnell zu prüfen, ob die entsprechenden Personen Anspruch auf politisches Asyl haben und falls nicht, so schnell wie möglich in ihre Heimatländer zurückzubringen. Zäune zu bauen bringt nichts, wenn man dann die belohnt, die es drüber schaffen. Auf Herkunftsländer, die sich weigern die eigenen Leute wieder aufzunehmen, sollte die EU den nötigen politischen und wirtschaftlichen Druck aufbauen können, damit diese Länder das dann doch tun.
thawn 02.11.2017
2. Verallgmeinerungen und Vorurteile
Au weia @brooklyner Vorurteile bedienen und verallgemeinern können Sie ja gut. Da ist es nur folgerichtig, dass Sie mit den "pragmatischen Rechtsradikalen" sympathisieren.
loquuntursaxa 02.11.2017
3. Marokko soll ein sicheres Land sein
Die einzige Altenative zur Auswanderung nach Spanien bzw nach Europa ist dass Marokko und andere Länder Sicherheit und Artbeit anbieten können. Die Frage des Zaunes ist auch nicht so schlimm denn anstatt dessen gibt es über 5000 km Küste wo die Boote hin kommen können, die alten Routen sind bekennt aber mit neuen Mitteln können die Flüchtlinge gut über 1000 km über das See fahren. 12.400 Menschen sind nach Spanien geflohen von denen 3000 sind ertrunken und über 30 werden täglich vom blauen Tod gerettet. Das ist das Problem
lupenreinerdemokrat 02.11.2017
4.
"Laut Uno machen Frauen rund neun Prozent der Flüchtenden aus - doch sie sind auf ihrer Reise nach Norden besonders gefährdet. "Die Frauen sind so vielen Risiken ausgesetzt. Von Diebstahl über Misshandlung bis hin zu Entführungen", sagt Elvira Garcia von der Hilfsorganisation Accem." Wie schon bekannt, hiermit bestätigt, sind über 90% der Migranten aus afrikanischen Ländern männlich und nur ganz wenige weiblich mit Kindern, die wirklichen Schutz nötig hätten. Da sie auf ihrer Route nach Norden besonders gefährdet sind und oftmals hier in ihren Zielländern dann auch noch zu Prostitution gezwungen werden, kann die Antwort eigentlich nur lauten: keinerlei Zuzug über illegale Wege mehr zulassen und illegeal ankommende oder auf dem Meer aufgegriffene umgehend zurück an die Küste wo sie herkamen oder in ihre Heimatländer. Frauen und Kindern über legale Wege eine Migration nach Europa gestatten. Klingt zwar diskriminierend gegenüber Männern, aber die sollten erst mal lernen, wie man sich in den Gastländern und gegenüber Frauen zu benehmen hat, bevor sie sich ebenfalls auf legalem Weg für eine Einreise bewerben können.
theodtiger 02.11.2017
5. Tragisch
Die Situation ist sowohl bei den Migranten / Flüchtlingen wie auch bei den Zielländern tragisch. Für die Migrationswilligen, weil sie ihre Heimat verlassen, obwohl gerade sie eigentlich und ihr Geld dort dringend gebraucht würden. Denn es sind die dynamischen, veränderungsbereiten Menschen, die eine Gesellschaft vorranbringen könnten. Jedoch sind es gerade die Verhältnisse, die ein Bleiben schwer und manchmal unmöglich machen. Bei den Zielländern ist es auch sehr schwierig. Offensichtlich kann keine auch nur einigermaßen wohlhabende Gesellschaft (wie man sie in allen EU Ländern findet) alle aufnehmen, die lieber hier leben wollen oder hierhin vor Verfolgung und Krieg fliehen wollen. Dies würde alle Gesellschaften überfordern, insbesondere auch wegen der Geschwindigkeit der Zuwanderung bei einer unbehinderten Einreise. Die Folge wären Wahlergebnisse, die man sich einfach nicht vorstellen möchte. Also wird man die Grenzen schützen vielleicht "blockieren" müssen - mit den unerwünschten Folgen humanitärer Art und den enormen Profitmöglichkeiten für Schlepper. Klar ist: politsches Asyl steht nicht zu Disposition - mit der Folge, dass sich Migranten eben darauf berufen und somit erst mal kommen. Einwanderungsgesetze können die Situation abmildern. Es ist allerdings kaum zu erwarten, dass die Anzahl der Migrationswilligen aufgrund von Klimawandel und Kenntnis über die hiesigen Lebensverhältnisse (um nur zwei Gründe zu nennen) sich in Zukunft vermindert. Auch müsste erst noch gezeigt werden, dass bei mehr legalen Migrationsmöglichkeiten, die Versuche illegaler Migrations nennenswert zurückgehen (wenn es legal nicht klappt - bleibt ja noch der bisherige Weg). Wir sind also mit einer sehr schwierigen, wohl tragischen Situation konfrontiert.
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