Flüchtlingskonvoi Nato sucht nach Erklärungen

Die Allianz ist nach wie vor bestrebt, den irrtümlichen Angriff auf einen Flüchtlingskonvoi aufzuklären. Cockpit-Aufnahmen sollen nun Licht ins Dunkel bringen.


Brüssel - Brigadegeneral Daniel Leaf, Luftwaffenkommandeur auf dem Nato-Stützpunkt in Aviano, präsentierte am Montag Cockpit-Aufnahmen von den Angriffen bei Djakovica am 14. April und lieferte eine detaillierte Chronologie. "Es kann sein, daß es unvorhergesehene Schäden und unbeabsichtigte Opfer gab", räumte Leaf ein. Die Piloten hätten "aber aus ihrer Flughöhe und mit bloßem Auge" nicht erkennen können, daß sich in dem unter Beschuß genommenen Konvoi zivile Fahrzeuge befunden hätten. In dem Moment, als Zweifel aufgekommen seien, habe die Nato die Operation abgebrochen. Die Nato hatte einen Tag nach dem Angriff, bei dem nach serbischen Angaben rund 70 Flüchtlinge ums Leben gekommen sind, ihren Irrtum eingeräumt. Dabei war aber Verwirrung aufgekommen, weil in der Gegend um Djakovica offenbar zwei verschiedene Angriffe geflogen wurden. Leaf beschrieb, daß zum einen kurz nach elf Uhr morgens nordwestlich von Djakovica ein Militärfahrzeug zweimal bombardiert worden sei. Das Fahrzeug wurde laut Leaf offenbar zu einer gezielten Vertreibungsaktion eingesetzt. Jedes Haus, von dem es wegfuhr, sei in Flammen aufgegangen. Zum anderen wurde dem Kommandeur zufolge kurz vor zwölf Uhr ein größerer Konvoi mit mehr als hundert Fahrzeugen südöstlich von Djakovica bombardiert. An deren Spitze seien 20 Fahrzeuge gefahren, deren Farbe, Größe und Typ darauf hingedeutet habe, daß sie zum Militär gehörten. Auf die Leitfahrzeuge seien sieben Bomben abgeworfen worden. Nachdem andersfarbige Fahrzeuge in dem Konvoi entdeckt worden waren, habe man die Möglichkeit nicht mehr ausgeschließen können, daß sich zivile Fahrzeuge in dem Treck befanden. Daraufhin sei die Operation um 13.00 Uhr ausgesetzt und 20 Minuten später abgebrochen worden. "Wir können den Status der Fahrzeuge und die Zahl der Opfer nicht endgültig feststellen", sagte Leaf.

Er wies auf mehrere Unsicherheitsfaktoren bei der Bewertung der Ereignisse hin. "Wir wissen, daß in dem Chaos, in dem sich Kosovo befindet, auch Zivilfahrzeuge zu militärischen Zwecken genutzt werden." Zu den Bildern, die im serbischen Fernsehen gezeigt wurden, sagte er, die Serben hätten ausreichend Zeit gehabt, Militärfahrzeuge aus der Gegend zu entfernen, so daß der Vorfall wie ein Nato-Angriff auf Flüchtlinge ausgesehen habe. Es gebe außerdem Berichte darüber, daß einige der Flüchtlinge erschossen worden seien.

Die Nato habe aber nur Bomben und keine Maschinengewehre benutzt. Andere Augenzeugen hätten berichtet, daß serbische Flugzeuge zu der Zeit in der Gegend um Djakovica niedrig geflogen seien. "Wir können die Leichen, die vom serbischen Fernsehen gezeigt wurden, nicht erklären, wir können nur spekulieren", sagte Leaf.



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