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Flüchtlingsdrama im Libanon: "Vor meinen Kindern versuche ich, fröhlich zu sein"

Aus Beirut berichtet Ulrike Putz

120.000 Libanesen sind auf der Flucht vor dem Krieg im Süden des Landes in der Hauptstadt Beirut gestrandet. Viele campieren in Schulen, Parks und Tiefgaragen - und überleben nur dank der Solidarität der Nachbarschaften.

Die guten Zeiten des Parks von Sanayeh dürften für lange Zeit vorbei sein. Die Blumenrabatten und Rosen des Gartens sind zu Opfern des Krieges geworden, der seit einer Woche im Südlibanon tobt: Hunderte Flüchtlinge haben sich auf das Stück Grün von der Größe eines Häuserblocks gerettet, manche sind schon seit einer Woche da.

Wo sonst Liebespaare flanieren hocken Menschen, deren Leben seit einer Woche aus den Fugen geraten ist. Menschen, die auf Gartenanlagen keine Rücksicht nehmen können und die die dunklen Winkel des Parks in Latrinen verwandelt haben. Menschen, die unter freiem Himmel auf Matratzen und Schaumstoffstücken schlafen. Die - zur Untätigkeit verdammt - tagsüber im Schatten sitzen, vor sich hinstieren und nicht wissen, was werden wird.

Bis vor einer Woche war Zahar Zayoun Fischer. Wie immer hatte er sich am vergangenen Donnerstag von seiner Wohnung in Südbeirut aufgemacht und war zum Fischen herausgefahren, als es plötzlich anfing, Raketen zu regnen. "Sie kamen von beiden Seiten. Die Hisbollah versuchte vom Land, israelische Kriegsschiffe zu treffen, die Israelis schossen zurück." In Panik machte er sich auf den Rückweg, zu Hause fand er seine Frau Samira und seine fünf Kinder völlig verängstigt. "Zu Fuß sind wir durch die Nacht Richtung Norden gelaufen, bis uns endlich ein Taxi mitgenommen hat." Sie ließen sich nach Sanayeh bringen, ein relativ sicheres Stadtviertel in Westbeirut. Seitdem lebt Familie Zayoun im Park.

Seit Beginn der Bombardierungen im Süden sind nach Schätzungen der libanesischen Regierung 120.000 Menschen innerhalb des Landes auf der Flucht. Es sind die einfachen Leute, die ohne ausländischen Pass und ohne Geld versuchen, das Land zu verlassen. "Die Hälfte der internen Vertriebenen ist bei Verwandten oder bei Freunden untergekommen", sagte der libanesische Finanzminister Jihad Azour am gestrigen Dienstag. Etwa 40.000 Flüchtlinge seien in Schulen untergekommen. Die Übriggebliebenen sieht man, wenn man in diesen Tagen durch Beirut fährt: Sie lagern in Parks, Busbahnhöfen, Tiefgaragen und Bauruinen.

Studenten helfen den Flüchtlingen

Der Park von Sanayeh war für Familie Zayoun eine gute Wahl: Immer wieder halten teure Autos vor dem Parkeingang, den Kofferraum voller Lebensmittelspenden. Frauen aus der Nachbarschaft bringen ab und zu ein warmes Essen, nach einer Woche verlangen vor allem die Kinder nach etwas anderem als Sandwiches. Ein Freundeskreis von Studenten aus dem Viertel hat vor vier Tagen ein "Zivilkomitee für Flüchtlingshilfe" gegründet. Der frisch ernannte Pressesprecher Sargoum trat am ersten Tag im Fernsehen auf, seitdem füllt sich das neu eingerichtete Spendenkonto.

Mit dem ersten Geld haben die Studenten unter einem Eukalyptusbaum zwei Trinkwassertanks aufstellen lassen. Drei- bis vierhundert Menschen leben momentan im Park, schätzt Sargoum. "Wir haben uns das zwei Tage mit angesehen und dann gehandelt. Man träumt doch immer davon, mal etwas Gutes zu tun. Jetzt ist unsere Gelegenheit gekommen."

Die Libanesen sind ein Volk, dass so zerstritten ist wie wohl kaum ein anderes. Mehrere Dutzend Religionen, gewaltige Klassenunterschiede und politische Meinungen von ganz rechts bis extrem links haben es schon einmal in einen verheerenden Bürgerkrieg getrieben. In diesen Tagen jedoch greift die Solidarität, Nachbarschaften, Sportclubs, Firmenbelegschaften und Parteien helfen, wo sie können - letztere sind sich der Wirkung bei der potentiellen Wählerschaft unter den Vertriebenen durchaus bewusst und schmücken ihre Camps mit den Parteifahnen.

Wo die Regierung, schwach und von der Krise hoffnungslos überfordert, erst jetzt anfängt zu handeln, hat die Zivilgesellschaft längst reagiert. Die Not hat zusammengeschweißt, obwohl beileibe nicht alle Libanesen den Schuldigen südlich der Grenze in Israel verorten. Viele, vor allem christliche Libanesen wären froh, wenn die Hisbollah Geschichte wäre. Das ist das eigentümliche an dieser Situation: Für ein Volk unter Beschuss sind die Ansichten, die man auf den Straßen und in den Auffanglagern zu hören bekommt, erstaunlich differenziert. Nicht wenige verfluchen die Hisbollah und verweisen darauf, dass Israel zur Selbstverteidigung natürlich kämpfen soll - "aber gegen diese Schiitenmiliz, nicht gegen das libanesische Volk".

"Extrem verloren"

In einer Realschule im christlichen Ashrafieh sind in den Klassenzimmern Bänke und Tische zusammengeschoben, an den Tafeln hängen Kleider zum trocknen, Kinder spielen auf dem Fußboden. Zwölf Menschen müssen sich ein Zimmer teilen, egal ob verwandt oder nicht. In Klassenzimmer Nummer fünf sitzt Fatma Hatir. Sie ist mit ihren anderthalbjährigen Sohn hierher geflüchtet und kommt sich trotz der vielen Menschen hier "extrem verloren" vor. Sie lebt mit ihrem Mann in Kuweit, war aber bei ihrer Familie im südlibanesischen Saida zu Besuch, als die ersten Raketen einschlugen. Ihre Eltern wollten nicht weg, also ist sie allein los, sitzt nun hier und will zurück ins sichere Kuwait. Wie sie das schaffen soll, weiß sie nicht, ihr fehlt das Geld für ein neues Rückflugticket. Trotzdem will sie weiter, die Lage in der Schule sei unhaltbar: "Erst heute, nach vier Tagen, habe ich Babynahrung bekommen, vorher musste ich meinen Kleinen mit Kräuterkäse füttern, er hat fürchterlichen Durchfall", sagt sie.

Ein Klassenzimmer weiter wohnt Familie Azzedine auf zwei Strohmatten. Am Samstag geriet ihr Quartier im Südbeiruter Vorort Haret Hreik unter Beschuss. Die sechsköpfige Familie floh im Pyjama, kurz darauf kollabierte ihr Wohnblock. Vater Azzedine Azzedine hat seitdem nichts mehr von seinem Bruder gehört, der mit drei Kindern in der Nachbarwohnung lebte. "Ich hoffe er ist in einem anderen Auffanglager. Wir sind einfache Leute, wir haben keine Handys mit denen wir uns finden könnten." Der Anstreicher macht sich Sorgen, weil er nicht arbeiten kann. "Ich habe sechs Münder zu füllen, und bald ist mein Bargeld aufgebraucht." Das ist der Unterschied zwischen dieser Evakuierung und den Flüchtlingen zu Beginn des Bürgerkriegs 1975: Damals ging es dem Land im Vergleich zu heute wirtschaftlich glänzend, viele hatten Erspartes, von dem sie monatelang zehren konnten.

Geld ist auch das Thema, dass Zahar Zayoun im Park von Sanayeh umtreibt. Immer wieder betont er, er sei kein armer Mann, er habe ein respektables Zuhause, wo er nach dem Krieg gern zum Tee bitten möchte: Der Versuch eines Vaters, Würde zu bewahren - auch wenn er seinen Kindern seit sieben Tagen nur eine einzelne Schaumstoffmatte im Schatten einer Pinie als Heimat bieten kann.

"Vor meinen Kindern versuche ich fröhlich zu sein, auch wenn es mir schwer fällt", sagt Zahar Zayoun. "Die Kleinen glauben noch immer, das sei ein großer Spaß. Ein Ferienlager in einem Park mit Spielplatz, in dem auch viele andere Kinder sind."

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