Umstrittene Flugblattaktion in Idomeni Die gefährlichen Helfer

Freiwillige Helfer leisten Großartiges für Flüchtlinge in ganz Europa - aber zuletzt gab es auch fragwürdige Vorfälle. Hinter der umstrittenen Flugblattaktion in Idomeni sollen deutsche Aktivisten stecken.

Von , Yannic Rehm und , Idomeni

Verzweifelte Flüchtlinge
Getty Images

Verzweifelte Flüchtlinge


Norbert Blüm sitzt an diesem Dienstagmorgen in seiner Bonner Stadtvilla und sagt immer wieder das Gleiche ins Telefon: "Ich habe nichts damit zu tun." Die Anrufer wollen wissen, was es mit dem Flugblatt auf sich hat, das im griechischen Flüchtlingslager Idomeni mit der Signatur "Kommando Norbert Blüm" kursiert. Viele Hundert Menschen sollen am Montag dem Aufruf gefolgt sein, über eine alternative Route die Grenze nach Mazedonien zu überqueren - in Idomeni ist die Grenze dicht.

Während Blüm, 80, zu Hause am Hörer hängt und sich von dem Flyer distanziert, durchkämmen griechische Reporter das Flüchtlingslager nach ihm. Sie rufen: "Where is Blum?"

In Griechenland sorgte der Aufruf für große Aufregung. Denn tatsächlich war der CDU-Politiker am Wochenende in dem Lager gewesen und hatte sogar eine Nacht in einem schlammigen Zelt verbracht. Er habe natürlich Verständnis für die Verzweiflung der Menschen, sagt der langjährige Bundesarbeitsminister. "Aber ich hätte sie nie zu so etwas ermuntert." Er wisse nicht, wie sein Name auf das Flugblatt komme und wer dahinterstecke.

Blüm in Idomeni
DPA

Blüm in Idomeni

Aber wer hat dieses Flugblatt verfasst, in arabischer Sprache, mit einer detaillierten Fluchtskizze - und es dann Blüm zugeschrieben?

Der ominöse Vorgang zeigt aber auch, wie weit Aktivisten inzwischen in der Flüchtlingskrise mitunter gehen. Ohne die Tausenden von freiwilligen Helfern in Europa würde es den Männern, Frauen und Kindern auf der Flucht zweifellos viel schlechter gehen. Aber in diesem Fall haben die Initiatoren des Aufrufs jene Menschen, die ihm folgten, in Gefahr gebracht: Die Bilder der Flüchtlinge, die am Montag einen reißenden Fluss zu überqueren versuchten, sind dramatisch. Und am Ende wurden sie doch wieder von mazedonischen Polizisten gestoppt.

Erst in der Nacht von Sonntag auf Montag waren drei Menschen ertrunken, die ebenfalls einen Alternativweg nach Mazedonien suchten. Unklar ist, ob die Ertrunkenen auf eigene Faust unterwegs waren, mithilfe von Schleppern - oder vielleicht auch mit der Unterstützung von Aktivisten.

Flugblatt

Flugblatt

Aus dem Flüchtlingscamp im französischen Calais hatte es jüngst Berichte gegeben, wonach Aktivisten dort Flüchtlinge zu Gewalt gegen Behörden und zu anderen drastischen Aktionen überredeten. Vor allem das Netzwerk "No Borders" soll dort aktiv sein - es lehnt jede Form von Grenzen zwischen Nationalstaaten ab.

Im Internet veröffentlichten die Aktivisten vergangene Woche zwei Videos, in denen sich iranische Flüchtlinge ihre Lippen zusammennähen ließen. Anschließend zeigten die Flüchtlinge Plakate mit der Aufschrift "Hört ihr uns jetzt zu?" Mehrfach organisierte "No-Borders" zudem Straßenblockaden mit Flüchtlingen, bei denen Fahrzeuge mit Steinen beworfen wurden.

Die französische Regierung kritisierte die Bewegung daraufhin scharf. Die Aktivisten instrumentalisierten und manipulierten die Flüchtlinge, sagte Innenminister Bernard Cazeneuve. "No-Borders" aber will so weitermachen. "Wir sehen den Kampf gegen Grenzkontrollen als Teil eines Kampfes gegen jede Form von Herrschaft und Ausbeutung", heißt es auf deren Webseite.

Im Video: Der gefährliche Fluchtversuch

In Idomeni geht unterdessen die Suche nach den Flugblattschreibern weiter. Aus griechischen Behörden ist von einer Theorie zur Herkunft des Flyers zu hören: Ein Flüchtling, der die mazedonische Grenze bereits überquert hatte, habe eine Karte seiner erfolgreichen Flucht gezeichnet. Diese Skizze ließ er jemandem in Idomeni zukommen, dann entstand das Flugblatt.

Polizei und Mitarbeiter von Hilfsorganisationen vor Ort vermuten, dass das Flugblatt zuerst von einer Gruppe deutscher Aktivisten verteilt wurde. Die Gruppe gebe Suppe an Flüchtlinge aus, einige der Mitglieder hätten den Flüchtlingen am Montag bei der Überquerung des Flusses geholfen. Dass Blüm auf dem Flyer erwähnt wird, weist jedenfalls auf die Beteiligung von Deutschen hin.

Aus Athen heißt es: "Flüchtlinge und Migranten wurden durch falsche Informationen in die Irre geführt." Ein Regierungssprecher sagte weiter: "Das Ganze hat die Flüchtlinge in Gefahr gebracht, als sie reißende Flüsse durchqueren mussten." Ermittlungen sind laut einem leitenden Polizeibeamten aus Idomeni aber nicht geplant: "Wir haben im Moment wichtigere Dinge zu tun."

Es gibt noch eine Theorie: Der Sprecher des Uno-Flüchtlingshilfswerks UNHCR in Idomeni, Babar Baloch, hält es für möglich, dass der Flyer das Werk krimineller Schmuggler-Netzwerke war. Das würde aber nicht die Sache mit dem "Kommando Norbert Blüm" erklären.

Ein 24-jähriger Syrer, der an dem Fluchtversuch am Montag teilnahm, berichtet, er selbst habe den Flyer gar nicht gesehen. Freunde hätten ihm von der Aktion erzählt, NGOs sogar vor der Festnahme gewarnt. Aber: "Wir mussten es einfach versuchen", sagt der Mann.

Forum
Liebe Leserinnen und Leser,
im Unterschied zu vielen anderen Artikeln auf SPIEGEL ONLINE finden Sie unter diesem Text kein Forum. Leider erreichen uns zum Thema Flüchtlinge so viele unangemessene, beleidigende oder justiziable Forumsbeiträge, dass eine gewissenhafte Moderation nach den Regeln unserer Netiquette kaum mehr möglich ist. Deshalb gibt es nur unter ausgewählten Artikeln zu diesem Thema ein Forum. Wir bitten um Verständnis.

© SPIEGEL ONLINE 2016
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung der SPIEGELnet GmbH


Die Homepage wurde aktualisiert. Jetzt aufrufen.
Hinweis nicht mehr anzeigen.