Steinmeier in Niger In der Transitzone der Verzweifelten

Kriminelle Banden schleusen Zehntausende Flüchtlinge durch Nigers Wüste. Außenminister Steinmeier sicherte dem Staat Unterstützung zu. Das bettelarme Land aber lebt vom Geschäft mit der Flucht.

DPA

Aus Niamey berichtet


Wenig Zeit? Am Textende gibt's eine Zusammenfassung.


Ins ärmste Land Afrikas reiste Außenminister Frank-Walter Steinmeier als EU-Gesandter mit einer ambitionierten Mission. Wenn nicht gar mit einer unmöglichen. Im Niger ging es ihm zusammen mit seinem französischen Kollegen Jean-Marc Ayrault darum, den Strom von Zehntausenden Flüchtlingen, die durch das Land in Richtung Europa drängen, irgendwie zu kontrollieren.

Niger spielt in der afrikanischen Flüchtlingsfrage eine zentrale Rolle. Allein im vergangenen Jahr sind bis zu 150.000 Flüchtlinge durch den westafrikanischen Staat in Richtung Libyen geschleust worden. Dort wagten viele von ihnen den lebensgefährlichen Weg über das Mittelmeer. Diplomaten sprechen von der afrikanischen Transitzone für Flüchtlinge, das bettelarme Land ist eine Art Drehscheibe für die Verzweifelten geworden.

Vor allem die Stadt Agadez im Norden des Landes hat sich in den vergangenen Jahren zu einem Zentrum der Schleuser entwickelt. Jeden Montag fahren Dutzende Pick-ups in Richtung Libyen, oft nutzen sie den Schutz eines regelmäßigen Militärkonvois. Für den Trip durch die Wüste nehmen die Schleuser den Flüchtlingen 200 bis 400 Euro ab, dann werden jeweils 30 von ihnen dicht an dicht auf die Ladeflächen gepfercht. Wer herunterfällt, wird in der Wüste zurückgelassen.

Wie viele Menschen auf der Route schon starben, weiß niemand genau. Immer wieder aber werden in der Sahara zufällig Pick-ups mit mumifizierten Leichen gefunden. Bilder in den sozialen Netzwerken zeigen schrecklich entstellte Körper. Meist klammern die Hände noch an dem Wasserkanister, eine der wenigen Habseligkeiten, die die Verzweifelten auf die Tour nach Libyen mitnehmen durften. Trotzdem machen sich jeden Montag neue Konvois auf den Weg.

Die aktuellen Zahlen lassen für den Sommer eine weitere Verschärfung der Lage erwarten. Beobachter in Agadez berichteten, dass die Zahlen an Flüchtlingen, die durch die Stadt geschleust werden, sich allein in den vergangenen Wochen verdoppelt haben. Waren es Anfang April noch rund 5000 Menschen pro Woche, machten sich in den letzten Wochen rund 11.000 Flüchtlinge auf den Weg. Formal hat Niger zwar ein strenges Gesetz erlassen, das die Schleusung von Menschen unter harte Strafe stellt. Durchgesetzt aber wird es nicht.

Zudem hatte die EU schon beim Flüchtlingsgipfel in Valetta ein Programm mit Niger vereinbart. Mit EU-Geld sollte das Land die illegale Migration über die Nordgrenzen kontrollieren. Zudem sollten sogenannte Willkommenszentren gebaut werden. Im besten Fall sollten die Flüchtlinge dort durch anschauliche Berichte vor dem gefährlichen Weg übers Mittelmeer gewarnt werden. Informationen über die geringen Chancen, in der EU zu leben, waren als endgültige Abschreckung angedacht.

Passiert ist bisher wenig. Steinmeier konnte bei seinem Besuch zwar eine neue Erklärung erreichen, die sich zu den gemeinsamen Zielen bekennt. Auch sein Außenministerkollege Yacoubou Ibrahim versprach nach dem Besuch, man wolle seine Verpflichtungen einhalten. Im gleichen Satz aber mahnte er mehr Unterstützung durch die EU an.

Steinmeier selbst wirkte nicht allzu optimistisch. Zu gut kennen er und seine Diplomaten das Tempo bei Abkommen mit afrikanischen Nationen.

Treffen mit Flüchtlingen am Flughafen

Der Verzweiflung der Flüchtlinge kam der deutsche Minister kurz vor dem Abflug recht nahe. In einem kleinen Zentrum der International Organisation of Migration (IOM) redete er gut eine Stunde mit jungen Männern, denen die Flucht nicht gelungen ist. Ein junger Mann aus Guinea berichtete, dass er es schon bis nach Algerien geschafft hatte. Dort aber fiel er in die Hand von Kriminellen, für seine Freilassung musste seine Familie noch mal 1000 Dollar schicken. "Wir sind wie Sklaven", sagt ein anderer, "mit uns kann man alles machen."

Die Leiterin der Einrichtung sagte, man sei noch ganz am Anfang der Bemühungen. "Fast alle Menschen, die hier ankommen, glaubten an eine einfache Flucht, weil sie ja das Geld für die Schleuser bezahlt haben", erzählte sie. Andere dachten, von Libyen seien es nur noch 15 Minuten mit dem Boot nach Europa. Nun wollten gut 30 Prozent zurück in ihre Heimat. "Wir können die Menschen nur aufklären", so die Helferin, "vielleicht halten die schrecklichen Geschichten wenigstens andere vom Traum der gefahrlosen Flucht ab."


Zusammengefasst: Niger spielt in der afrikanischen Flüchtlingsproblematik eine entscheidende Rolle - viele Menschen werden von dort nach Libyen und dann weiter nach Europa geschleust. Außenminister Steinmeier war in das Land gereist, um die Durchsetzung eines bestehenden Abkommens mit der EU zu erwirken. Doch die Mission ist schwierig. Zu lukrativ ist das Geschäft für die Schleuser, zu machtlos der Staat.

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NeueTugend 03.05.2016
1.
Also, 200-400 EU sind in vielen afrikanischen Staaten nicht wenig. 2015 lag das BIP in Mali bei knapp 670 $. Man könnte von dem Geld schon mal gut ein halbes Jahr leben ohne zu arbeiten. Von Verzweiflung kann man dann doch nicht sprechen.
Elfes 03.05.2016
2. Auch dies
Zitat von NeueTugendAlso, 200-400 EU sind in vielen afrikanischen Staaten nicht wenig. 2015 lag das BIP in Mali bei knapp 670 $. Man könnte von dem Geld schon mal gut ein halbes Jahr leben ohne zu arbeiten. Von Verzweiflung kann man dann doch nicht sprechen.
wird durch TTIP nicht gerade weniger problematisch. Es wird einem mulmig, wie Milliarden in unnützen, ja schädlichen Kanäle gepumpt wird, statt - wie zB Syrien - die dort vorhandenen Flüchtlingslager, die ebenso hätten als Städte konzipiert werden können und somit noch Infrastruktur und Arbeit schaffen. Irgendwie kommt einem der ganze Spuk so vor, als ob gezielt Europa einem Tsunami preisgegeben wird, um billige/willige Arbeitskräfte zu generieren. Nur berechnen sie nicht den humanitären Faktor. Eigentlich könnte Europa ob ihrer enormen Arbeitslosigkeit froh sein, daß der "demografische Wandel" eine Waage bildet, nicht derartiger Bevölkerungsexplosionen ausgesetzt zu sein, und so ausgewogen auch noch Raum zum Menschsein zu haben. Es ist kurzsichtig oder dumm, zu glauben, daß diese durch fehlerhafter Geldverschwendung nach EU geschleusten Menschen tatsächlich billig und willig sind. Die meisten haben keine Ambitionen, ihre Kultur dem ameisenemsigen Arbeitsleben zu widmen und sich in eine ihnen verabscheute Mentalität/"Leitkultur" einzufügen. Es darf nicht weiter der eigene, heimische Markt in Afrika mit billiger EU-Ware überschwemmt werden und so die einheimschen Händler in die Ecke gedrückt werden. Verdammt noch mal! Es geht um Menschen. Denen die Grundlage zum Überleben und etwas Zufriedenheit in ihrer Heimat nicht dem Markt geopfert werden darf. 2 und 2 macht nicht fünf, auch wenn solche Rechenspiele im Raubtierkapitalismus mehr Spaß machen, als umsichtiges Handeln und Fairness
Gehirn einschalten 03.05.2016
3.
Zitat von NeueTugendAlso, 200-400 EU sind in vielen afrikanischen Staaten nicht wenig. 2015 lag das BIP in Mali bei knapp 670 $. Man könnte von dem Geld schon mal gut ein halbes Jahr leben ohne zu arbeiten. Von Verzweiflung kann man dann doch nicht sprechen.
Ich empfehle zu diesem Thema das Buch "Bilal: Als Illegaler auf dem Weg nach Europa", das bereits 2007 (also vor fast 10 Jahren) auf italienisch und 2010 auf deutsch erschien. Fabrizio Gatti, ein italienischer Journalist, ist inkognito mit den Flüchtlingen durch die Wüste und über das Mittelmeer gereist. Er beschreibt genau die Route, die lebensgefährlichen Zwischenfälle, die Fluchtursachen, das Geschäft der Schleußer, woher das Geld der Flüchtlinge kommt usw. So legen z. B. ganze Familien ihr Geld zusammen, um einen aus der Familie nach Europa durchzubringen, in der Hoffnung, dass er die Familie dann nachholt. Es ist eine erschütternde Reportage! Bitte dieses Buch lesen und dann hier kommentieren!
M. Striehm 03.05.2016
4. Nicht nur für den Sommer
„Die aktuellen Zahlen lassen für den Sommer eine weitere Verschärfung der Lage erwarten.“ Wohl nicht nur für den Sommer: im Jahr 2000 lebten in Europa 726 Millionen Menschen, in Subsahara-Afrika 642 Millionen. Laut Prognose der UNO werden im Jahr 2050 in Europa 707 Millionen Menschen leben, indes in Subsahara-Afrika über 2 Milliarden (2123 Millionen) Menschen. In Niger wird die Bevölkerung in diesem Zeitraum um fast das 7-fache steigen (2000: 11 Millionen, 2050: 72 Millionen), http://esa.un.org/unpd/wpp/DataQuery/
appel&ei 03.05.2016
5. Fast täglich ...
.. kann man nun bei "SpOn" einen Reisebericht über einen Ausflug des Ministers des Äußeren, Herrn F.W. Steinmeiner, lesen. Der Inhalt? Nun, die Redakteure bräuchten eigentlich nur jeweils den Ort des Geschehens zu aktualisieren. Der Rest bleibt gleich: Der Minister fordert. Der Minister mahnt. Der Minister warnt. Der Minister brüllt seine Zuhörer an. Und sonst? Sein Vorgänger im Amt wurde oft [eigentlich immer] als "Platzhalter" bezeichnet. F.W.S. muss noch lange daran arbeiten sich diesen Ruf im Ansatz zu verdienen.
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