Deutsche Seenotretter vor Lesbos "Es kommt auf Geschwindigkeit an"

Vom türkischen Festland bis zur Insel Lesbos sind es nur wenige Kilometer - doch täglich geraten hier Flüchtlinge in Seenot. Die deutsche Privatinitiative "Sea Watch" will für sie da sein. Auf Probefahrt mit ihrem neuen Boot.

SPIEGEL ONLINE

Von Lesbos berichten Daniel Etter und


Skipper Henning Toben gibt den Befehl zum Ablegen. Die "Sea Watch RIB" rauscht los zu ihrer ersten Testfahrt vor der griechischen Insel Lesbos. Die Deutschen wollen prüfen, wie ihr neues Boot fährt, bevor es ernst wird. Es ist ein 7,5-Meter langes Festrumpfschlauchboot, "RIB" in die englischen Abkürzung.

"Sea Watch" ist die erste private deutsche Rettungsinitiative für in Seenot geratene Flüchtlinge. Nach ersten Erfahrungen dieses Jahr vor der libyschen Küste mit einem - oft reparaturbedürftigen - ehemaligen Fischkutter, hat die Gruppe nun von Spendengeldern für 30.000 Euro ein ausrangiertes Boot der niederländischen Polizei gekauft.

"Das Boot geht super in die Kurven", schwärmt Philipp Hahn, Koordinator des "Sea Watch"-Einsatzes vor Lesbos, "Es hält auch raue See aus. Damit kann man richtig in die Wellen rein." Das Schlauchboot ist nicht nur wendig, sondern auch schnell: 40 Knoten sind drin, also bis zu 75 km/h. Genau das Richtige für die Mission.

"Vor Lesbos kommt es vor allem auf Geschwindigkeit an, weil viele Kinder dabei sind, die schnell ertrinken oder erfrieren können", erklärt Ruben Neugebauer, ebenfalls Mitglied der ersten "Sea Watch"- Crew vor Lesbos.

130 Ertrunkene seit Oktober

Die griechische Insel ist nur wenige Kilometer vom türkischen Festland entfernt. Geraten Flüchtlinge auf der Überfahrt in Seenot, weil ihre maroden Holzboote auseinanderbrechen oder der Motor streikt, können sie oft noch per Smartphone oder Nachrichtendienst WhatsApp ihre Position durchgeben. Doch bis die großen Boote der griechischen Küstenwache oder die Kreuzer der EU-Grenzkontrolle Frontex eintreffen, vergeht oft viel Zeit.

Auf den Booten der Grenzschützer tun vor allem Polizisten Dienst - und die sind medizinisch kaum geschult. Normalerweise gehört es auch kaum zu ihrer Aufgabe, Menschen wiederzubeleben. Doch nun ist es zu ihrem Alltag geworden. Nach Zahlen der "Internationalen Organisation für Migration" (IOM) sind seit Oktober über 130 Menschen vor der griechischen Insel ertrunken. Aber: Wer nicht als vermisst gemeldet wird oder wessen Leiche nicht anspült, taucht in der Statistik nicht auf.

Außer den Deutschen sind derzeit griechische Teams, eine dänische Gruppe und eine Gruppe spanischer Freiwilliger vor Lesbos im Einsatz. Für die nächsten Wochen haben weitere Hilfsorganisationen angekündigt, Schiffe vor Lesbos einsetzen zu wollen. "Wir bleiben so lange, wie wir gebraucht werden," sagt Ruben Neugebauer. Der Einsatz der ersten Crew vor Lesbos soll zehn Tage dauern. Dann werden sie vom nächsten Team abgelöst.

Gelernte Rettungsassistenten

"Wir werden Rettungsinseln an Bord haben, die sich selbst aufblasen, wenn man sie ins Wasser wirft", sagt Koordinator Philipp Hahn. "Auf unser Boot passen 20 Menschen. Auf den meisten Flüchtlingsbooten sind um die 40. Das können wir in zwei Fahrten schaffen", sagt er. Die Inseln sind für die Schiffbrüchigen gedacht, die auf die zweite Runde warten müssen.

Außerdem hat die "Sea Watch RIB" einen Defibrillator - als Schockgeber bei Herzproblemen - und medizinisch geschultes Personal an Bord: Henning Toben arbeitet auch im normalen Leben als Seenotretter und ist Rettungsassistent. Auch der 22-jährige Max van Laak hat die mehrjährige Ausbildung zum Rettungsassistent abgeschlossen.

Max van Laak ist durch Zufall bei "Sea Watch" gelandet. Im Frühling bekam er von einem Freund den Link zu der neu gegründeten Gruppe zugeschickt. "Ich war bis dahin einmal mit meinem Vater im Segelboot auf dem Wannsee gewesen. Aber Schiffe haben mich schon immer interessiert, und man braucht ja neue Herausforderungen", sagt er.

"Henning war erst skeptisch, weil ich keine Katastrophenschutz-Erfahrung hatte. Aber dann habe ich ihn doch überzeugt - und ich glaube, ich habe mich inzwischen als Jüngster bewährt bei Sea Watch", erinnert sich der 22-Jährige. Er war beim ersten Einsatz von "Sea Watch" im Juni vor der libyschen Küste dabei: "Wir haben zusammen in einer Woche 600 Menschen rausgefischt."

Van Laak befindet sich derzeit zwischen zwei Jobs und hat daher Zeit: Nächstes Jahr will er bei der Feuerwehr anfangen. Die anderen Crew-Mitglieder haben für ihren Lesbos-Einsatz Urlaub genommen.

Wohin? Egal. Alles ist besser als der Irak

Die Testfahrt verläuft erfolgreich. Bei der "Sea Watch RIB" scheint alles zu funktionieren. Nur den Keilriemen will sich Philipp Hahn noch einmal anschauen, denn bei höheren Geschwindigkeiten macht der Motor Geräusche, die ihm nicht gefallen. Als die vierköpfige Crew wieder im Hafen von Molyvos anlegt, läuft gerade das Patrouillenboot der griechischen Küstenwache ein. An Bord ihres Schiffes: 52 Menschen aus dem Irak und Syrien, davon 21 Kinder.

Einige der Kinder flitzen an Land und spielen mit den Wärmedecken, die von anderen geretteten Flüchtlingen zurückgeblieben sind. "Die sind ja schon wieder gut drauf", sagt Max van Laak. "Irre, was die aushalten."

Ein einziges Mädchen hängt völlig erschöpft im Arm der Mutter. Die beiden kommen aus Mossul im Irak, einer Stadt, die derzeit vom "Islamischen Staat" beherrscht wird. Wohin wollen sie? "Mir völlig egal", lacht die Mutter erleichtert. "Jedes Land ist besser als der Irak."

Kurz nach der Testfahrt ist es schon so weit: Die "Sea Watch RIB"-Crew entdeckt ein überfülltes Flüchtlingsboot, bei dem der Motor ausgefallen ist, auf halber Strecke nach Lesbos. Bis zum Eintreffen der griechischen Küstenwache stehen sie den Menschen bei. In diesem Fall bestand keine unmittelbare Gefahr - das Meer zeigte sich von seiner friedlichen Seite.

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