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Flüchtlingschaos in Europa: Auf der Flucht nach Deutschland - zum zweiten Mal

Von der griechisch-mazedonischen Grenze berichtet

Flüchtlinge an der griechisch-mazedonischen Grenze (Symbolbild): Die Routen sind überfüllt Zur Großansicht
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Flüchtlinge an der griechisch-mazedonischen Grenze (Symbolbild): Die Routen sind überfüllt

Yasser aus Damaskus hat bereits eine Aufenthaltserlaubnis für Deutschland, doch seine Frau und seine beiden Kinder waren noch in Syrien, im Krieg. Vom Balkan aus wagt er deshalb mit ihnen ein zweites Mal die gefährliche Flucht.

Die Reise von Syrien nach Deutschland ist kräftezehrend, gefährlich und demütigend. Eigentlich müsste Yasser, 42, aus Damaskus sie sich kein zweites Mal antun. Aber nun wartet er mit Hunderten anderer Flüchtlinge an der griechisch-mazedonischen Grenze. Sie wollen in den ohnehin überfüllten Zug nach Norden an die serbische Grenze und von dort weiter Richtung Westeuropa.

"Ich habe schon eine Aufenthaltserlaubnis für Deutschland", berichtet Yasser. Er trägt eine kurze braune Cordhose und ein weißes Muskelshirt. Aus einem Beutel fischt er seine Papiere: die bis August 2018 befristete Aufenthaltserlaubnis in Deutschland, den deutschen Reisepass, mit dem er überall hinreisen darf - außer nach Syrien.

Vor fast einem Jahr war Yasser bereits in Deutschland. Er war aus Syrien über Algerien nach Libyen geflohen. Von dort wagte er die gefährliche Mittelmeerüberfahrt, auf der jedes Jahr Tausende Menschen ertrinken. Yasser schaffte es bis nach Europa und kam in den Westerwald. Doch seine Frau, der neunjährige Sohn und die fünfjährige Tochter waren noch immer in Damaskus.

Yasser stellte einen Antrag auf Familiennachzug. Flüchtlinge können dann ihre engsten Verwandten nachholen: Eltern, Ehefrau und kleine Kinder. Geschwister und erwachsene Kinder sind davon ausgeschlossen. Er wurde an die deutsche Botschaft im Libanon verwiesen. Sie ist zuständig für Syrien, seit die deutsche Botschaft in Damaskus aus Sicherheitsgründen geschlossen wurde.

"Ich habe es dort versucht, aber keine Antwort bekommen", sagt Yasser. Er zeigt SPIEGEL ONLINE den E-Mail-Verkehr. Nach einem Monat bekam er doch noch eine Antwort: Man habe seine E-Mail bekommen, man werde sie prüfen, doch es gebe gerade lange Wartezeiten. Danach hörte er nichts mehr. Yasser versuchte es auf dem libanesischen Schwarzmarkt, wo Termine bei der deutschen Botschaft angeboten werden, aber auch dort blieb er erfolglos.

Also wandte sich Yasser an die deutsche Botschaft in der Türkei. Auch sie kann inzwischen Visa an Syrer erteilen. Dort sicherte man ihm zu, dass er seine Familie nachholen könne. Dazu sollten alle zum Termin in die deutsche Botschaft in der Türkei kommen - aber erst Ende August 2016. Auch diese E-Mails zeigt er SPIEGEL ONLINE. Ein Tippfehler? Yasser fragte nach. Nein, es hatte seine Richtigkeit. Viele Anfragen, lange Wartezeiten. Was tun?

"Ich kann meine Familie nicht in Syrien lassen!"

"Ich kann meine Familie nicht ein Jahr in Syrien lassen!", sagt Yasser. "Da ist Krieg. Da sterben Menschen." Die Reise über die griechischen Inseln und den Balkan nach Deutschland erschien ihm als einziger Ausweg. Diese Route ist weniger gefährlich als die lange Fahrt übers Mittelmeer von Nordafrika aus. Hunderte Menschen versuchen sie derzeit täglich, Frauen, Kinder, Alte.

Yasser bat seine Familie, in die Türkei zu kommen. Seine Frau und die Kinder waren bei seiner Schwiegermutter in Damaskus eingezogen, in einem Viertel, in dem es noch halbwegs sicher war. Seine Familie reiste in die Türkei. Er selbst beantragte drei Wochen Urlaub bei seinem deutschen Jobcenter und bekam zwei gewährt - anerkannte Flüchtlinge werden von den Jobcentern nach dem Hartz IV-Gesetz betreut.

"Meine Frau kann die Reise mit zwei kleinen Kindern nicht alleine schaffen", sagt Yasser. Von der Türkei aus zogen sie deshalb gemeinsam los. Die Familie kam vergangene Woche auf der griechischen Insel Kos an. Nach Tagen des Wartens konnten sie mit der Fähre nach Athen und von dort an die griechisch-mazedonische Grenze reisen.

Yasser will nur seinen Vornamen veröffentlicht wissen, weil er versucht, andere Menschen nach Deutschland zu bringen. Er macht sich Sorgen, dass er damit als Schlepper gelten - und seine Aufenthaltserlaubnis in Deutschland verlieren könnte.

"Das Geld reicht noch bis nach Belgrad"

Dabei war Deutschland eigentlich gar nicht Yassers erste Wahl als Fluchtziel gewesen. Als 2012 eine Bombe in sein Haus in Damaskus einschlug, reichte es ihm. Wie durch ein Wunder war die Bombe nicht explodiert. Yassers Frau und die zwei Kinder, damals zwei und sechs Jahre alt, waren zu diesem Zeitpunkt im Haus gewesen, dessen Dach nun ein großes Loch hatte. Yasser zog mit seiner Familie in den Libanon. Dort blieb er fast zwei Jahre, bis ihm klar wurde: Es gab dort für seine Familie keine Zukunft, kein Leben. Er konnte keine Arbeit finden, sie lebten von Erspartem.

In Deutschland rechnet Yasser sich bessere Chancen aus: Er hat fast zehn Jahre in Dubai gelebt und dort für Audi, Porsche und VW gearbeitet. Zweimal wurde er für Lehrgänge nach Stuttgart eingeladen. Er spricht fließend Englisch.

Nun warten Yasser und seine Familie auf dem Balkan. Um die Reise zu finanzieren, hatte sich Yasser 4000 Euro von einem deutschen Freund geliehen. Als Garantie überließ er diesem die Mitgift seiner Frau aus Gold. Doch nun sind die Flüchtlingsrouten nach Norden so überfüllt, dass alles teurer wird: Die Schlepperpreise steigen, überall müssen die Flüchtlinge lange warten, Yasser gibt Geld aus für Hotelübernachtungen. Er will mit seinen kleinen Kindern nicht im Dreck im Freien schlafen.

Es ist erst der Anfang der Reise, aber Yasser bleiben nur noch 500 Euro. "Das reicht noch bis nach Belgrad", sagt er. "Danach müssen wir schauen, was wir machen."

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Zur Autorin
Raniah Salloum ist Redakteurin im Politikressort von SPIEGEL ONLINE.

E-Mail: Raniah_Salloum@spiegel.de

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