Flüchtlinge an Ungarns Grenze Ein Jahr später - dasselbe Elend

An der ungarisch-serbischen Grenze stauen sich die Flüchtlinge, auch ein Jahr nach "Wir schaffen das". Die Regierung Orbán tut alles, um sie abzuschrecken - von mangelnder Versorgung bis hin zu Misshandlung.

REUTERS

Aus dem ungarisch-serbischen Grenzgebiet berichten , und  (Video)


Wenig Zeit? Am Textende gibt's eine Zusammenfassung.


Sie waren an der eisernen Schleuse, wie jeden Morgen, aber wieder wurde ihr Name nicht aufgerufen. Seit Wochen geht das nun so. Jetzt, in der Mittagshitze, sitzen die vier Jugendlichen in ihrer Behausung, einer Art Zelt aus Stöcken, Decken, Plastikplanen und Laub. Sie essen, was Mitarbeiter des ungarischen Roten Kreuzes verteilt haben: Instant-Nudelsuppe, aufgebrüht mit heißem Wasser.

Einer von ihnen ist Han, 16 Jahre alt, er spricht ein wenig Englisch. An der ungarisch-serbischen Grenze wartet er seit zweieinhalb Monaten darauf, in die Transitzone eingelassen zu werden, damit er Asyl beantragen kann. Er stammt, so erzählt er, aus der ostafghanischen Stadt Maidan Shahr und ging dort zur Schule. Sieben Klassen hat er abgeschlossen. Mitte April verließ er seine Heimat. Er sei vor dem Krieg geflohen, sagt er, vor den Taliban, die ihn hätten rekrutieren wollen, und vor der Perspektivlosigkeit. Er ist der Älteste von drei Brüdern. Seine Eltern hätten ihm gesagt, er solle sich irgendwohin nach Westeuropa durchschlagen. Nun ist er hier gestrandet.

Die serbisch-ungarische Grenze bei Horgos und Röszke nahe der Großstadt Szeged im Süden Ungarns. Zweihundert Meter vom offiziellen Grenzübergang entfernt stehen direkt hinter dem ungarischen Grenzzaun ein Dutzend Baracken - eine sogenannte Transitzone, in der Flüchtlinge sich registrieren lassen und Asyl beantragen können. Wenn sie eingelassen werden.

Ein Jahr sind die dramatischen Szenen von den ungarischen Grenzübergängen - und Angela Merkels "Wir schaffen das" - nun her. Doch die Situation ist auch heute noch extrem angespannt. Vor den Baracken und dem Stacheldrahtzaun kampieren im serbisch-ungarischen Grenzstreifen derzeit um die 500 Menschen, die meisten junge Männer und männliche Minderjährige aus Afghanistan.

Im Video: "Ich fürchte, wir sitzen in zwei Jahren noch hier"

SPIEGEL ONLINE

Manche warten schon seit Monaten. Denn ungarische Behörden lassen pro Tag nur fünfzehn Flüchtlinge in die Transitzone hinein. Bevorzugt werden Familien mit Säuglingen oder Kleinkindern sowie Schwangere, Ältere und Kranke. Alleinreisende Männer und selbst unbegleitete männliche Minderjährige haben kaum eine Chance.

In Horgos-Röszke und zwanzig Kilometer weiter westlich, an der baugleichen Transitzone Kelebija-Tompa, zieht Ungarn seine Flüchtlingspolitik in aller Härte und Unerbittlichkeit durch: Im Frühjahr waren die Ankommenden wochenlang völlig sich selbst überlassen. Nach Protesten von Flüchtlingsorganisationen wurden im Grenzstreifen vier Wasserhähne installiert und acht mobile Toiletten aufgestellt. Doch davon abgesehen fehlt jegliche Infrastruktur. Zelte, Decken und Isomatten für Flüchtlinge dürfen Hilfsorganisationen nicht verteilen, nur stundenweise dürfen Ärzte kommen.

Helfer wollen helfen - aber dürfen es nicht

Ähnlich sieht es bei der Verpflegung aus: Mitarbeiter der Einwanderungsbehörde BÁH geben täglich überschaubare Lebensmittelrationen aus, ein Stück Weißbrot, einen Apfel und eine Konserve, meistens Fisch in Öl. Fünf ausgewählte Hilfsorganisationen, darunter das Uno-Flüchtlingshilfswerk UNHCR und das ungarische Rote Kreuz, dürfen zwar zusätzlich Lebensmittel verteilen, allerdings auch nur in geringem Umfang.

Das Ziel der restriktiven Maßnahmen, darin sind sich Vertreter von Menschenrechts- und Hilfsorganisationen einig, ist größtmögliche Abschreckung. "Die ungarischen Behörden wollen den Menschen keinerlei Anreiz geben herzukommen, und sie wollen ein neues Lager wie in Idomeni an der griechisch-mazedonischen Grenze verhindern", sagt Markus Koth von der deutschen Diakonie-Katastrophenhilfe. Er koordiniert in Südosteuropa derzeit mehrere Flüchtlingshilfsprojekte und war in Horgos-Röszke schon öfter vor Ort.

Einigen Organisationen wurde zwischenzeitlich sogar verboten, Flüchtlingen vor den Transitzonen zu helfen. Darunter ist auch die ungarische Initiative "MigSzol", die im vergangenen Jahr im südungarischen Szeged über Facebook entstand und damals, als täglich Tausende Flüchtlinge nach Ungarn kamen, über Monate hinweg einen großen Teil der Versorgung für Flüchtlinge organisierte. Anfang Juli bestimmte die ungarische Regierung per Federstrich fünf Organisationen, die offiziell berechtigt sind, vor den Transitzonen für Flüchtlinge tätig zu werden.

MigSzol war nicht darunter, eine Begründung gab es nicht.

"Anfangs wurde das Hilfsverbot sehr streng gehandhabt", sagt der MigSzol-Mitbegründer Márk Kékesi, "inzwischen ist es so, dass wir täglich neu verhandeln, ob wir Hilfsgüter verteilen dürfen. Manche Polizisten weisen uns rüde ab, andere dulden uns stillschweigend."

"Tiefe Grenzkontrolle" als deutliches Signal

Es ist nicht die einzige Form der Abschreckung. Anfang Juli führte Ungarn unter Premier Viktor Orbán an der Grenze zu Serbien und Kroatien die sogenannte "tiefe Grenzkontrolle" ein. Die erlaubt es der Grenzpolizei alle Flüchtlinge, die in einem acht Kilometer breiten Grenzstreifen aufgegriffen werden, wieder hinter den Grenzzaun abzuschieben - eine Praxis, die Menschenrechtsorganisationen als völkerrechtswidrig bezeichnen. Bei diesen "Push-backs" soll die Polizei Flüchtlinge vielfach misshandeln, beschuldigen unter anderem UNHCR und Human Rights Watch den ungarischen Staat. Zwar dementieren Vertreter des ungarischen Staats die Vorwürfe entschieden. Doch die Berichte von Betroffenen sind zahlreich und häufen sich.

20 Kilometer entfernt liegt auf serbischem Boden das Flüchtlingslager Subotica. Rund siebenhundert Flüchtlinge sind hier untergebracht, die meisten Pakistaner. Drei von ihnen berichten gegenüber SPIEGEL ONLINE darüber, wie sie nach einem illegalen Grenzübertritt von der ungarischen Polizei mit Schlagstöcken geschlagen worden seien und zeigen die Spuren der Prügel. Einer trägt einen Verband um den mit einer Schlinge ruhiggestellten Arm. Sie seien etwa zwanzig Kilometer hinter der ungarischen Grenze verprügelt und dann nach Serbien abgeschoben worden, sagen die drei. Überprüfen lässt sich das kaum, doch Einzelfälle scheinen es nicht zu sein.

Die Bissspuren könnten von Hunden stammen

Im Gegenteil: Notärztin Zita Belic, die im Lager Flüchtlinge versorgt, hat ständig mit solchen Patienten zu tun. "Die serbische Polizei bringt jede Nacht Verletzte mit Spuren von Schlägen und mit Fleischwunden zu uns", berichtet sie. Manche Wunden könnten von Hundebissen stammen, so Belic, andere von den messerscharfen Klingen am Stacheldraht des Grenzzauns, exakt lasse sich das jedoch nicht feststellen.

Auch Han und seine Freunde, die in ihrem Zelt vor der Transitzone Horgos-Röszke liegen, haben von den Misshandlungen gehört. Deshalb verzichten sie einstweilen lieber darauf, die Grenze nach Ungarn illegal zu überqueren. Han hat weiche, kindliche Gesichtszüge, ein Junge, der in eine Familie gehört oder in ein Heim, nicht in diese Wildnis vor der Transitzone. Hat er irgendeine Vorstellung vom Leben in Europa? Er schüttelt den Kopf. Und wie soll es weitergehen? Er glaube zwar nicht, sagt er, dass sein Name an der eisernen Schleuse sobald aufgerufen werde.

"Aber trotzdem werde ich morgen früh wieder dastehen."


Zusammengefasst: Auch ein Jahr nach den bestürzenden Flüchtlingsbildern hat sich die Lage in Ungarn kaum gebessert. Im Gegenteil: Die Regierung Orbán hat ihren Kurs gegen die Hilfesuchenden nochmal verschärft. Nachts gehen Polizisten um, und mit offener Gewalt gegen die Menschen vor. Trotzdem versuchen Tausende, irgendwie über die Grenze zu kommen.

© SPIEGEL ONLINE 2016
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung der SPIEGELnet GmbH


TOP
Die Homepage wurde aktualisiert. Jetzt aufrufen.
Hinweis nicht mehr anzeigen.