Flüchtlinge auf Ungarns Autobahnen Dann eben zu Fuß

Die Flüchtlinge in Ungarn wollen sich nicht länger schikanieren lassen. Weil Züge nicht mehr fahren, machen sie sich zu Fuß auf den Weg - auf der Autobahn. Die Angst, doch noch festgesetzt zu werden, treibt sie an.

Von der M1 bei Budaörs berichtet Stephan Orth

DPA

Weit mehr als 2000 Menschen sind auf Ungarns Autobahn M1 unterwegs - zu Fuß. Ganz vorne in der Menge geht ein Mann auf Krücken. Er hat nur ein Bein, trotzdem ist er nicht langsamer als die anderen. An einem roten Band hat er sich ein Foto von Angela Merkel um den Hals gehängt, etwa DIN-A3-Format. Darauf faltet die Kanzlerin ihre Hände, als würde sie die Daumen drücken.

Dieses Bild dürfte bleiben: Der Einbeinige, der in Budapest beschloss, sich zu Fuß nach Deutschland zu mühen. Mit Merkel als Glücksbringerin. 170 Autobahnkilometer sind es von hier bis nach Hegyeshalom kurz vor der österreichischen Grenze.

Wenige Meter hinter dem Mann mit den Krücken hält ein junger Syrer eine Europaflagge in die Höhe, blau mit gelben Sternen. Kein Kinoregisseur hätte die Spitze dieses unwirklichen Marsches symbolträchtiger inszenieren können.

Die Männer und Frauen aus Syrien, dem Irak und Afghanistan haben teils tagelang am Budapester Keleti-Bahnhof ausgeharrt. Dann war ihre Geduld am Ende. Zu viel war passiert.

Flüchtlinge auf der Autobahn in Ungarn: Immer weiter Richtung Westen
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Flüchtlinge auf der Autobahn in Ungarn: Immer weiter Richtung Westen

Erst wurde ihnen der Zugang zu den Gleisen verwehrt. Dann, als sie reindurften, standen nur Regionalzüge zur Verfügung. Und selbst die fuhren nur ein oder zwei Haltestellen weit, bis zu Orten, wo es Lager für Flüchtlinge gibt. Dort wurden sie von der Polizei aus den Waggons geholt, oder die versuchte es zumindest, in Bicske hatte sie über 24 Stunden keinen Erfolg. Dann brachen auch hier die Dämme - und Hunderte Menschen machten sich zu Fuß auf.

Ob in Bicske oder nun auf der Autobahn, wo sie alle vier Spuren für ihre Wanderung nutzen, sodass sich hinter ihnen ein Stau bildet: Jetzt zeigt sich, dass die Migranten in Ungarn ihr Schicksal selbst in die Hand nehmen. Sie wollen sich nicht aufhalten lassen, zu viel haben sie schon aufs Spiel gesetzt auf ihrer Reise.

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"Wir brauchen keinen Bus, keine Eisenbahn, jetzt laufen wir einfach", sagt Ahmad, 30, der vor seiner Flucht als Wirtschaftsdozent an der Uni von Damaskus gearbeitet hat. "Es gibt Gerüchte, dass Viktor Orbán Soldaten gegen Flüchtlinge einsetzen will. Wir warten nicht länger." Ahmad trägt ein Megafon in der Hand, immer wieder feuert er auf Arabisch die Menge an: "Jalla, jalla! Auf geht's, nicht stehen bleiben, nach Österreich, nach Deutschland!"

Video: "Wir laufen, wir laufen!"

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Ein paar Polizisten flankieren den Zug. Natürlich erlaubt die Straßenverkehrsordnung eigentlich keine Passanten auf der Autobahn, aber nun sind es einfach zu viele. Sie dürfen weiterlaufen, vorerst. Immerhin schaffen es die Beamten, die beiden linken Spuren freizumachen. Bald ist die Karawane nur noch halb so breit und dafür etwas langsamer.

Neben dem Asphalt kommt nur noch ein schmaler Grasstreifen, dann der meterhohe Lärmschutzwall. Kein Sichtschutz weit und breit, deshalb hält ein kleiner Junge eine beigefarbene Jacke vor seine Schwester, damit sie pinkeln kann. Ein grauer Lieferwagen hält an, in seinem Laderaum liegen ein paar Dutzend 1,5-Liter-Wasserflaschen in Sechserpacks. Der Fahrer ist ein Ungar. "Ich habe selber zwei Kinder, ich will einfach helfen", sagt er.

Auch ein Kleinwagen der Organisation Migration Aid hat es schon geschafft, die Wanderer einzuholen, kurz hinter der Egérút-Ausfahrt. Die Mitarbeiter verteilen Sandwiches und Getränke. Ohne das Vertrauen auf solche Hilfe wäre die Idee, einfach zu Fuß weiter zu fliehen, ein Himmelfahrtskommando.

Kaum mehr als Plastiktüten dabei

Zwar gibt es auch Leute wie das Paar, das einen Einkaufswagen schiebt mit massig Gepäck und zwei Kindern obendrauf. Doch die meisten haben nur kleine Rucksäcke oder Plastiktüten dabei, mit allem drin, was ihnen noch geblieben ist. Manche haben nicht mal eine Kopfbedeckung gegen die Sonne, andere halten Isomatten oder zusammengerollte Decken über ihren Köpfen.

Video: Andreas Dieste (SPIEGEL TV) über den Flüchtlingstreck

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"Meine Reisetasche habe ich auf dem Meer verloren, zwischen der Türkei und Griechenland", sagt Moien, 45, aus Damaskus. "Wir waren 50 Leute auf einem Boot, das für 12 zugelassen war. Wir wären fast gestorben. Aber Syrer sind ein starkes Volk."

Zu dem Marsch soll am Budapester Bahnhof ein Mann namens Abu al-Majd aufgerufen haben, berichtete ein "New York Times"-Reporter bei Twitter. Moien hat nichts von ihm gehört. "Das war ganz natürlich, wir sind einfach losgelaufen. Es ist richtig, dass wir jetzt zu Fuß weitergehen."

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