Fotoprojekt bei Flüchtlingsrettung vor Libyen "Ich bekam wirklich Angst, dass jemand stirbt"

24 Stunden am Tag kreuzt die "Sea Eye" vor Libyen. Ihre Mission: Flüchtlinge vor der Ertrinken retten. Die Fotografin Bente Stachowskes war als Freiwillige mit an Bord - und dokumentiert dramatische Szene.

Bente Stachowske

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Bente Stachowskes schlimmster Moment war, als sie mitten auf einem langsam sinkenden Schlauchboot stand - um sie herum rund hundert geflüchtete Menschen. "Alle sollten zwar Rettungswesten tragen, aber ich war mich nicht sicher, ob jeder eine bekommen und sie auch richtig angezogen hatte. Ich bekam wirklich Angst, dass jemand stirbt." Doch die Rettungsaktion ging gut: Alle Geflüchteten gelangten sicher an Bord eines irischen Marineschiffes.

Zwei Wochen lang lebte und arbeitete die Fotografin Stachowske mit acht freiwilligen Helfern an Bord der "Sea Eye". Das Schiff gehört zur gleichnamigen deutschen Hilfsorganisation mit Sitz in Regensburg. Ihr Ziel: Flüchtlingen auf dem Mittelmeer helfen.

Die Organisation macht, auch auf ihrer Website, klar, dass es nicht darum geht, die Menschen zu transportieren oder Fluchthilfe zu leisten. Stattdessen suchen sie vor der libyschen Küste nach Booten, leisten Erste Hilfe und übergeben Gerettete an die Küstenwache. Rund 13.000 Menschen konnten "Sea Eye" seit der Gründung 2015 vor dem Ertrinken bewahren.

Zwischen Italien und der libyschen Küste sind Schiffe verschiedener Hilfsorganisationen unterwegs - neben der "Sea-Eye" und ihrem Schwesterschiff "Seefuchs" auch die von rund zehn anderen privaten Organisationen wie "Sea-Watch" oder "Jugend rettet".

Im Einsatz mit ehrenamtlichen Helfern

Flüchtlingsretter halten Wache an Deck der "Sea Eye"
Bente Stachowske

Flüchtlingsretter halten Wache an Deck der "Sea Eye"

Die Freiwilligen der "Sea-Eye" arbeiteten umsonst, bezahlen auch ihre Flüge nach Malta, wo das Schiff ablegt, selbst. Die Anfragen von potenziellen Helfern sind trotzdem weiter zahlreich. Gesucht werden aber auch hochqualifizierte Mechaniker und Seeleute.

Rund zwei Wochen dauert jeder Einsatz, in dieser Zeit verteilten die Ehrenamtlichen Hunderte Rettungswesten, Müsliriegel und Wasserflaschen, sprechen Menschen Mut zu, rufen die Seenotrettungsleitstelle oder versorgen Kranke. 24 Stunden am Tag halten sie in Schichten Wache und Ausschau nach Booten. Bei Stachowskes Einsatz traf die Crew an manchen Tagen auf keines, an anderen gleich auf vier Schlauchboote.

Bente Stachowske half mit - und fotografierte parallel: "Das war nicht so, wie man es sonst als Fotograf kennt, dass man nur Beobachter ist, das ging da nicht. Die Organisatoren haben mir im Vorfeld klar gesagt: 'Du musst da auch anpacken.'" Ihre Bilder zeigen die Helfer beim Warten, Ausschau halten und Verteilen der Rettungswesten, aber auch Menschen, die vor Erschöpfung zusammenbrechen, Todesangst in den Augen haben, Kinder in Wärmedecken gehüllt.

Fotostrecke

14  Bilder
Retter und Gerettete: An Bord der "Sea-Eye"

Wenn Stachowske normalerweise fotografiert, nimmt sie sich viel Zeit für die Menschen - die hatte sie dieses Mal nicht. Sie versuchte trotzdem, mit den Leuten Blickkontakt aufzunehmen, ein Gefühl für sie zu bekommen. Signalisierten sie, dass sie nicht abgelichtet werden wollen, dann machte es die Fotografin es auch nicht.

"Ich hatte natürlich vorher schon viele Bilder von anderen im Kopf. Ich habe aber versucht die Ereignisse nochmal auf meine Art darzustellen. Mit war das Menschliche wichtig: Einerseits diejenigen zu zeigen, die sich auf den Weg gemacht haben, aber auch die Leute, die helfen", sagt Stachowske.

Rund 1000 Menschen konnte die Mannschaft innerhalb der zwei Wochen retten. Das Fazit der Fotografin: "Es ist zwar nur ein Tropfen auf dem heißen Stein, aber ich bin trotzdem froh, dass wir diesen Menschen geholfen habe. Denn jeder Einzelne ist es wert."

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