Flüchtlingsdramen Massengrab des europäischen Traums

Sie leben auf Abruf: Klingelt das Handy, dann geht es weiter Richtung Griechenland. In der "Somali-Street" in Istanbul warten Zehntausende Flüchtlinge darauf, endlich nach Europa aufzubrechen - ein Weg, der für viele in den Fluten des Grenzflusses endet. SPIEGEL TV hat sie begleitet.

Aus Sidero berichtet Peter Hell

SPIEGEL TV

Die letzte Lieferung, die Mehmet Saramet aus dem Krankenhaus von Alexandroupolis abholt, ist in weiße Leinentücher verpackt. An diesem Tag sind es sieben Körper, die er in seinen Kleintransporter stapelt. Die Namen der Toten kennt er nicht, auch nicht ihre Herkunft oder die genauen Umstände ihres Todes. Was er jedoch kennt, ist dieser unerträgliche Leichengeruch, den er niemals vergessen wird.

Mehmet Saramet, 33, ist ein junger Imam aus dem griechischen Dorf Sidero. Die 150-Seelen-Gemeinde liegt auf einer grünen Anhöhe, dreißig Kilometer südlich der bulgarischen Grenze. Die Bewohner gehören zur muslimischen Minderheit in dieser Region, die Dorfmitte ziert eine Moschee.

Sidero hat sich als Gemeinde bereiterklärt, eine letzte Ruhestätte für jene zur Verfügung zu stellen, deren Leben auf der Flucht in den Fluten der Maritza ein Ende findet. Denn der Grenzfluss trennt die Türkei von Griechenland.

In Sidero liegen 167 Flüchtlinge aus der Dritten Welt in einem Massengrab. Die meisten von ihnen hat Mehmet Saramet aus der Pathologie des Krankenhauses in Alexandroupolis abgeholt und nach Sidero gefahren.

Das Massengrab ist etwa halb so groß wie ein Fußballfeld und liegt auf einem Hügel in Sichtweite des Dorfes. Ein drei Meter hoher Gitterzaun soll die Ruhestätte vor allzu neugierigen Besuchern schützen. Der Boden ist lehmig, die Gräber hastig aufgeschüttet. "Mehr können wir nicht machen", sagt Mehmet Saramet. "Wir wissen ja noch nicht einmal die Namen der Toten, die wir hier beerdigen müssen."

Andächtig steht der Imam vor der Gräberreihe. Er gibt sich Mühe, seine Wut zu unterdrücken. "Sehen Sie, wir haben lediglich Holzpfähle aufstellen können, um die Gräber zu markieren. Die Menschen, die hier liegen, verkaufen ihr Hab und Gut. Sie geben alles den Menschenhändlern, in der Hoffnung, in Europa ein besseres Leben führen zu können. Und dann landen sie hier. Es ist beschämend."

Der Exodus der Flüchtlinge aus der Dritten Welt - hier in Griechenland bekommt er ein Gesicht.

"Wer hier lebt, ist ein Illegaler"

Wegen der scharfen Kontrollen in Spanien haben die Schleuser ihre Schlepperrouten in den Osten verlagert. Inzwischen gilt der hellenische Staat als Einfallstor eines unkontrollierten Stromes von Menschen aus Somalia, Afghanistan, dem Irak oder Algerien. Wer Griechenland erreicht, der ist in der EU und kann so schnell nicht abgeschoben werden.

Bis jetzt haben die Behörden mehr als 850.000 illegale Einwanderer registriert, über 500.000 sollen noch nicht erfasst sein. Der Großteil der Flüchtlinge wählt den Weg über die Türkei hierher.

Das operative Zentrum der Menschenschmuggler befindet sich in Istanbul. Die heruntergekommenen Gassen des Stadtteils Kumkapi dienen als Anlaufstation Tausender Flüchtlinge, die meisten kommen aus Somalia.

Erst in den Abendstunden füllen sich die Straßen in dieser Gegend Istanbuls. Die meist jungen Männer stehen in Gruppen in Hauseingängen, das Handy griffbereit. Als SPIEGEL TV die Szenerie filmen will, drehen sich die meisten weg. "Wer hier lebt, ist ein Illegaler", sagt Mohammad, 26. "Wir nennen das hier die Somali-Street. Alle warten nur auf einen Anruf des Kontaktmanns, der uns weiter nach Griechenland bringt."

Mohammad stammt aus Mogadischu und ist so etwas wie ein Sprecher der Somalis. Vor drei Monaten ist er mit seinen drei Freunden von Schleppern nach Istanbul gebracht worden. "Wir haben 7000 Dollar pro Kopf gezahlt und sind mit einem Schiff gekommen. Mehr kann ich nicht sagen. Diese Leute sind sehr gefährlich."

Das Geschäft der Menschenhändler ist lukrativer als der Handel mit Drogen. Bis zu 10.000 Dollar zahlen die Flüchtlinge an die skrupellosen Schleuser, um unter lebensgefährlichen Umständen nach Europa zu gelangen.

Erst Mitte Januar sind vor der griechischen Insel Korfu mindestens dreißig Afghanen ertrunken, als ihr Schiff auf dem Weg nach Italien Leck schlug und kenterte. Die Schlepper hatten das kleine Boot mit 260 Menschen hoffnungslos überladen. Ein zufällig vorbeifahrender holländischer Frachter, konnte 230 Flüchtlinge retten und an Bord nehmen.

Leben auf Abruf in der Somali-Street

Mohammad und seine Freunde sind noch nicht am Ziel. Zu viert bewohnen sie ein neun Quadratmeter kleines Zimmer in einem abbruchreifen Mietshaus auf der Somali-Street. Auf jeder Etage leben zwanzig Flüchtlinge, verteilt auf fünf Räume. Pro Zimmer kassiert der türkische Eigentümer fünfhundert Euro pro Monat.

In Mohammads Zimmer stehen zwei Betten, daneben zwei kleine Sporttaschen, in denen die jungen Männer ihre wenigen Habseligkeiten verstaut haben. Wie sie die monatliche Miete aufbringen, sagen sie nicht. "Wir müssen bereit sein, wenn der Anruf kommt", erzählt er. "Die Kontaktleute wollen, dass alles schnell geht. Es gibt einen Treffpunkt, dann wird man in einem kleinen Transporter an die Grenze gebracht. Ich will weiter nach Deutschland."

Von Istanbul bis zur griechischen Grenze sind es zweieinhalb Autostunden. Die beiden Staaten trennt der Fluss Maritza auf rund 200 Kilometern Länge. Nur in dem Gebiet zwischen Edirne auf türkischer und Nea Vissa auf griechischer Seite weicht der Grenzverlauf vom Fluss ab. Auf zwölfeinhalb Kilometern können die Flüchtlinge trockenen Fußes Griechenland erreichen. Allein im vergangenen Jahr passierten 27.000 Flüchtlinge in diesem Abschnitt die Grenze, nahezu unbehelligt.

Mit diesem Massenstrom an Menschen soll nach Willen der EU und Griechenlands jetzt Schluss sein. Ein drei Meter hoher und zwölfeinhalb Kilometer langer Grenzzaun soll bis Ende April errichtet werden."Nur so können wir diesen Abschnitt sichern und verhindern, dass noch mehr Menschen Griechenland illegal betreten", sagt Georgios Salamangas, 54.

Das Gesicht des Beamten drückt Entschlossenheit aus. Salamangas rechte Schulter zuckt, wenn er spricht. Er ist Polizeichef von Orestiada und somit verantwortlich für diesen Bereich. Seit November vergangen Jahres wird die Grenze zusätzlich von der Frontex gesichert - einem 180 Mann starken multinationalen Polizeiteam.

Seit die Männer und Frauen in den blauen Uniformen hier Dienst schieben, hat sich die Zahl der Übertritte merklich verringert. Auch ein deutsches Kontingent ist mit einer Stärke von 28 Polizisten vertreten. "Es hört sich komisch an, aber wir sind auch hier, um den Flüchtlingen zu helfen", sagt Gennaro di Bello. Der Polizeihauptkommissar aus Düsseldorf ist Einsatzleiter. Der Beamte mit italienischen Wurzeln hat schon ein halbes Dutzend Auslandeinsätze hinter sich. "Dieser hier", sagt er, "ist garantiert der Schwierigste."

"Ideales Fluchtwetter"

Mühsam quälen sich die Geländefahrzeuge der Frontex durch die offene Feldlandschaft. Der Boden ist schlammig, der dichte Nebel lässt eine freie Sicht von höchstens hundert Metern zu. "Ideales Fluchtwetter", sagt di Bello und schaut dabei durch ein Fernglas in Richtung türkische Grenze. Der Polizist spricht nicht über nackte Zahlen oder Entscheidungen der Politiker. Man nimmt ihm ab, dass er sich um die Menschen sorgt. "Wenn uns die Flüchtlinge bemerken, rennen sie nicht weg, sondern kommen direkt auf uns zu. Die sind froh, dass sie uns sehen. Die meisten sind in einem furchtbaren Zustand. Viele haben Kinder dabei. Wir können sie dann wenigstens versorgen."

Der blaue Frontex-Bus schleicht im Schritttempo durch die menschenleeren Straßen von Nea Vissa. Es ist fünf Uhr morgens. Das kleine Städtchen dient für die Flüchtlinge als erster Anlaufpunkt, nachdem sie nach stundenlanger Nachtwanderung die Grenze passiert haben. An einem Kreisel in der Ortsmitte klettert eine afghanische Familie aus einem Kleinbus. Zwei Männer, vier Frauen und ein Kind. "Wir haben sie hinten auf den Feldern aufgelesen und bringen sie jetzt ins Flüchtlingslager. Dann wird entschieden, wie es mit ihnen weitergeht", sagt ein griechischer Frontex-Polizist.

Die Frauen verdecken ihre Gesichter, als sie in den Bus umsteigen. Die Sitze sind mit Plastik-Folie überzogen. Der Vater hält seinen Sohn im Arm. Der Junge ist fünf Jahre alt und unterkühlt. "Ich weiß nicht, wie lange wir schon unterwegs sind", erzählt er. "Wir waren in Afghanistan nicht mehr sicher. Die Taliban haben uns gejagt. Entschuldigen Sie bitte, wir sind sehr müde."


Mehr dazu in "SPIEGEL TV": Sonntag, 22.45 Uhr, RTL

Mitarbeit: Ferry Batzoglou



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Wolf_68, 20.02.2011
1. Auf Thema antworten
Zitat von sysopSie leben auf Abruf: Klingelt das Handy, dann geht es weiter Richtung Griechenland. In der "Somali-Street" in Istanbul warten Zehntausende Flüchtlinge*darauf, endlich nach Europa aufzubrechen - ein Weg, der für viele in den Fluten des Grenzflusses endet. SPIEGEL TV hat sie begleitet. http://www.spiegel.de/politik/ausland/0,1518,745260,00.html
"Europäischer Alptraum" wäre passender. Und ich rate mal ins blaue, ohne den TV Beitrag gesehen zu haben: die Flüchtlinge wollen zum grossen Teil nach Deutschland?
vox veritas 20.02.2011
2. Titel sind doof
Zitat von sysopSie leben auf Abruf: Klingelt das Handy, dann geht es weiter Richtung Griechenland. In der "Somali-Street" in Istanbul warten Zehntausende Flüchtlinge*darauf, endlich nach Europa aufzubrechen - ein Weg, der für viele in den Fluten des Grenzflusses endet. SPIEGEL TV hat sie begleitet. http://www.spiegel.de/politik/ausland/0,1518,745260,00.html
Juhu, Millionen von Asylsuchenden, die nach Europa kommen. Der Austausch der eigenen Bevölkerung geht voran. Aber jetzt mal im Ernst, wo sollen denn die ganzen Menschen hin und wovon sollen diese den Leben (Beruf und Einkommen sind gemeint). Das Problem der illegalen Immigration muß in den Herkunfstländern gelöst werden. Man fragt sich nur, wie das geschehen soll. So viele Fragen, aber keine (vernünftigen) Antworten.
testthewest 20.02.2011
3. Titel
Zitat von sysopSie leben auf Abruf: Klingelt das Handy, dann geht es weiter Richtung Griechenland. In der "Somali-Street" in Istanbul warten Zehntausende Flüchtlinge*darauf, endlich nach Europa aufzubrechen - ein Weg, der für viele in den Fluten des Grenzflusses endet. SPIEGEL TV hat sie begleitet. http://www.spiegel.de/politik/ausland/0,1518,745260,00.html
Leider endet es nicht bei allen. Den unqualifizierte Arbeiter ist genau das was wir hier noch brauchen. Wenn diese Menschen die gleiche Energie, die sie zur Flucht nutzen zum Aufbauen ihres Landes verwenden würden, wäre es für alle besser.
Burkhardt1949, 20.02.2011
4. Viele Millionen
Zitat von Wolf_68"Europäischer Alptraum" wäre passender. Und ich rate mal ins blaue, ohne den TV Beitrag gesehen zu haben: die Flüchtlinge wollen zum grossen Teil nach Deutschland?
Millionen Träumen von Deutschland. Warum in Afrika für 100 Euro im Monat hart arbeiten, wenn man in Deutschland für Nichtstun Harz4 bekommt? Selbst Ausländer, die in Skandinavien als Asylbewerber abgewiesen werden, kommen nach Deutschland, wo sie dann jahrelang oder meist für immer auf Kosten der Steuerzahler leben und ihre Familienangehörigen nachkommen lassen. Da kommt auf uns noch einiges zu.
Tubus 20.02.2011
5. Unangenehm
Zitat von sysopSie leben auf Abruf: Klingelt das Handy, dann geht es weiter Richtung Griechenland. In der "Somali-Street" in Istanbul warten Zehntausende Flüchtlinge*darauf, endlich nach Europa aufzubrechen - ein Weg, der für viele in den Fluten des Grenzflusses endet. SPIEGEL TV hat sie begleitet. http://www.spiegel.de/politik/ausland/0,1518,745260,00.html
Etwas heuchlerisches als die EU Fluechtlingspolitik kann man sich eigentlich nicht vorstellen. Armut kann vom humanitaeren Standpunkt sicher ein genauso schlimmes Schicksal wie poilitische Verfolgung sein. Dennoch hat die politische Klasse in Europa, nach eigenen schlimmen Erfahrungen ihresgleichen priveligiert und erkennt nur politische Verfolgung als Asylgrund an. Zu rechtfertigen ist das nicht. Andererseits ist es illusorisch die Probleme der 3. Welt durch Aufnahme von Armutsmigranten zu loesen, zumal es sich bei diesen in der Regel um junge Maenner handelt, die in Regel besser gestellt sind als die wirklich Armen in der Welt. Natuerlich will die auch niemand haben. Aber statt die eigene Asylpraxis infrage zu stellen, trifft man Abkommen mit Drittlaendern, die die Drecksarbeit erledigen sollen um Fluechtlinge jeder Coleur von den EU Grenzen fernzuhalten. Im Grunde ist das die Guantanamostrategie. Man moechte sich mit unangenehmen Entscheidungen nicht im eigenen Land belasten. Ekelhaft!
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