Flüchtlinge in Ungarn Reise der Hoffnung - Gleise ins Nichts

Kaum hat sich die Lage in Ungarns Hauptstadt Budapest entspannt, kommen im Süden immer neue Flüchtlinge an, die den Weg in den Westen suchen. Die Behörden sind überfordert, Helfer werfen der Regierung vor, sie tue bewusst nichts für die Flüchtlinge.

AFP

Aus Röszke, Ungarn, berichtet


Manche glauben, sie würden durch ein Tor der Hoffnung treten. Sie laufen auf den Bahnschienen entlang, von der serbischen Seite hinüber nach Ungarn, schauen nicht auf die Stacheldrahtrollen links und rechts, bemerken nicht, dass Gefängnisinsassen 200 Meter weiter schon den nächsten Zaun bauen, vier Meter hoch, und rufen begeistert:

"Hungary! Hungary! Good!" Erleichterung, Freude in ihren Gesichtern. Als wären sie schon am Ziel.

An der ungarisch-serbischen Grenze bei Röszke in Südungarn gibt es wegen der Bahnlinie eine offene Stelle im 175 Kilometer langen Stacheldrahtzaun, den Ungarn gerade entlang der serbischen Grenze errichtet hat, und deshalb kommen hier besonders viele Flüchtlinge an.

Grenzpolizisten sehen der Ankunft der Flüchtlinge seit Stunden tatenlos zu. Sie sind einiges gewöhnt, aber so einen Tag haben sie bisher nicht erlebt. Immer neue Gruppen von Menschen kommen auf den schnurgeraden Bahnschienen entlang, kilometerweit reicht der Treck der Flüchtlinge bis auf serbisches Gebiet. Junge Männer aus Afghanistan und Pakistan.

Syrische und irakische Familien mit Kindern und Säuglingen. Ein Mädchen, mit akkurat geschnittenen halblangen dunkelblonden Haaren, rosa Anorak, vielleicht neun Jahre alt, springt ausgelassen auf den Gleisen umher. An der Böschung neben den Schienen liegt ein kaputter Plüschteddy.

Seit Stunden kein Bus

Anderthalb Kilometer hinter der Grenze, in Sichtweite des Dorfes Röszke, sitzt Shinda Daud zusammengekauert auf dem Erdboden. Sammelpunkt nennt sich das Stück Acker, ein paar mobile Toiletten stehen da, ein paar Zelte, ein arabisch sprechender Mitarbeiter des Uno-Flüchtlingswerks sagt den Ankommenden, dass sie auf einen Bus warten sollen, der sie in ein Aufnahmelager bringt.

Es kommt kein Bus. Schon seit Stunden nicht. Mit den Händen hält Shinda Daud ihre Beine umklammert, sie hat eine schmutzige Jeans an und ihr goldblond gefärbtes Haar zu einem Zopf geflochten, abwesend blickt sie ins Nirgendwo. Sie ist 22 Jahre alt, Kurdin aus der nordostsyrischen Stadt Qamishli an der Grenze zur Türkei, sie hat dort Chemie studiert.

Zusammen mit Verwandten und Freunden ist sie vor dem Terror des IS geflohen. Immer wieder gibt es in Qamishli Anschläge von IS-Attentätern, und es ist klar, welches Schicksal eine modern wirkende Frau wie Shinda Daud, die nicht einmal ein Kopftuch trägt, hätte, wenn der IS die Stadt erobern würde.

Zwei Wochen hat die Flucht gedauert. Sie sind zu Fuß in die Türkei marschiert, dann ging es, mal mit Bussen, mal mit der Bahn und immer wieder zu Fuß, weiter auf dem Landweg über Edirne an der türkisch-griechischen Grenze nach Griechenland, Mazedonien, Serbien und schließlich nach Ungarn.

Großer grüner Gefängnis-Lkw

Weil Shinda Daud und die anderen aus der Gruppe seit Stunden warten, überlegen sie, ob sie nicht einfach loslaufen und sich bis zur 15 Kilometer entfernten Großstadt Szeged durchschlagen sollen. Von dort aus könnten sie mit dem Zug nach Budapest fahren, dann vielleicht weiter nach Deutschland. Dahin will Shinda Daud, ihre Schwester lebe seit vier Jahren in Herne, ihr Schwager habe dort einen Friseursalon.

Während sie beratschlagen, was sie tun sollen, kommt ein großer grüner Gefängnis-Lkw, der normalerweise Gefangene transportiert. Jetzt bringt er Leute zurück, die von Polizisten aufgegriffen wurden, Flüchtlinge, die auf eigene Faust weiterziehen. Die sich in Ungarn nicht registrieren lassen wollen, weil sie Angst haben, dass sie nicht mehr wegkommen nach Deutschland, das Traumland der meisten. Immer wieder kommt der giftgrüne Lastwagen und spuckt Menschen aus und so beschließen Shinda Daud und ihre Verwandten und Freunde, erst einmal abzuwarten.

"Die Behörden sind völlig unfähig und inkompetent"

Immer neue Flüchtlinge kommen an, inzwischen warten Hunderte am Sammelpunkt. Viele Familien mit Kleinkindern, manche auch mit Säuglingen, viele ältere Leute, manche sind völlig erschöpft, können kaum noch laufen, haben Wunden an den Beinen. Eine medizinische Notversorgung gibt es nicht. Freiwillige Helfer der privaten Facebook-Initiative MigSzol, die ungarische Abkürzung für das Wort "Migrantensolidarität", verteilen Kekse und Sandwiches. Sie sind die einzigen, die überhaupt irgendeine Versorgung für die Flüchtlinge organisieren. Irgendwann geht der Nachschub aus, und es gibt nur noch Wasser und Babynahrung. Es fängt an zu regnen, wird kühl, die meisten Flüchtlinge laufen in Sommerbekleidung umher, manche Kinder weinen, weil ihnen kalt ist. Es kommt kein Bus. Balázs Szalai, einer der Mitbegründer von MigSzol, sagt, er habe so ein Chaos noch nicht erlebt. "Die Behörden sind völlig unfähig und inkompetent, und auf Regierungsebene besteht offenbar nicht der Willen, eine bessere Hilfe für die Flüchtlinge zu organisieren."

Ein nahe gelegenes Sammellager ist überfüllt, am Vortag gab es dort Tumulte, Flüchtlinge warfen Steine, brachen aus, die Polizei setzte Tränengas ein. Behörden ließen in der Nähe zusätzlich ein neues Zeltlager errichten, aber es heißt, das sei noch nicht fertig.

Schließlich kommen zwei Busse. Jeweils sechzig Plätze. Hunderte von Flüchtlingen drängen sich um sie, jeder will weg. Bereitschaftspolizei rückt an, der Einsatzleiter schreit hysterisch: "Go back! Go back!" Irgendwann werden Frauen mit Kleinkindern, Kranke und Ältere in die Busse gelassen. Die Busfahrer wollen nicht sagen, wohin sie fahren.

Shinda Daud hat es nicht geschafft, sie hat nicht genug gedrängelt.

Vielleicht kommt später noch ein Bus. Es wird dunkel. Ein zermürbender Nieselregen weicht alles langsam auf, den Boden, die Kleidung. Shinda Daud hat sich in eine Wolldecke gehüllt und sitzt zusammengekauert auf dem Boden. Sie umklammert ihre Beine, den Kopf auf den Knien, und blickt ins Nirgendwo.

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