Unterwegs mit Flüchtlingen "Nach Deutschland, bitte!"

Täglich überqueren Hunderte Menschen unerlaubt die deutsche Grenze. Wer es sich leisten kann, kommt mit dem ICE über Ungarn und Österreich. Eine Fahrt im Flüchtlingsexpress.

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Der Zug von Budapest nach Wien ist an diesem Morgen brechend voll. Kein Sitzplatz ist mehr frei, Dutzende Menschen sitzen in den Gängen auf dem Boden, blockieren die Zwischenräume zwischen den Waggons. Die meisten von ihnen stammen aus Pakistan, Afghanistan, dem Irak und Syrien.

Es ist der Tag des heiligen Stephan, ein Feiertag in Ungarn. Und damit doch wohl auch im Rest der EU? Das glauben zumindest viele hier an Bord, die nicht aus Europa kommen. Ein idealer Reisetag also, denn an einem Feiertag gibt es auch nicht so viele Polizeikontrollen. Glauben die Flüchtlinge.

Was sie an diesem Tag versuchen, ist illegal. Fast alle von ihnen wurden von der ungarischen Polizei erwischt, als sie heimlich von Serbien ins Land einreisten. Sie haben einen Asylantrag in Ungarn gestellt und müssten nun, bis dieser bearbeitet ist, dort bleiben. Doch das wollen sie nicht. Die Reisenden berichten von Prügel durch die ungarische Polizei. Sie wollen lieber in ein Land, wo sie mehr Unterstützung vom Staat bekommen. In ein Land, von dem sie glauben, dass sie dort einen Job finden oder studieren können.

"Wir wollten eigentlich nach Holland", sagt ein junger Syrer aus Damaskus. "Mein Bruder ist schon dort. Doch jetzt können wir nur noch nach Deutschland. Denn Deutschland schiebt niemanden wieder nach Ungarn ab." So hatten zuletzt deutsche Gerichte entschieden, weil sie die Zustände für Flüchtlinge in Ungarn für unzumutbar befanden. Misshandlungen seien dort an der Tagesordnung, berichteten Menschenrechtler und das Uno-Flüchtlingswerk. Einen grundsätzlichen Abschiebestopp aus Deutschland nach Ungarn gibt es bisher aber nicht.

"Flüchtlinge erster Klasse"

Der junge Syrer ist Teil einer Sechsergruppe aus Damaskus: Vater, Söhne, Bekannte, alles Männer. Sie haben die gefährliche, beschwerliche Reise nach Europa auf sich genommen. Sobald sie dort Asyl bekommen haben, wollen sie ihre Frauen und Kinder über den Familiennachzug nachholen.

Ein Student aus Aleppo hört, wie sich Damaszener im Gang unterhalten. "Wo wollt ihr hin?", fragt er. "Keine Ahnung. Ist Ostdeutschland schön?" Der Student sagt: "Ich will nach Hamburg. Da soll die Universität am besten sein." Vor einem Jahr hat er sein Ingenieurstudium unterbrochen. Im Krieg konnte er das Haus nicht mehr verlassen, draußen lauerten die Scharfschützen. Die Damaszener beschließen: Sie wollen nach Berlin. "Das ist die Hauptstadt."

Ein junger Mann mit dunklen Haaren schiebt sich an ihnen vorbei, er grüßt auf Arabisch. "Woher kommst du?", fragen die Syrer. "Aus Daraa", einer Stadt im Süden Syriens, antwortet der Mann, mit starkem irakischen Akzent. Die Syrer schauen sich grinsend an.

Als der junge Iraker weg ist, schimpft der Student aus Aleppo: "Es ist unverschämt, dass die Iraker sich jetzt als Syrer ausgeben. Alle sind plötzlich aus Deir Essor oder Hassake", zwei Städte im Nordosten Syriens, wo ein Akzent gesprochen wird, der dem irakischen ähnlich ist. "Die verstopfen die Flüchtlingsheime in Europa. Und erst die ganzen Inder!", empört er sich. Er zeigt ins Abteil hinter sich, wo einige Pakistaner und Afghanen sitzen.

Auch wenn ihr Schicksal sich gleicht, die Flüchtlinge beäugen sich misstrauisch. Die Iraker wiederum wettern über Syrer oft als "Flüchtlinge erster Klasse", weil diese derzeit ein unkomplizierteres und schnelleres Asylverfahren durchlaufen als alle anderen. "Was soll das, bei uns herrscht auch Krieg!"

Der junge Iraker kommt zurück. "Hat mich jemand einen Lügner genannt?", fragt er. Die Syrer schauen in die Luft und schweigen. Als er vorbei ist, sagt der Student leise: "Er weiß, dass wir wissen, dass er kein Syrer ist. Aber wie sollen das deutsche Behörden merken?"

Lange Schlangen am Wiener Bahnhof

Sie haben es geschafft, die Syrer, Iraker, Afghanen und Pakistaner - der Zug fährt in Wien ein, ohne eine einzige Kontrolle. Ungarn und Österreich sind Teil der Schengen-Zone, es gibt keine Grenzkontrollen. Direkt geht es weiter. Am Ticketschalter der österreichischen Bahn bilden sich lange Schlangen von jungen Männern mit dunklen Haaren und dunklem Teint, kleine Rucksäcke und zusammengerollte Isomatten neben sich.

"Heute geht es noch, die stehen manchmal bis da vorn", sagt eine Ticketverkäuferin lapidar und zeigt hinaus aus dem Büro mit vier geöffneten Schaltern bis in die Bahnhofshalle. Ihr Kollege sagt: "Ich hab nicht den Eindruck, dass die Herrschaften alles Touristen sind."

Frankfurt, Berlin, Hamburg, Stuttgart und Bremen werden am Ticketschalter gewünscht. Die meisten wählen eine Stadt, in der sie jemanden kennen oder von der sie schon einmal gehört haben. Viele sprechen kein Englisch. Eine Gruppe beschränkt ihren Wunsch schlicht auf: "Germany, please". Nach Deutschland, bitte.

"Werden die deutschen Polizisten uns schlagen?"

Im ICE 26, der nun weiter über die deutsche Grenze fährt, sitzen rund 40 Syrer und Iraker. Vor Beginn der jüngsten Gewaltwelle gab es in Syrien und im Irak eine ausgeprägte Mittelschicht. Deswegen können sich viele Flüchtlinge von dort die teuren Tickets noch leisten. Menschen mit weniger Geld legen die Strecke in günstigeren Regionalzügen oder gleich zu Fuß zurück. Sie beantragen in dem Land Asyl, in dem ihnen das Geld ausgeht. Oder die Kraft.

Doch auch die Syrer und Iraker im Schnellzug nach Deutschland spüren die Erschöpfung: Sie fallen in die weichen Sitze, schlafen sofort ein, den Kopf auf die Tischplatte gelegt. Zwei Wochen ohne Pause waren sie unterwegs, zu Fuß, in überfüllten Zügen, in Bussen, haben im Freien geschlafen und kaum etwas gegessen.

Der Zug fährt ein in Berlin, die Damaszener steigen verschlafen aus. Das Ende einer langen Reise. Sie wollen einen Polizisten suchen, bei dem sie sich melden und Asyl beantragen können. "Werden sie uns schlagen, wie die Polizisten in Mazedonien, Serbien und Ungarn?", fragt einer der Teenager besorgt.

Sein Vater winkt ab. "Lasst uns erst noch etwas essen. Wer weiß, ob wir nachher im Flüchtlingslager noch etwas einkaufen können." Sie steuern eine Fast-Food-Bude an, wo es panierten Fisch mit Pommes gibt. Das letzte Essen, bevor ein neues Leben für sie beginnt.

Im Video: Bericht aus der mazedonischen Grenzstadt Gevgelija

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Zur Autorin
Raniah Salloum ist Redakteurin im Politikressort von SPIEGEL ONLINE.

E-Mail: Raniah_Salloum@spiegel.de

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