Flüchtlinge im Mittelmeer Vor allem Frauen und Kinder steigen jetzt in die Boote

Mehr als ein Drittel der Flüchtlinge, die von der Türkei nach Griechenland aufbrechen, sind mittlerweile Kinder. Das teilte Unicef mit. Die EU-Kommission übt indes schwere Kritik am griechischen Grenzschutz.

Flüchtlinge in Athen: Sie haben die gefährliche Überfahrt überstanden
AFP

Flüchtlinge in Athen: Sie haben die gefährliche Überfahrt überstanden


"36 von 100 Flüchtlingen, die derzeit die gefährliche Seereise von der Türkei nach Griechenland wagen, sind Kinder", teilte das Uno-Kinderhilfswerk Unicef mit. An der griechisch-mazedonischen Grenze liege der Anteil von Frauen und Kindern inzwischen bei 60 Prozent. Damit seien die Männer erstmals in der Minderheit, sagte Unicef-Sprecherin Sarah Crowe.

Der gestiegene Anteil von Frauen und Kindern hat demnach weitreichende Folgen: Sie seien bei der Durchquerung der Ägäis noch größeren Gefahren ausgesetzt, insbesondere im Winter. Zudem müssten an jeder Landetappe die Sanitäranlagen und Schlafplätze angepasst werden.

Laut einer Statistik der Internationalen Organisation für Migration (IOM) waren 60 von 272 Flüchtlingen, die im Januar zwischen der Türkei und Griechenland im Mittelmeer ums Leben kamen, Kinder. Erst am Dienstag waren die Leichen von neun Flüchtlingen von der türkischen Küstenwache geborgen worden. Unter den Toten waren zwei Babys.

EU-Kommission kritisiert griechischen Grenzschutz

Laut der EU-Kommission ist es Aufgabe Griechenlands dafür zu sorgen, dass Flüchtlinge mit Booten von der türkischen Küste aus griechische Inseln erreichen. Die Brüsseler Behörde erhielt am Dienstag einen Bericht, der dem Land wegen mangelhafter Grenzkontrollen ein schlechtes Zeugnis ausstellt. Auch präsentierte sie Vorschläge, wie der Grenzschutz verbessert werden soll. Es müsse deutlich mehr Personal eingesetzt werden, sagte EU-Vizekommissionspräsident Valdis Dombrovskis.

Im Europaparlament ist indes scharfe Kritik am Flüchtlingsmanagement der EU-Staaten laut geworden. Zahlreiche Beschlüsse seien noch immer nicht umgesetzt worden, betonte der Vorsitzende der liberalen Fraktion, Guy Verhofstadt, während einer mehrstündigen Debatte in Straßburg. An der türkisch-griechischen Grenze müssten zusätzliche Aufnahmezentren eingerichtet werden. Dies müssten die Staats- und Regierungschefs beim anstehenden Gipfeltreffen Mitte Februar in Brüssel sicherstellen.

"Es geht um verdammt viel", sagte auch der Chef der konservativen Fraktion der Europäischen Volkspartei (EVP), Manfred Weber. Im Rat der 28 EU-Staaten gebe es eine Blockade, die überwunden werden müsse, forderte der CSU-Politiker. Den syrischen Flüchtlingen müsse geholfen werden. In dem Land seien bereits 250.000 Menschen getötet worden, darunter 40.000 Kinder. Die Staats- und Regierungschefs dürften nicht "historisch versagen".

"Small Group" sagt Flüchtlingen Unterstützung zu

Ähnlich äußerten sich FDP-Politiker Alexander Graf Lambsdorff und die Co-Vorsitzende der Grünen, Rebecca Harms. Auch der für Flüchtlinge zuständige EU-Kommissar Dimitri Avramopoulos beklagte die "spärlichen Fortschritte". Die beschlossene Stärkung der EU-Grenzschutzorganisation Frontex und die Einrichtung von Hotspots zur Registrierung ankommender Migranten in Griechenland und Italien müssten vorankommen. Notwendig sei ein koordinierter, gemeinsamer Ansatz - und zwar rasch. "Solange nur jeder wartet, bis die anderen was tun, wird sich die Lage weiter verschlechtern."

Ihre "volle Unterstützung" für die syrischen und irakischen Flüchtlinge hat unterdessen die "Small Group" bekundet, die sich derzeit in Rom trifft. Der Gruppe gehören jene Staaten an, die am stärksten in den Kampf gegen die Terrormiliz "Islamischer Staat" (IS) eingebunden sind. In einer Erklärung heißt es: "Die Mitglieder der Koalition werden alles unternehmen, um sicherzustellen, dass die wachsenden humanitären Bedürfnisse an Orten der Flucht befriedigt werden."

mka/AFP/dpa

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