Deutsche Frontex-Beamte in Griechenland "Wir zerstören Träume - und retten Leben"

Vor einem Jahr war der griechische Grenzort Idomeni ein Epizentrum der Flüchtlingskrise. Jetzt patrouillieren hier deutsche Frontex-Beamte. Sie sollen neue Grenzübertritte verhindern, sehen sich aber auch als Lebensretter.

Alexandros Avramidis

Aus Idomeni berichtet


Kurz vor 14 Uhr hält ein weißer VW-Bus vor der kleinen Polizeiwache von Idomeni, wenige Hundert Meter entfernt von der griechischen Grenze zu Mazedonien. "Polizei" steht an allen Seiten. Zwei Bundespolizisten, beide Mitte 40, steigen aus.

Es sind Oberkommissar Volker Jühlke und Ulrich Lehmann. Angetreten zum Dienst, der Punkt zwei Uhr beginnt. Ihre griechischen Kollegen berichten, dass die beiden seit ihrer Ankunft hier noch nie zu spät gekommen sind. "Wir Deutschen sind gerne pünktlich", sagt Lehmann lächelnd.

Jühlke und Lehmann gehören zu Kräften, welche die EU-Grenzagentur Frontex seit Anfang Februar in Griechenland stationiert hat. Die Mission fällt in eine Zeit, da die Türkei den Griechen sowie der EU insgesamt mit der Auflösung des Grenzabkommens droht. Nach einem winterlichen Rückgang verzeichnen die Behörden nun wieder eine wachsende Zahl von Migranten.

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Deutsche Frontex-Beamte: Auf Streife in Idomeni

In dieser Lage soll das Frontex-Team helfen. Es besteht aus rund 30 Beamten, davon zwölf aus Deutschland. Sie haben bereit mehr als hundert Migranten beim versuchten Grenzübertritt gestoppt.

Die beiden Deutschen machen Eindruck mit ihrer kräftigen Statur und den Neun-Millimeter-Pistolen von Heckler und Koch. Über ihren deutschen Uniformen tragen sie schusssichere Westen; nur die blauen Armbänder mit den EU-Symbolen verraten ihre Zugehörigkeit zu Frontex.

Das eindrucksvollste Team-Mitglied ist jedoch der neunjährige Jim. Der holländische Schäferhund hat eine beeindruckende Fähigkeit, Spuren zu verfolgen. Jim bellt nie und befolgt nur die Befehle seines Herrchens Jühlke. "Kommen Sie ihm nie zu nahe", warnt er.

Keine Spur mehr vom Flüchtlingscamp

Nach einer kurzen Besprechung in der Polizeiwache beginnen sie ihre Patrouille. Erster Halt: der Bahnhof von Idomeni. Alle ist ruhig an diesem bedeckten, kalten Freitagnachmittag. Schwer zu glauben, dass auf den Schienen vor nur einem Jahr Hunderte von Zelten standen und dies hier das Epizentrum einer ausgedehnten Flüchtlingsstadt mit mehr als 15.000 Bewohnern war. Ein Ort, an dem Gewalt und Verzweiflung herrschten, wo aber auch das Lachen von Kindern zu hören war und das Versprechen auf eine bessere Zukunft. Mit alldem war es vorbei, als die griechische Polizei Idomeni im Mai letzten Jahres räumen ließ.

Es ist das erste Mal, dass Frontex-Beamte an der griechisch-mazedonischen Grenze Präsenz zeigen. Zu Hochzeiten der Flüchtlingskrise hatte die Regierung in Athen einen Einsatz noch abgelehnt - wohl auch, weil die bis dahin schwachen Kontrollen die Mehrzahl der Migranten in Richtung Norden weiterziehen ließen. Jetzt soll Frontex dabei helfen, dass Idomeni kein zweites Mal zum Krisenherd wird. Zu den ersten Worten, die Jühlke und Lehmann gelernt haben, gehören synora (Grenze) und frachtis (Zaun).

Jühlke ist aus Stuttgart, wo er mit Jim den Bahnhof bewacht. In Griechenland hilft der Schäferhund ihm, Menschen in Güterwaggons zu entdecken. Auf diese Weise versuchen Flüchtlinge oft, von Thessaloniki weiter in Richtung Balkan zu flüchten.

Mit Jim an der Leine geht Jühlke voran, Lehmann und ein griechischer Beamter folgen. Jühlke öffnet einen Waggon und fordert den Hund auf, hineinzuspringen und zu schnüffeln. Nach getaner Arbeit bekommt das Tier eine Belohnung.

Die Frontex-Beamten arbeiten ihre Routine ab. Sie durchstöbern leere Gebäude, jeden Waggon und suchen nach Hinweisen auf menschliche Aktivität: eine kürzlich benutzte Matratze in einem verlassenen Haus, eine Wasserflasche ohne Kohlensäure, eine Decke mit grünem Gras darunter, ein Buch, das am Vortag noch nicht da war.

"Ich habe Mitgefühl mit ihnen"

Einige Stunden später entdeckt das Team eine Gruppe von zehn Männern, die sich in einem leeren Tankwagen verstecken. Ersten Informationen zufolge kommen sie aus Algerien, Marokko und Syrien. Sie sind von Chios geflohen - einer der Inseln, auf denen die EU sogenannte Hotspots errichtet hat, Erstaufnahme-Camps, in denen die Flüchtlinge registriert werden, bevor entschieden wird, wer sie wo unterbringt. Laut dem Flüchtlingsabkommen mit der Türkei darf niemand die Inseln verlassen.

"Ich habe Mitgefühl mit ihnen. Mein Großvater war ein Flüchtling aus Polen", sagt Lehmann. "Auf gewisse Weise zerstören wir Träume." Doch so sieht Lehmann ihre Mission nicht. "Wir retten auch Leben. Wir schützen sie vor den Schleusern und möglichen Gefahren wie dem Hungertod in einem Waggon."

Lehmann kommt aus Sankt Augustin in der Nähe von Bonn. Er war schon an deutlich gefährlicheren Orten, etwa dem Kosovo und Afghanistan, wo er als Sicherheitskraft für die deutsche Botschaft in Kabul arbeitete. Doch Lehmann geht die Arbeit in Griechenland mit der gleichen Vorsicht an. "Jeder Einsatz hat seine eigenen Risiken. In Kabul fährt man mit einem Panzerfahrzeug. Hier könnte man bei einer normalen Verkehrskontrolle in Gefahr sein." Einen Vorteil gibt es jedoch: Die Einsätze dauern nur acht Wochen. Lehmann hat vor einigen Monaten geheiratet und seiner Frau versprochen, häufiger zu Hause zu sein.

Bei ihren Begegnungen mit Einheimischen vermeiden Lehmann und Jühlke nach Möglichkeit politische Diskussionen. Ab und zu werden die angespannten deutsch-griechischen Beziehungen dennoch Thema - etwa, wenn jemand seinem Ärger über Wolfgang Schäuble Luft macht. Insgesamt aber ist das Verhältnis gut.

Frontex-Patrouillen haben drei Mitglieder: Immer begleitet ein einheimischer Beamter die europäischen Beamten, die sich schließlich auf griechischem Hoheitsgebiet befinden. "Polizisten sind überall eine Familie", sagt Lehmann. Doch wie in jeder Familie gibt es Ungleichheiten. Die griechischen Beamten verdienen viel weniger. Und während Lehmann und Jühlke von der heimischen Polizei perfekt ausgerüstet sind, müssen ihre griechischen Kollegen oft alles von den Stiefeln bis zu den Sicherheitswesten selbst kaufen.

Werden die Grenzposten bald geschlossen?

Der griechische Sparkurs könnte auch den Grenzschutz gefährden. Nach Informationen des SPIEGEL plant die griechische Regierung, die Polizeiwachen in den Grenzstädten Idomeni und Evzoni zu schließen. Die dortigen Beamten sollen nach Axioupolis verlegt werden, eine Stadt, die 25 Kilometer von der Grenze entfernt ist. Manche fürchten, dass Schleuser und Migranten das Vakuum sehen und nutzen werden.

Wenn er nicht arbeitet, geht Lehmann joggen, trinkt Kaffee oder kocht in seinem Zimmer im nahe gelegenen Kilkis. "Viel Knoblauch", beschreibt er seine kulinarischen Vorlieben. Jühlke dagegen wohnt in Koronouda, einem Nest mit nur 80 Einwohnern. So klein ist das Dorf, dass selbst der griechische Kollege erst einmal googeln musste, wie man dort hinkommt.

Jühlke ist zufrieden mit seiner Wahl. Dorfbewohner bringen ihm Mittagessen oder laden ihn zu Ouzo und Mezze ein, griechischen Vorspeisen. Aus ihrer Sicht hat der Ort von Jühlkes Anwesenheit profitiert. Früher seien hier oft verdächtige Gestalten rumgestreunt, berichtet er. "Die Dorfbewohner sagen, seit der Ankunft von Jim, dem Polizeibus und mir hätten die sich nie wieder gezeigt."

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