Flüchtlingselend in Griechenland Wo Menschen an Europa sterben

Innerhalb einer Woche sind fünf Flüchtlinge in griechischen Lagern gestorben. Europa nimmt das Elend kaum noch zur Kenntnis. Stattdessen beraten die EU-Regierungschefs, wie sich der Kontinent weiter abschotten lässt.

Syrische Flüchtlinge in Ritsona, Griechenland
AP

Syrische Flüchtlinge in Ritsona, Griechenland

Ein Kommentar von


Die Flüchtlinge im EU-Hotspot auf der griechischen Insel Samos sandten einen letzten Hilferuf aus: "Bitte! Tut etwas!", erklärten sie in einem Statement am Dienstag vor einer Woche. "Wir haben kein Brot mehr und kein Wasser. Wir sind krank. Es gibt keine Ärzte. Die Menschen sterben."

Ihr Protest verhallte ungehört. Einen Tag später starb Benjo Massoud, 42 Jahre alt, Vater von drei Kindern aus dem Irak, vermutlich an Herzversagen. Er ist einer von fünf Flüchtlingen, die innerhalb einer einzigen Woche in griechischen Lagern ums Leben kamen, mindestens zwei von ihnen aufgrund der Kälte.

Der Tod der Flüchtlinge erregte kein Aufsehen. Europas Öffentlichkeit ist zu sehr mit sich selbst beschäftigt oder mit Donald Trump, um wahrzunehmen, was auf den Inseln Griechenlands gerade vor sich geht: die tausendfache Entrechtung und Entmenschlichung von Geflüchteten, der Verrat an all jenen Werten, die Europa für sich beansprucht.

Als die EU vor knapp einem Jahr den Migrationspakt mit der Türkei abschloss, hieß es, dies geschehe zum Schutz der Flüchtlinge. Die Route aus der Türkei über die Ägäis nach Griechenland sollte geschlossen und durch legale Wege nach Europa ersetzt werden.

In Wahrheit hat der Deal die griechischen Inseln in ein Gefängnis verwandelt, in dem inzwischen mehr als 15.000 Menschen vor sich hinvegetieren. Weder die griechische Regierung noch die EU scheinen in der Lage oder gewillt, auch nur ein Mindestmaß an Infrastruktur für die Flüchtlinge zu schaffen.

EU-Migrationskommissar Dimitris Avramopoulos hatte vergangenen April zugesichert, dass die Verfahren für Flüchtlinge auf den griechischen Inseln innerhalb weniger Tage abgeschlossen sein würden. Die griechischen Behörden, so lautete der Plan, würden gemeinsam mit europäischen Beamten im Schnellverfahren über Asylanträge entscheiden. Bewerber, denen Schutz in Europa zustehe, würden auf die EU-Staaten verteilt, alle anderen in die Türkei zurückgeschickt.

Doch der Prozess kommt nicht voran. Er hat in vielen Fällen noch nicht einmal begonnen. Zehn Monate nach Abschluss des Deals warten noch immer etliche Flüchtlinge in Griechenland darauf, überhaupt nur registriert zu werden. Griechische Gerichte weigern sich, die Türkei, wie von der EU gefordert, als "sicheren Drittstaat" anzuerkennen, in den Migranten zurückgeschickt werden können. So gut wie kein Flüchtling wurde in einen anderen EU-Staat umgesiedelt.

Die griechischen Inseln laufen unterdessen vor Menschen über. Schon im Herbst waren die Lager doppelt belegt. Und jeden Tag kommen neue Migranten an. In den Containern ist längst kein Platz mehr, die Gestrandeten hausen in Zelten, die keinerlei Schutz vor der Kälte bieten. Es kommt zu Ausschreitungen. Etliche Flüchtlinge haben aus Verzweiflung versucht, sich das Leben zu nehmen.

Die EU sperrt sich trotzdem gegen die Forderung von Menschenrechtsorganisationen, Flüchtlinge von den Inseln zumindest auf das griechische Festland zu schaffen. Die Evakuierung der Hotspots, heißt es in Brüssel, käme einem Eingeständnis gleich, dass die europäische Asylpolitik gescheitert ist.

Flüchtlingsdeal mit der Türkei
Was macht die Türkei?
Die Regierung in Ankara hat der EU zugesichert, alle Flüchtlinge zurückzunehmen, die seit März über die Türkei nach Griechenland kommen.
Welche Gegenleistung kommt von der EU?
Im Gegenzug verpflichtet sich die EU, die gleiche Zahl syrischer Flüchtlinge aus der Türkei aufzunehmen, bis zu maximal 72.000 Menschen. Außerdem zahlt Brüssel der Türkei bis 2018 sechs Milliarden Euro, unter anderem für die Unterbringung und den Schulbesuch der Flüchtlinge.
Worum geht es noch?
Die EU hat der Regierung in Ankara auch Visaerleichterungen in Aussicht gestellt - allerdings muss die Türkei dafür 72 Kriterien erfüllen und unter anderem die umstrittenen Anti-Terror-Gesetze ändern. Kritiker werfen der türkischen Führung vor, mithilfe dieser Gesetze politische Gegner und unliebsame Journalisten mundtot zu machen.

Die Bundesregierung ist entschlossen, den Flüchtlingspakt mit der Türkei als Erfolgsgeschichte zu verkaufen. Zwar hat sich an der Situation der Geflüchteten seit dem Sommer 2015 fast nichts verbessert, doch die Krise hat sich durch den Deal an die europäischen Außengrenzen und darüber hinaus verlagert.

Die Schutzsuchenden sammeln sich nicht mehr am Münchner Hauptbahnhof, sondern stecken in griechischen Lagern fest oder sterben an der türkisch-syrischen Grenze. Dort lässt sich das Elend für die Deutschen leichter ausblenden. Selbst Flüchtlingshelfer bringen nur noch selten die Energie auf, Europas Regierungen an ihre Verantwortung für die Gestrandeten in Griechenland und auf dem Balkan zu erinnern.

Und so müssen sich die europäischen Staats- und Regierungschefs auf dem Gipfel in Malta am Freitag nicht mit der lästigen Frage herumschlagen, wie sich die Lebensbedingungen der Flüchtlinge in den EU-Hotspots in Griechenland verbessern lassen. Sie werden stattdessen auf Initiative Maltas darüber diskutieren, wie der EU-Türkei-Deal auf Länder wie Libyen übertragen werden kann.

IM VIDEO: Flüchtlinge auf Lesbos - Sommerzelte im Schnee

REUTERS
insgesamt 188 Beiträge
Alle Kommentare öffnen
Seite 1
michael.mittermueller 02.02.2017
1. Menschen sterben nicht
Was ist denn das für eine manipulative und extrem verdrehende Formulierung ? Die Verantwortung einfach abzugeben an jeden und alle ist eine seltsame Variante. Hier geht es vor allem um Einkommen und Einkommensverbesserungen. Diese Menschen sterben, weil es Drogenhandel und Menschenschmuggel gibt, und weil es hierzulande Leute gibt, die an beidem verdienen. Die Kausalität zwischen Regierungschefs und griechischen Flüchtlingslagern jedenfalls ist an den Haaren herbeigezogen. Wenn wir die Ursachen des Elends zurück verfolgen dann kommen wir schnell an einen Punkt bei dem Korruption und Kriminalität eine Rolle spielt. Etwa im Kosovo. Wer also das Elend bekämpfen will muss bei Kriminalität und Korruption anfangen. Beides wiederspricht der Rechtsordnung. Die Forderung dagegen die Rechtsordnung zu beugen oder gar auszusetzen förder Kriminaltiät und Korruption. Deshalb halte ich die Formulierung im Titel des Artikels für manipulativ. Er verschleiert die Ursachen und doktert nur an den Symptomen des Problems herum. Und zwar diletantisch.
abrigal 02.02.2017
2.
Sie sterben an der Ignoranz der Deutschen welche mit Ihrern Versprechungen und Sozialleistungen Millionen Menschen veranlassen ihre Heimat zu verlassen . Eine Reduzierung der Hilfen auf Sachleistungen haette auch zur Folge dass nur die wirklich Verfolgten sich auf den Weg machen wuerde . Warum sind die meisten unserer Fluechtlinge hier in Portugal laengst wieder gefluechtet ? Wohin ? Richtung Deutschland !
schwaebischehausfrau 02.02.2017
3. Die Lösung???
Also diese 15.000 Menschen auch noch nach Deutschland holen? Und am besten die in Serbien Gestrandeten, die in Ungarn menschen-unwürdig untergebrachten Migranten und die seit der Auflösung des Lagers in Calais auf der Straße Lebenden gleich mit? Am besten auch noch die zigtausenden Migranten in Italien, die nach kurzer Zeit ohne jede staatliche Unterstützung auskommen müssen. Weil Deutschland offenbar das einzige Land auf diesem Planeten ist, das für eine menschenwürdige Unterbringung von Migranten sorgen kann? Nur zur Erinnerung: In Deutschland wurden in 2016 doppelt so viel Asyl-Anträge gestellt wie in allen anderen 27 EU-Staaten zusammen. Dabei fehlt es Griechenland, Italien & Co. ganz sicher nicht an den Mitteln. Italien ist eines der reichsten EU-Staaten und Griechenland hat zig Millionen EU-Gelder dafür bekommen, wenigstens die paartausend Migranten zu versorgen, wenn man schon sonst nichts auf die Reihe bekommt. Es fehlt diesen Ländern ganz einfach am Willen. Weil Sie es Migranten so ungemütlich wie irgendmöglich machen wollen. Und Tsipras war nun mal die letzten Monate damit beschäftigt, zusätzliches Weihnachtsgeld an seine Rentner auszuschütten. Man muss halt Prioritäten setzen im Leben.
sarkasmis 02.02.2017
4. Und jetzt?
Wie soll der Herztod hier konkrete Folge der Lagerbedingung gewesen sein. Es sterben täglich hunderte Familienväter in der EU an Herzversagen, ohne dass es jemaden Jucken würde. Darüber hinaus gibt es zur Zeit kaum einen Grund aus dem Irak zu fliehen. Das kurdische Gebiet haben die Kurden in faktischer Selbstverwältung. Der Großteil des Restirak steht unter Kontrolle der Regierung. Der IS hält nur noch einen kleinen Teil des Landes um Mosul. Die Menschen gehen vor allem, weil sie sich im Westen ein besseres Leben erhoffen. Das ist nachvollziehbar aber eben kein Asylgrund. Die Lebensbedingungen sind in großen Teilen der Welt nicht besonders toll und waren es auch hier nicht bevor die Menschen sich nicht aufgerafft haben und eine funktionierende Wirtschaft und ein florierendes Staatswesen aufgebaut haben. Vor allem macht man es sich mit dieser moralisierenden Betrachtung immer extrem einfach. Fakt ist auch, dass Flüchtlinge massive Straftaten oder gar Terrorakte begehen, wie in Freiburg, Würzburg, Ansbach, Berlin etc. Wer für eine unbegrenzte Aufnahme nimmt solche Taten billigend in Kauf.
Over_the_Fence 02.02.2017
5. Menschlich verständlich, aber wozu haben wir eine Regierung
Zitat von abrigalSie sterben an der Ignoranz der Deutschen welche mit Ihrern Versprechungen und Sozialleistungen Millionen Menschen veranlassen ihre Heimat zu verlassen . Eine Reduzierung der Hilfen auf Sachleistungen haette auch zur Folge dass nur die wirklich Verfolgten sich auf den Weg machen wuerde . Warum sind die meisten unserer Fluechtlinge hier in Portugal laengst wieder gefluechtet ? Wohin ? Richtung Deutschland !
Auch in Litauen scheint es nicht sonderlich schön zu sein: http://www.rp-online.de/politik/eu/litauen-fluechtlinge-verlassen-das-land-enttaeuscht-wieder-aid-1.6390258 Das ist auch ein Grund, warum das Gerede von der Verteilung der Migranten innerhalb der EU vollkommen ohne Belang ist, unabhängig davon, ob sich die Regierungschefs einigen oder nicht. Die Menschen setzen sich ggf. in Bewegung und gehen dort hin, wo es für sie aus ihrer Sicht am günstigsten ist. Die Sozialleistungen in Litauen, Portugal, Rumänien sowie anderen Ländern sind dermassen niedrig, darauf können die Migranten ggf. verzichten, selbst wenn sie in Deutschland nicht anerkannt werden würden. Da greift der alte Spontispruch "legal, illegal, scheißegal".
Alle Kommentare öffnen
Seite 1
Diskussion geschlossen - lesen Sie die Beiträge! zum Forum...

© SPIEGEL ONLINE 2017
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung der SPIEGELnet GmbH


TOP
Die Homepage wurde aktualisiert. Jetzt aufrufen.
Hinweis nicht mehr anzeigen.