Flüchtlinge in Südosteuropa Schleuser nutzen neue Schmuggelrouten

Bulgarien und Ungarn haben ihre Grenzen mit Stacheldraht und Zäunen unüberwindbar gemacht. Tatsächlich kommen immer weniger Flüchtlinge über die Balkanroute. Doch Rumänien könnte zum neuen Transitland werden.

Grenzkontrolle in Rumänien (Archivbild)
DPA

Grenzkontrolle in Rumänien (Archivbild)


Bulgariens Verteidigungsminister Krassimir Karakatschanow, 52, ist berüchtigt für seine chauvinistischen und rassistischen Sprüche. Mal nennt der ehemalige Informant der bulgarischen Staatssicherheit und heutige Kreml-Freund die EU eine Diktatur, dann hetzt er gegen "arbeitsscheue, kriminelle" Roma oder schwadroniert von Migrantenhorden aus Vergewaltigern und Mördern.

Seine neueste Idee: Bulgarisches Militär soll die Grenzen des Landes gegen Flüchtlinge verteidigen, unter anderem auch mit "hoch spezialisierten Kampftruppen." Das sagte er in einem Interview mit der Tageszeitung "Die Welt" und forderte, bewaffnete Soldaten gleich an allen EU-Außengrenzen zu postieren. "Wir können nicht zulassen, dass weiterhin illegale Migranten massenweise nach Europa kommen", sagte Karakatschanow.

Karakatschanow weiß nicht, wovon er spricht: Das Innenministerium meldete erst letzte Woche einen Niedrigrekord illegal eingereister und aufgegriffener Flüchtlinge: Seit Jahresanfang seien 1461 verhaftet worden, das sind 80 Prozent weniger als im Vorjahreszeitraum. Die Auffanglager im Land sind derzeit nur zu einem Drittel ausgelastet, auch die Zahl der anerkannten und geduldeten Flüchtlinge sank drastisch. Das ist sicher auch eine Folge des massiven Ausbaus des Grenzzauns zur Türkei, den die seit Mai amtierende neue konservativ-nationalistische Regierungskoalition noch zusätzlich vorantrieb.

Wüste islamophobe Rhetorik

Karakatschanows Forderung kam in einem Moment, in dem das mitregierende ultranationalistische Bündnis der "Vereinten Patrioten", dessen Co-Vorsitzender er ist, wegen verschiedener Affären unter Druck steht. So etwa wurde vor Kurzem eine nationalistische Lokalpolitikerin, die einer der drei Parteien des Bündnisses angehört, wegen Menschenschmuggels verhaftet - sie war dabei erwischt worden, wie sie Flüchtlinge an die serbische Grenze schleusen wollte. Ausgerechnet - die drei Parteien der "Vereinigten Patrioten" pflegen seit Jahren eine wüste flüchtlingsfeindliche und islamophobe Rethorik.

Doch nicht nur in Bulgarien, auch in den meisten anderen südosteuropäischen Ländern gehen die Flüchtlingszahlen seit Längerem stark zurück. Die einstige "Balkanroute" über Griechenland, Bulgarien oder Mazedonien sowie Serbien und Ungarn nach Westeuropa ist vor allem in Folge des EU-Abkommens mit der Türkei kaum noch frequentiert. Stacheldraht, Zäune und Kontrollen an den Grenzen zu Mazedonien schrecken Flüchtlinge ab.

Dafür wächst der Menschenschmuggel auf alternativen Routen. Die verlaufen derzeit über Albanien, Kosovo und Montenegro und vor allem über Rumänien. "Immer mehr illegale Migranten", melden rumänische Medien - die Zahl der im Land aufgegriffenen Flüchtlinge hat sich dieses Jahr im Vergleich zum Vorjahr verdreifacht. Mehrmals in den letzten Wochen wurden auf rumänischen Straßen Lastwagen voller Flüchtlinge gestoppt. Am vergangenen Wochenende entdeckte die rumänische Küstenwache im Schwarzen Meer ein Flüchtlingsboot mit 69 Menschen an Bord, das offenbar aus der Türkei kam. Prompt erklärte die rumänische Zeitung "Evenimentul zilei" das Schwarze Meer zur "neuen Ägäis für Flüchtlinge".

Auch im serbisch-rumänisch-ungarischen Länderdreieck greift die rumänische Grenzpolizei in letzter Zeit immer häufiger Flüchtlinge auf - denn viele umgehen den ungarischen Grenzzaun zu Serbien über rumänisches Territorium.

Video zur Balkanroute: Wie ist die Lage ein Jahr nach der Schließung?

REUTERS

Jener ungarische Zaun an der serbischen Grenze ist fast zur unüberwindbaren Barriere ausgebaut: Seit letztem Jahr hat Ungarn zusätzlich zum ursprünglichen Grenzzaun einen parallelen zweiten Zaun errichtet, mehrere tausend Grenzpolizisten, Soldaten sowie neu rekrutierte "Grenzjäger" bewachen das Grenzgebiet zu Serbien. Wer es über den Zaun schafft, wird meistens von ihnen aufgegriffen und gleich wieder abgeschoben.

In zwei sogenannten Transitzonen an der ungarisch-serbischen Grenze können Flüchtlinge Asyl in Ungarn beantragen. Offenbar zur Abschreckung herrschen dort aber gefängnisähnliche Bedingungen. Flüchtlinge berichten etwa davon, dass sie Sanitäreinrichtungen nur unter Bewachung benutzen dürfen. Etliche von ihnen verlassen die Transitzonen wieder in Richtung Serbien. Dort halten sich nach wie vor etwa 6000 Flüchtlinge auf, darunter 4500 in offiziellen Lagern.

Einer afghanischen Flüchtlingsfamilie bot Serbiens Präsident Aleksandar Vucic in dieser Woche die serbische Staatsbürgerschaft an: der Familie des zehnjährigen Farhad Nuri, der wegen seines Zeichentalents in Serbien als "kleiner Picasso" bekannt wurde und kürzlich seine erste Ausstellung mit Zeichnungen in Belgrad hatte. "Es wäre uns eine Ehre, wenn Sie das Angebot annehmen", sagte Vucic am Mittwoch bei einem Empfang der Familie.

Bei serbischen Flüchtlingshilfsorganisationen sieht man die Geste jedoch eher als PR-Aktion, die von der äußerst restriktiven serbischen Asylpolitik ablenken soll: Letztes Jahr gewährte Serbien lediglich 16 Flüchtlingen Asyl, in diesem Jahr sogar nur einem einzigen.

Forum
    Liebe Leserinnen und Leser,
    im Unterschied zu vielen anderen Artikeln auf SPIEGEL ONLINE finden Sie unter diesem Text kein Forum. Leider erreichen uns zum Thema Flüchtlinge so viele unangemessene, beleidigende oder justiziable Forumsbeiträge, dass eine gewissenhafte Moderation nach den Regeln unserer Netiquette kaum mehr möglich ist. Deshalb gibt es nur unter ausgewählten Artikeln zu diesem Thema ein Forum. Wir bitten um Verständnis.


© SPIEGEL ONLINE 2017
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung der SPIEGELnet GmbH


TOP
Die Homepage wurde aktualisiert. Jetzt aufrufen.
Hinweis nicht mehr anzeigen.