Flüchtlingsboot im Mittelmeer: Küstenwachen sollen Schiffbrüchige im Stich gelassen haben

Von und Jonathan Stock

Überlebende eines Flüchtlingsdramas im Mittelmeer berichten von grausigen Szenen: Tagelang trieb ihr Boot manövrierunfähig im Wasser. Mehr als 60 Männer, Frauen und Kinder verdursteten - doch weder die Küstenwachen Italiens und Maltas noch ein Flugzeugträger halfen den Schiffbrüchigen.

Rettungseinsatz vor Lampedusa: Das Foto zeigt einen Einsatz der italienischen Küstenwache am Sonntag. In diesem Fall wurden mehr als 500 Flüchtlinge gerettet Zur Großansicht
DPA

Rettungseinsatz vor Lampedusa: Das Foto zeigt einen Einsatz der italienischen Küstenwache am Sonntag. In diesem Fall wurden mehr als 500 Flüchtlinge gerettet

Hamburg - Jeden Tag versuchen Dutzende Menschen aus Nordafrika übers Mittelmeer nach Europa zu gelangen, vor allem die Behörden auf Malta und auf der italienischen Insel Lampedusa scheinen angesichts des Flüchtlingsstroms zunehmend überfordert. Jetzt ist es offenbar zu einem tödlichen Drama auf See gekommen, bei dem europäische Behörden und die Nato schweren Vorwürfen ausgesetzt sind: Sie sollen es versäumt haben, in Seenot geratene afrikanische Flüchtlinge zu retten. Das berichtet der britische "Guardian" an diesem Montag in seiner Online-Ausgabe unter Berufung auf Augenzeugen. Demnach verhungerten und verdursteten zwischen dem 25. März und dem 10. April 61 von insgesamt 72 Passagieren eines libyschen Flüchtlingsbootes, das nach Treibstoffverlust manövrierunfähig zwischen Libyen und Italien auf offenem Meer trieb.

Am 25. März sei das Boot in Tripolis mit dem Ziel Lampedusa aufgebrochen. Nach 18 Stunden Fahrt habe es erste Probleme gegeben, als immer mehr Treibstoff austrat. Den Augenzeugen zufolge rief der aus Ghana stammende Kapitän des Schiffes per Satellitentelefon die Flüchtlingsorganisation Habeshia an. Deren Vertreter, Moses Zerai, erklärte, er habe daraufhin unverzüglich die italienische Küstenwache informiert.

Das Generalkommando der italienischen Küstenwache bestätigte SPIEGEL ONLINE, dass ein Notruf eingegangen sei und dass man diesen an die Kollegen in Malta weitergeleitet habe. "Das Flüchtlingsboot befand sich außerhalb der italienischen Such- und Rettungszone", sagte Kommandant Cosimo Nicastro.

"Das ist das übliche Prozedere"

Den Überlebenden zufolge näherte sich kurz nach dem Notruf ein Militärhubschrauber unbekannter Herkunft dem Boot, das sich zu diesem Zeitpunkt etwa 60 Meilen (97 Kilometer) vor der libyschen Küste befand. Die Piloten hätten Wasser und Kekse abgeworfen und erklärt, Hilfe sei auf dem Weg, der Kapitän solle das Boot auf Kurs halten. Dann sei der Helikopter mit dem Schriftzug "Army" einfach verschwunden.

Major Ivan Consiglio, Sprecher der maltesischen Armee, bestätigte SPIEGEL ONLINE die Kontaktaufnahme durch die italienischen Behörden: "Das ist das übliche Prozedere", sagte Consiglio. Das Schiff habe sich allerdings außerhalb der maltesischen Such- und Rettungszone (SAR) befunden, verantwortlich seien die libyschen Behörden gewesen. Er bestritt auch, dass maltesische oder italienische Armeehubschrauber über dem Flüchtlingsboot gekreist seien. "Unsere Helikopter haben nicht das Wort "Army" auf dem Flugwerk stehen", so der Sprecher.

Während die italienischen und maltesischen Behörden tatenlos blieben, spielten sich an Bord des Flüchtlingsschiffs grausame Dramen ab. Stundenlang warteten die Migranten dem "Guardian" zufolge nach dem Helikopter-Anflug auf ein Rettungsschiff. Der Treibstoffvorrat war auf 20 Liter gesunken, ab dem 27. März trieb das Boot manövrierunfähig auf offener See. "Wir hatten kein Öl, wir hatten keine Lebensmittel und kein Wasser", berichtete einer der neun Überlebenden, der 24-jährige Eritreer Abu Kurke, dem Blatt.

"Jeden Morgen fanden wir weitere Leichen"

Am 29. oder 30. März soll sich ein Nato-Flugzeugträger dem Flüchtlingskahn genähert haben - laut "Guardian" soll es sich dabei vermutlich um den atombetriebenen Flugzeugträger der französischen Marine, Charles de Gaulle, gehandelt haben.

Doch auch dieses Mal wurde den Flüchtlingen offenbar nicht geholfen: Zwei Flugzeuge sollen über dem Boot gekreist und wieder abgedreht sein. "Jeden Morgen wachten wir auf und fanden weitere Leichen", so Kurke. "In den letzten Tagen kannten wir uns selbst nicht mehr (…) entweder beteten die Leute oder sie starben gerade."

"Die 'Charles de Gaulle' war zu keinem Zeitpunkt in Kontakt mit dem genannten Boot", dementierte der Sprecher der französischen Armee, Colonel Thierry Burkhard, laut der französischen Wochenzeitung "Nouvelle Observateur". Auch kein anderes französisches Schiff sei in der Nähe gewesen.

Nato-Sprecherin Carmen Romero sagte SPIEGEL ONLINE, dass zu dem betreffenden Zeitpunkt nur ein Flugzeugträger unter Nato-Kommando stand: das italienische Kriegsschiff "Garibaldi". Dieses habe sich allerdings mehr als hundert Seemeilen von der Küste entfernt befunden und das Flüchtlingsschiff nicht bemerken können.

"Nato-Schiffe haben schon Hunderte von Leben gerettet und sind sich voll ihrer Verantwortung bewusst, die sie gemäß des Internationalen Übereinkommens zum Schutz des menschlichen Lebens auf See (SOLAS) tragen", so Romero. So hätten Nato-Schiffe beispielsweise in der Nacht auf den 27. März mehr als 500 Personen rund 50 Seemeilen nordöstlich von Tripolis gerettet und nach Italien transportiert.

Überlebt, weil er seinen eigenen Urin trank

Für die meisten Menschen auf dem Flüchtlingsboot, das laut "Guardian" in Seenot geriet, gab es dagegen keine Rettung. An Bord waren demnach 20 Frauen und zwei Kleinkinder, eines davon gerade mal ein Jahr alt. "Wir haben eine der abgeworfenen Flaschen mit Wasser für die Kinder bereitgestellt und sie damit gefüttert, als die Eltern bereits tot waren", berichtete der Überlebende Abu Kurke. Doch die Kleinen seien nach zwei Tagen gestorben. Laut eigener Aussage überlebte Kurke selbst nur deshalb, weil er seinen eigenen Urin trank und zwei Tuben Zahnpasta zu sich nahm.

Am 10. April schließlich sei das Flüchtlingsboot mit elf Überlebenden an der libyschen Küste in der Nähe von Sliten bei Misurata an Land gespült worden. Dort sei ein Mann gestorben, kurz darauf ein weiterer im Gefängnis, wohin die libyschen Behörden die Flüchtlinge für vier Tage brachten. Die Übrigen harren jetzt in der Hauptstadt Tripolis aus und haben bereits angekündigt, trotz der Strapazen einen weiteren Fluchtversuch unternehmen zu wollen.

"Es war furchtbar, es gab wahnsinnig viele Leichen"

Die humanitäre Situation auf der Mittelmeerinsel Lampedusa ist weiter desolat. Erst am Sonntag war ein Boot mit knapp 500 aus Libyen geflohenen Afrikanern auf Felsen in der Nähe des Hafens von Lampedusa aufgelaufen. Nur dank des gemeinsamen Einsatzes von Küstenwache, Polizei, Carabinieri und Hilfsorganisationen konnten alle Männer, Frauen und auch kleine Kinder aus dem Wasser gerettet werden. Am Montag wurden bei Bergungsarbeiten unter dem Boot drei Leichen geborgen.

Außerdem soll es vor der libyschen Küste zu einem weiteren Unglück gekommen sein. Flüchtlinge auf Lampedusa berichteten der Nachrichtenagentur Ansa, dass ein Boot bei der Abfahrt aus Tripolis gesunken sei. "Sie waren direkt vor uns in Ufernähe, als das überfüllte Boot kenterte, womöglich wegen eines falschen Manövers", sagte ein Flüchtling. "Es war furchtbar, es gab wahnsinnig viele Leichen."

Nach Angaben von Ansa ereignete sich das Unglück am Freitag im Morgengrauen. Rund 600 Menschen hätten sich auf dem Boot befunden. Wie die Augenzeugen berichteten, die selbst auf einem Schiff mit 800 Flüchtlingen aus Tripolis abgefahren waren und am Sonntag Lampedusa erreichten, starben "Dutzende und Dutzende Menschen", während andere sich schwimmend ans Ufer retten konnten. Eine offizielle Bestätigung für das Unglück gab es zunächst nicht.

Seit Beginn der nordafrikanischen Revolutionswelle im Januar landeten etwa 30.000 Menschen auf der 20 Quadratkilometer großen Insel. Derzeit warten 1300 Bootsflüchtlinge aus Libyen darauf, in italienische Aufnahmezentren auf dem Festland gebracht zu werden. Allein von Freitag bis Sonntag hatten rund 2000 Menschen auf der Flucht vor dem Bürgerkrieg die Insel erreicht.

Die ersten Flüchtlinge wurden am Sonntagabend mit einer Fähre weggebracht. Ein weiteres Passagierschiff, die "Excelsior", wartete vor dem Hafen darauf, die übrigen 1300 von der Insel zu bringen. Alle Flüchtlinge sollen auf andere Auffangzentren auf Sizilien und dem italienischen Festland verteilt werden.

Seit Anfang April gilt ein Abschiebeabkommen zwischen Rom und Tunis. Seither kommen zunehmend Immigranten aus Libyen, die vor den anhaltenden Kämpfen in dem Land flüchten.

Mit Material der Agenturen

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Forum - Diskussion über diesen Artikel
insgesamt 167 Beiträge
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1. naja
leser_81 09.05.2011
Wer bitteschön soll das denn glauben? Das kommt mir immer genau so vor wie irgenwelche Aussagen, die von Rebellen im Lybien stammen. Da kann man auch immer sehr dran zweifeln. Was kommt jetzt nach dieser Geschichte? Entschädigungsforderungen von Flüchtlingen? Forderung des Bleiberechts? ... sorry aber die Geschicht kommt mir doch sehr erfunden vor.
2. t
loncaros 09.05.2011
Mit Hilfe des Pakets, das der Hubschrauber abwarf, sollte sich die Zugehörigkeit der Maschine doch wohl ganz leicht klären lassen...
3. üble Propaganda
elbröwer 09.05.2011
was soll das nicht verifizierbar, in wessen Auftrag wird dies veröffentlicht?
4. Traurig, aber
HBRSS 09.05.2011
Zitat von sysopÜberlebende eines Flüchtlingsdramas im Mittelmeer berichten von grausigen Szenen: Tagelang trieb ihr Boot manövrierunfähig im Wasser. Immer mehr Männer, Frauen und Kinder verdursteten - doch weder die Küstenwachen Italiens und Maltas noch ein Flugzeugträger halfen den Schiffbrüchigen. http://www.spiegel.de/politik/ausland/0,1518,761467,00.html
was soll diese Berichterstattung? Das ist Hörensagen und darf nicht mit tatsächlichen Vorkommnissen verwechselt werden. Wahrscheinlich wird Europa wieder mal viele Flüchtlinge aufnehmen und dem Zuzug unqualifizierter Mitmenschen Tür und Tor öffnen. Wir haben es ja! Menschen, die eine vermeintlich bessere Zukunft z. B. in Deutschland suchen neigen oftmals zu maßlosen Übertreibungen und Lügen.
5. Ganz ehrlich?
Wallenstein, 09.05.2011
Vielleicht wäre es sinnvoller und ehrlicher, in Nordafrika Flyer zu verteilen, dass man diese Boat-People in Europa nicht haben will. Vorteil wäre auch, dass sie ihr Geld nicht sinnlos an Schlepper verschwenden.
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