Flüchtlingsmissionen Marine am Limit

Alle Fregatten sind im Einsatz, nun muss sogar ein kleines Minenjagdboot bei der EU-Operation "Sophia" vor Libyens Küste aushelfen: In der Flüchtlingskrise kommt die deutsche Marine an ihre Belastungsgrenze.

An Operation "Sophia" beteiligte Fregatte "Augsburg"
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An Operation "Sophia" beteiligte Fregatte "Augsburg"

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"Wir sind am absoluten Limit", sagt ein Marineoffizier. Der Mann fährt gerne zur See. Aktuell aber sei die Belastung wirklich extrem. Einige seiner Leute seien für dieses Jahr schon komplett verplant. 250 Tage auf hoher See - im Jahr 2016 ist das für die Marinesoldaten ein durchaus normales Szenario.

Tatsächlich ist die Marine derzeit mehr als gefordert, vielleicht sogar überfordert. Im Eiltempo bescherte die aktuelle Weltlage der Truppe zuletzt allerlei neue Einsätze. Erst sagte die Bundesregierung zwei Kriegsschiffe für die EU-Operation "Sophia" vor der libyschen Küste zu. Dort beobachten die Deutschen mit Partnern das florierende Geschäft der Flüchtlingsschlepper, retteten tausende verzweifelte Menschen aus Seenot.

Wenig später kam eine weitere Mission hinzu. Im Eiltempo schickte die Bundesregierung nach den Anschlägen von Paris Frankreich eine weitere Fregatte als Geleitschutz für den Flugzeugträger "Charles de Gaulles". Dieses Jahr dann erdachte man die Flüchtlingsmission der Nato in der Ägäis, dort beobachtet man ebenfalls das Schleppergeschäft, der Verband wird vom deutschen Einsatzgruppenversorger "Bonn" angeführt.

Die kleinere "Datteln" muss helfen

Die hohe Belastung wird aktuell durch eine Art Verschiebebahnhof im Mittelmeer illustriert. Da die Niederländer wegen eines Defekts an ihrem neuesten Kriegsschiff nicht wie geplant Ende Juni die "Bonn" als Flaggschiff der Nato-Operation in der Ägäis ablösen, will die Bundeswehr die Fregatte "Karlsruhe" von der Küste Libyens in die Meerenge zwischen der Türkei und Griechenland schicken.

Eigentlich sind solche Manöver Routine, Pannen gibt es bei Schiffen nun mal. Da die deutsche Marine allerdings über keine weitere Fregatte mehr verfügt, soll nun ein wesentlich kleineres Minenjagdboot zur EU-Mission geschickt werden. Allein von den Dimensionen ist die "Datteln" sehr viel kleiner als eine Fregatte, die Rettung von Hunderten Menschen aus Seenot sind mit dem Jagdboot kaum denkbar.

Aufklären ja, retten nein

Im Verteidigungsministerium zucken die Offiziere mit den Schultern, wenn sie auf den Vorgang angesprochen werden. Natürlich sei die Marine stark beansprucht, heißt es. Trotzdem werde man den Auftrag vor Libyen erfüllen. So sei die "Datteln" zwar kleiner, für die Aufklärung von Schleusern aber gut ausgerüstet. Die Rettung von Flüchtlingen könnten andere EU-Kriegsschiffe oder andere Hilfsorganisationen in dem Seegebiet erledigen.

Von der Opposition gab es trotzdem kritische Nachfragen. "Wenn die falsche europäische Mission im Mittelmeer irgendeinen Zweck hatte, dann doch Menschen aus Seenot zu retten", sagte die grüne Verteidigungsexpertin Agnieszka Brugger. Es sei verantwortungslos, die Fregatte jetzt in die Türkei zu schicken. Dem Ministerium riet sie , Prioritäten zu setzen "statt einfach nur bei jedem Einsatz dabei sein zu wollen".

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