Gefälschte Pässe Alle wollen Syrer sein

Wer Syrer ist, bekommt in Europa Asyl. Die Folge ist ein florierender Schwarzmarkt für falsche syrische Pässe. Die Fälscher arbeiten schnell - und erfüllen auch die sonderbarsten Wünsche.

Flüchtling mit syrischen Papieren: "Schwarzmarkt für Pässe"
REUTERS

Flüchtling mit syrischen Papieren: "Schwarzmarkt für Pässe"

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Immer mehr Flüchtlinge sind mit falschen syrischen Pässen in der EU unterwegs. Das Bemerkenswerte daran: Die meisten von ihnen sind tatsächlich Syrer. Mehr als 80 Prozent der Flüchtlinge, bei denen falsche syrische Pässe gefunden wurden, sind nach Auskunft der EU-Grenzschutzbehörde Frontex gegenüber SPIEGEL ONLINE syrische Staatsangehörige.

"Sie kommen aus einem vom Krieg zerrissenen Land", sagte Frontex-Sprecherin Ewa Moncure dem US-Radiosender NPR. "Viele von ihnen mussten wahrscheinlich ihre Häuser schnell verlassen. Manche hatten wohl auch nie einen Pass." Auch sei es derzeit extrem schwierig, einen syrischen Pass auf regulärem Weg von den syrischen Behörden ausgestellt zu bekommen. Aus diesem Grund bemühen sich immer mehr Syrer um einen falschen syrischen Pass.

Bei einer deutlich kleineren Zahl der Migranten, die mit falschen syrischen Pässen unterwegs sind, handele es sich um Iraker und Palästinenser. Behörden wie das Bundesamt für Migration und Flüchtlinge (Bamf) identifizieren Nicht-Syrer unter anderem anhand der Sprache. Die Vielfalt der Dialekte im Arabischen macht es für sie schwierig, sich als Syrer auszugeben.

Allein in der ersten Jahreshälfte 2015 wurden laut Frontex etwa 170 falsche syrische Pässe entdeckt. Zum Vergleich: Im ganzen Jahr 2014 waren es 252. Auf das ganze Jahr hochgerechnet, würde dies einen Anstieg von mehr als einem Drittel bedeuten.

Per Post nach Deutschland geschickt

Der Grund für die Zunahme: In der EU haben Asylsuchende aus Syrien mit ihren Anträgen gute Aussichten auf Erfolg. 2014 lag die Anerkennungsquote bei 95 Prozent. Das macht die syrischen Pässe begehrt und führt dazu, dass der Schwarzhandel mit falschen Reisedokumenten boomt.

In Deutschland stellte die Bundespolizei für die erste Jahreshälfte 2015 insgesamt 133 ge- und verfälschte Reisepässe bzw. Personalausweise fest - mehr als doppelt so viele wie im ersten Halbjahr 2014. Zum Teil werden syrische Pässe auch per Post nach Deutschland geschickt. Der Zoll beschlagnahmte kürzlich ein Paket mit syrischen Pässen, darunter echte und gefälschte.

Die Zahl der Täuschungsfälle dürfte in den nächsten Wochen und Monaten weiter steigen. Denn 2014 wurden nach Angaben von Frontex etwa 3800 unbedruckte syrische Pässe gestohlen gemeldet.

Gefälschte Pässe sind nicht das einzige Problem.

"Hinzu kommen Schwindler, die die Dokumente einer anderen Person benutzen und ihre Ähnlichkeit mit dem Inhaber ausnutzen", heißt es von Frontex: "Diese sind aber oft schwierig zu identifizieren. Studien zeigen jedoch, dass das Ausmaß des Problems viel größer ist, als man den Zahlen der aufgedeckten Fälle entnehmen könnte."

Ferner gebe es immer mehr Migranten, etwa aus dem Irak, Algerien, Ägypten und Marokko, die schlicht behaupten, Syrer zu sein, ohne dabei syrische Dokumente zu benutzen. Zahlen dazu konnte die Behörde nicht nennen. Auch die Bundespolizei erfasst solche Fälle nicht statistisch. Die Auskunft von Frontex deckt sich jedoch mit Berichten, wonach sich immer mehr Flüchtlinge Polizisten gegenüber als Syrer ausgeben, obwohl sie es offensichtlich nicht sind.

40 Stunden für einen neuen Pass

"Wir wissen, dass es einen Schwarzmarkt für syrische Pässe in der Türkei gibt", so Frontex auf Anfrage von SPIEGEL ONLINE: "Es ist aber schwierig, das Ausmaß dieses Phänomens abzuschätzen." Auch der Bundespolizei ist lediglich bekannt, "dass Fälscher organisiert und profitorientiert arbeiten sowie gut vernetzt sind."

Nach Auskunft der Bundespolizei variieren die Preise für gefälschte Dokumente nach Art, Qualität und Nutzungsabsicht. Frontex-Sprecherin Ewa Moncure schätzte die Kosten für gefälschte syrische Pässe gegenüber NPR auf "mehrere tausend Euro."

Günstiger davon gekommen ist Harald Doornboos: In einem Selbstversuch bestellte der niederländische Journalist für 750 Euro einen falschen syrischen Pass. Er rief einen Fälscher an, suchte sich im Telefongespräch einen Namen und ein Foto aus. Per WhatsApp schickte der Fälscher ihm zur Kontrolle ein Bild vom Pass. 40 Stunden nach dem Anruf hielt Doornboos seine Bestellung in der Hand. Der Fantasiename, den er wählte und der in arabischer Schrift auf dem Ausweis zu sehen ist: Malek Ramadan.

Das Foto: ein Porträt des holländischen Ministerpräsidenten Mark Rutte.



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