Gesperrte Grenzen in Ungarn Niemandsland

Sie sind in Europa - und doch ganz weit davon entfernt: Seit Ungarn die Grenze zu Serbien dichtmachte, sitzen Flüchtlinge im Niemandsland fest. Viele von ihnen verzweifeln angesichts dieser Unerbittlichkeit.

Getty Images

Aus Röszke berichtet


An der stacheldrahtbewehrten Sperre stehen einige Hundert Menschen, die meisten von ihnen junge Männer. Sie schreien schon seit Stunden immer wieder: "Lasst uns rein!" Oder: "Macht die Grenze auf!"

Ein Jugendlicher hält für die Kameras ein Schild hoch, darauf steht: "Mama Merkel help us". Immer wieder wütende Pfeifkonzerte. Flaschen fliegen über die Sperre, auch Äpfel. Die Polizisten auf der anderen Seite sehen dem Geschehen aus einiger Entfernung mit starren Mienen zu.

Ein Hubschrauber kreist in geringer Höhe über der Menge. Rebin, ein 38-jähriger Mann aus Damaskus, blickt nach oben. "Sind wir Menschen oder Terroristen?", fragt er anklagend. "Ich bin vor dem Krieg geflohen. Ich habe einen Ausweis, ich bin Ingenieur von Beruf, ich will von Europa nichts geschenkt haben. Ich will nur leben und arbeiten."

In einiger Entfernung von der Sperre campieren Familien mit kleinen Kindern. Andere Familien gehen langsam landeinwärts, sie sind auf der Suche nach einem Nachtlager. Ein Mann läuft ziellos umher, ruft jedem Journalisten, den er sieht, lächelnd zu "Gerr-ma-ny!" und reckt dabei die Faust.

Der ungarisch-serbische Grenzübergang Röszke-Horgos am vergangenen Abend. Hier, mitten auf der Grenze, hat die ungarische Regierung die Europastraße 75 mit drei Meter hohen Eisenwänden, oben drauf Stacheldraht, absperren lassen. Links und rechts davon schließen sich die beiden Enden des 175 Kilometer langen Stacheldrahtzauns an, der sich entlang der ungarisch-serbischen Grenze zieht.

Ungarns erster Tag der "neuen Epoche"

Auch der kleine Grenzübergang an der alten Landstraße Nummer fünf, ein paar Hundert Meter weiter, ist mit Gittern und Stacheldraht verriegelt. An die zweitausend Menschen campieren an den beiden Grenzübergängen.

Videoreportage von der ungarisch-serbischen Grenze: "Wer den Zaun beschädigt, wird bestraft"

SPIEGEL ONLINE
Es ist Ungarns erster Tag der "neuen Epoche" und der "neuen Zeitrechnung", die Regierungschef Viktor Orbán ausgerufen hat. Die Zeitrechnung eines neuen Eisernen Vorhanges und eines Ungarns ohne Flüchtlinge, ohne "Grenzverletzer" und "Lebensunterhaltseinwanderer", wie die Regierung sie nennt.

An diesem Tag sind neue, strenge Gesetze gegen Flüchtlinge in Kraft getreten:

  • Für die beiden südungarischen Komitate Bács-Kiskun und Csongrád hat die Regierung auf unbefristete Zeit die sogenannte Krisensituation ausgerufen. Damit können Behörden unter anderem in Schnellverfahren über Asylgesuche entscheiden.

  • Mehrere Tausend Soldaten und Bereitschaftspolizisten bewachen die ungarisch-serbische Grenze.

  • Die Regierung kündigte auch den Bau eines weiteren Eisernen Vorhangs an: Im Anschluss an die ungarisch-serbische Grenze soll auch die ungarisch-rumänische Grenze auf einer Länge von etwa 30 Kilometern mit einem Zaun abgeriegelt werden und Flüchtlingen so eine Ausweichmöglichkeit versperren.

Verlauf des Grenzzauns in Ungarn
SPIEGEL ONLINE

Verlauf des Grenzzauns in Ungarn

Mit Genugtuung berichten die Staatsmedien an diesem ersten Tag der "neuen Zeitrechnung" darüber, dass die "Flüchtlingsflut" durch den Zaun einstweilen gestoppt sei, dass der Zaun zwar an mehreren Stellen durchgeschnitten worden sei, dass die Behörden jedoch insgesamt 258 "Grenzverletzer eingefangen" hätten. Dass 72 Menschen Asyl beantragt hätten, dass von ihnen 34 Menschen in ein Flüchtlingslager gebracht und der Rest der Asylanträge abgelehnt worden sei.

Ungarn flüchtlingsfrei: Bis zum Montag räumten die Behörden die provisorischen Lager im Süden des Landes und brachten Tausende in Sonderzügen zur österreichischen Grenze. Nun halten sich wohl nur noch wenige Hundert Flüchtlinge in Ungarn auf, offizielle Zahlen gibt es keine.

Tausende irren im Niemandsland an der serbischen Grenze umher

Dafür irren Tausende Flüchtlinge im Niemandsland an der serbischen Grenze und im serbischen Grenzhinterland umher. Überall entlang der Absperrung campieren Gruppen von Flüchtlingen, die darauf warten, in der Dämmerung oder in der Nacht den Zaun durchzuschneiden und sich ins ungarische Inland durchzuschlagen. In den Obstplantagen, Gemüsefeldern und Reben der einheimischen Bauern pflücken sie Äpfel, Pfirsiche, Weintrauben und Paprika. Manche Familien haben zwischen Bäumen ihre Zelte aufgeschlagen.

In der nahe gelegenen Stadt Kanjiza sitzen vier junge kurdische Frauen aus Syrien, die nach Dänemark wollen, auf der Terrasse einer Pizzeria und beraten über ihren weiteren Weg. Sie sind an diesem Tag nach einer Woche Haft im ungarischen Flüchtlingsgefängnis Kiskunhalas abgeschoben worden, weil sie eine Registrierung mit Fingerabdrücken verweigerten. Ungarn dürfen sie offiziell nicht mehr betreten. Nun überlegen sie, ob sie über Kroatien weiterreisen oder einen Schlepper bezahlen sollen, der sie über Ungarn nach Wien bringt. Eine der Frauen ist den Tränen nahe. Sie will zu ihrer Mutter nach Dänemark und sagt: "Es ist so demütigend! Ich war niemals kriminell, niemals im Gefängnis! Und jetzt das!"

Röszke-Horgos am frühen Abend auf der serbischen Seite. Etwas abseits der Eisentore, die den Grenzübergang verriegeln, stehen direkt am Zaun auf ungarischer Seite mehrere Containerbaracken - die sogenannte Transitzone. Hier können Flüchtlinge sich registrieren lassen und Asyl beantragen, von hier aus werden sie dann in ein Lager gebracht - wenn sich denn das Türchen in einer der Baracken öffnet.

Es hat sich an diesem Tag nur wenige Male geöffnet, einige Dutzend Menschen wurden eingelassen. Viele andere warten vor dem Türchen. Aber niemand öffnet mehr. Ein junger Mann aus Syrien steht mit seiner Frau und seinen Kindern da. "Wir dachten, hier ist Europa", sagt er voller Verbitterung. "Aber das ist nicht Europa."

Video: Geschlossene Grenze - "Das absolute Flüchtlingschaos"

SPIEGEL ONLINE

© SPIEGEL ONLINE 2015
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung der SPIEGELnet GmbH


TOP
Die Homepage wurde aktualisiert. Jetzt aufrufen.
Hinweis nicht mehr anzeigen.