Syrische Flüchtlingshelferin Sarah Mardini wird aus griechischer U-Haft entlassen

Nach ihrer dramatischen Flucht aus Syrien engagierte sich die in Berlin lebende Sarah Mardini auf Lesbos in der Flüchtlingshilfe - bis die griechische Justiz sie festnahm und anklagte. Auf Kaution kam sie jetzt frei.

Sarah Mardini (Archivfoto)
REUTERS

Sarah Mardini (Archivfoto)


Die in Berlin lebende syrische Flüchtlingshelferin Sarah Mardini kommt nach ihrer Festnahme in Griechenland vorerst auf freien Fuß. Die Justiz habe dem Antrag auf ein Ende der Untersuchungshaft gegen die 23-Jährige und vier weitere Mitglieder der Flüchtlingshilfsorganisation ERCI (Emergency Response Centre International) stattgegeben, sagte einer ihrer Anwälte am Dienstag.

Eine griechische Aktivistin sei bereits seit der vergangenen Woche in Freiheit, die übrigen vier Beschuldigten, unter ihnen der deutsch-irische Aktivist Sean Binder, sollen demnach bis Donnerstag gegen Zahlung einer Kaution freikommen.

Insgesamt wird gegen 30 ERCI-Mitglieder wegen des Verdachts der illegalen Flüchtlingshilfe ermittelt. Die griechischen Behörden werfen Mardini einige der schwersten Verbrechen vor, mit denen sich eine Flüchtlingshelferin in Griechenland je konfrontiert sah: Sie sei Mitglied eines kriminellen Netzwerks, das illegalen Migranten die Einreise erleichtere. Sie wird der Schlepperei, der Geldwäsche und sogar der Spionage bezichtigt.

Zusammen mit ihrer Schwester, der Olympia-Schwimmerin Yusra Mardini, war sie 2015 aus Syrien geflohen. In einem Schlauchboot voller Flüchtlinge versuchten die beiden, zur griechischen Insel Lesbos zu gelangen. Als das Boot eine Panne hatte, schwammen Sarah und Yusra stundenlang und zogen das Boot mit seinen 18 Insassen an einem Seil hinter sich her. Yusra Mardini nahm 2016 als Mitglied einer Flüchtlingsmannschaft an den Olympischen Spielen in Rio teil (lesen Sie hier ein Porträt von Yusra Mardini).

Knapp zwei Jahre lang engagierte sich Sarah Mardini bei ERCI. An der Küste von Lesbos packte sie mit an, half Hunderten Flüchtlingen, die auf überfüllten Schlauchbooten übers Meer kamen. Am Strand gab sie den entkräfteten Menschen Wasser zu trinken, verteilte Decken und trockene Socken. Bis sie Ende August verhaftet wurde.

Erleichterte Reaktion aus Berlin

Neben den Anwälten hat sich auch der Schwimmtrainer Sven Spannekrebs aus Berlin für die Freilassung von Sarah Mardini eingesetzt. Er kennt die Schwimmerin seit ihrer Flucht. Seine erste Reaktion auf die Nachricht aus Griechenland: "Alle sind sehr glücklich, dass es jetzt endlich klappt. Sarah hat es aber als Letztes mitbekommen, wir waren heute den ganzen Tag, damit beschäftigt, das Geld für die Kaution zu organisieren, Sarah hat im Gefängnis geschlafen, ihre Anwälte haben sie dann über das Telefon dort erreicht", sagte Spannekrebs dem SPIEGEL.

"Sarah ist natürlich total erleichtert, sie hat mir gesagt: Sven, schau zu, dass es jetzt schnell geht. Wir versuchen, dass sie das Gefängnis morgen auch verlassen darf, aber es könnte auch erst übermorgen soweit sein. Sie wird heute Nacht wohl nicht schlafen, sie ist natürlich aufgekratzt. Es ist geplant, dass sie dann direkt nach der Freilassung nach Deutschland kommt. Sie war in den vergangenen Wochen immer kämpferisch, sie hat gesagt: Gut, es ist jetzt so, aber ich weiß, am Ende werde ich rauskommen, ich weiß, es gibt keinen Grund, mich schuldig zu sprechen. Sie hat im Gefängnis abgenommen, aber sie wurde gut behandelt, sie hat immer gesagt: macht euch keine Sorgen um mich."

Das Verfahren gegen Mardini läuft trotz der Freilassung weiter. Vor zwei Wochen haben ihre Anwälte einen Antrag auf Hafterleichterung gestellt, das ist der Grund dafür, dass sie jetzt aus dem Gefängnis kommt. Insgesamt waren knapp 20 Leute in Deutschland und Griechenland damit beschäftigt, Sarah Mardinis Freilassung zu organisieren.

Anmerkung der Redaktion: In einer früheren Fassung hieß es, Mardini sei vergangene Woche plötzlich festgenommen worden - es war im August dieses Jahres. Wir haben die Stelle korrigiert.

le/oka/AFP



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