Bekämpfung von Fluchtursachen Verschenken wir eine Milliarde!

Die Einwanderung begrenzen und den Flüchtlingen dort helfen, wo sie herkommen. Das ist die neue Migrationspolitik. Dumm nur, dass sie offenbar nicht funktioniert. Obwohl, es gäbe da eine Idee...

Brennendes Flüchtlingsboot vor Lampedusa (nach der Rettung der Passagiere)
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Brennendes Flüchtlingsboot vor Lampedusa (nach der Rettung der Passagiere)

Ein Kommentar von


"Wir schaffen das!", machte die Bundeskanzlerin dem deutschen Volk Mut, als dieses mit Bangen vernahm, dass man Hunderttausende Flüchtlingsgäste zu erwarten hätte. Vor knapp zwei Jahren war das. Politisch ist es eine Ewigkeit her. "Wir schaffen das nicht", scheint die offizielle Devise inzwischen zu lauten.

Bei ihrem kürzlichen Treffen in Tallin haben sich Europas Innenminister noch einmal darauf eingeschworen. Es gelte, "die ungesteuerte Migration über das zentrale Mittelmeer einzudämmen", so beschreiben der deutsche und der italienische Innenminister, Thomas de Maizière und Marco Minniti, in einem gemeinsam veröffentlichten Text die neue Richtung. "Wir können den Migranten nicht die Illusion einer grenzenlosen Gastfreundschaft vorspielen".

Innenminister Thomas de Maizière (l.), Marco Minniti
DPA

Innenminister Thomas de Maizière (l.), Marco Minniti

Gut, das kann man ja so wollen und so sagen. Dann wissen die Migranten Bescheid, dass sie in zu großer Zahl unerwünscht sind. Und die deutschen und italienischen Wähler freuen sich, dass die Politik "die Migrationskrise" aktiv angeht.

Nur, wie man die Migrantenströme tatsächlich steuern kann, das wissen die Migrationskrisen-Politiker offenbar selbst auch nicht so richtig. Da reden sie von Anreizen für die Herkunftsländer, ihre geflohenen Töchter und Söhne zurückzunehmen. Wollen mit Bürgermeistern an den Schmuggel-Strecken quer durch die Sahara reden, um die mit Geld und guten Worten zu bewegen, die Kooperation mit den Schleusern zu beenden. Alles nett. Aber natürlich Blödsinn. Das hält die Menschen doch nicht auf, wenn die da weg wollen.

Nun ist es ja auch ein schwieriges Vorhaben. Mauern und Stacheldraht, wie beim "Schließen der Balkanroute", taugen fürs Mittelmeer nicht. Die Boote versenken, die Flüchtlinge ertrinken lassen? Das traut sich, außer ein paar Neonazis, bislang keiner vorzuschlagen. Man kann Lager in Libyen bauen lassen, der Regierung dort Geld geben, damit sie keine Flüchtlinge mehr gen Norden wandern lässt, also das "Modell Türkei". Birgt aber auch Probleme: Eine richtig regierende Regierung gibt es in Libyen nicht, dafür viel Wüste, viel Strand, alles kontrolliert von bewaffneten Banden.

"Die Migrationskrise wird in Afrika bewältigt!"

Deshalb sagen Spitzenpolitiker in Berlin, Rom, Brüssel jetzt einen Satz sehr gerne, der wirklich gut klingt und gut ankommt: "Helfen wir den Migranten, wo sie zu Hause sind". Oder, wie das Duo De Maizière/ Minniti dasselbe etwas forscher formuliert: "Die Migrationskrise wird in Afrika bewältigt!" Prima. Nur, wie bewältigt man noch mal Hunger, Kriege, Elend auf die Schnelle?

Arbeitsplätze kreieren, Schulen bauen, bessere Lebensverhältnisse schaffen, das würde nämlich viele Jahre dauern - und nichts an der Misere ändern. Nie was von dem Geldversenken namens Entwicklungspolitik gehört?

Mindestens 800 Milliarden Euro haben die westlichen Industrieländer in den vergangenen Jahrzehnten unter Stichworten wie "Hilfe zur Selbsthilfe" nach Afrika gebracht. Manche Schätzungen reichen sogar bis zu zwei Billionen. Aber das ist auch egal, denn das meiste von dem Geld haben afrikanische Potentaten und korrupte Eliten in Schweizer Banken deponiert oder in Immobilien in London und Paris gesteckt.

Die Not in Afrika ist derweil immer noch groß. Zwar ist der durchschnittliche Anteil der Menschen, die mit weniger als zwei Dollar am Tag auskommen müssen, von mehr als 50 Prozent Anfang der achtziger Jahre auf etwa 41 Prozent im Jahr 2013 gesunken. Doch bewegt sich die absolute Zahl der Armen in Afrika seit Mitte der 1990er Jahre auf konstant hohem Niveau.

Entwicklungshilfe von oben macht nur "die oben" reich

Wissen die Migrationskrisen-Politiker das nicht? Oder wollen sie es gar nicht wissen? Weil sie nur Action-Show machen wollen, die nächsten Wahlen im Blick? Entwicklungshilfe von oben macht nur "die oben" reich, bei den Armen kommt nichts an. Die haben keine Jobs, keine Perspektive. Und die machen sich deshalb auf den Weg.

Warum geben wir dann nicht denen, die noch in den afrikanischen Armutszonen sind, einfach jeden Monat Geld in die Hand? Hier, bitte, 30 Euro!

Was das soll? Manche werden mit dem Geld Brot oder Bohnen kaufen, andere werden es sparen und davon nach gewisser Zeit zwei Kühe erwerben oder gemeinsam mit den Brüdern einen Gebrauchtwagen kaufen und einen Taxidienst eröffnen. Man könnte die Geschenke in solchen Fällen mit rückzahlbaren Minikrediten aufstocken, die sich in Indien, bei Marktfrauen zum Beispiel, gut bewährt haben.

Manche werden das Geld auch in Bier umsetzen. Na und? Auch das fördert den Wirtschaftskreislauf in ihrem Dorf, in ihrem Städtchen. Ökonomisch ist es letztlich ziemlich egal, was mit dem Geld geschieht: Es kurbelt einen winzigen, erst lokalen, später vielleicht regionalen Wirtschaftskreislauf an, den es bis jetzt nicht gibt, weil es kein Geld gibt. Der Bauer, der Schamane, der Friseur - alle kriegen ein bisschen davon ab. Und werden es weiter verprassen oder investieren. Multiplikatoreffekt heißt das in der Wirtschaftstheorie.

Das soll funktionieren, mit so ein paar Kröten? In Mali, Senegal oder Gambia liegt der Monatsverdienst eines einfachen Arbeitnehmers zwischen 25 und 45 Euro. Die Glücklichen, die einen solchen Job haben, ernähren davon oft vielköpfige Familien. Mit einer Milliarde Euro im Jahr könnte man fast 3 Millionen Familien jeden Monat 30 Euro zusätzliche Kaufkraft in die Hand geben.

Nur eine wirtschaftliche Entwicklung von unten hat dauerhaft eine Chance

Manche werden trotzdem emigrieren. Aus Kriegsgebieten und Terror-Regionen sowieso. Da kann nur Frieden den Exodus stoppen. Aber überall dort, wo Armut und Hunger die Menschen zu Migranten macht, werden viele bleiben und eine wirtschaftliche Entwicklung von unten einleiten. Und nur die hat dauerhaft eine Chance.

Das sei zynisch, werden jetzt die einen sagen, und unmoralisch: Die Menschen mit Geldscheinen vom Weg nach Europa abzuhalten, das geht ja gar nicht. Nur weil es viel billiger ist, diese Menschen dort zu ernähren als im deutschen Asylbewerberheim!

Einfach so Geld verschenken, werden die anderen sagen, das geht ja gar nicht. Dann werden die dort unten in Afrika noch weniger arbeiten und der deutsche Steuerzahler wird schon wieder gemolken - für Ausländer, die nichts auf die Reihe kriegen. Wie bei den Griechen!

Deshalb wird diese Idee selbstverständlich niemand aufgreifen. Leider.

Anmerkung der Redaktion: In der ursprünglichen Version dieses Textes wurden Zahlen zum Anstieg der Armut in Afrika genannt, die nicht korrekt sind. Wir haben die entsprechende Passage angepasst.

insgesamt 185 Beiträge
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Seite 1
komatzu 25.07.2017
1. warum nicht
mal im kleinen probieren. alles ist besser als weiterhin die herrschende Klasse reicher zu machen
round_robin 25.07.2017
2. Regelmäßiger Geldregen
Klingt erst mal ganz nett, diese Idee. Aber was machen wir dagegen, dass sich Leute schnell an den regelmäßigen Geldregen gewöhnen und meinen, sie bräuchten gar nichts zu tun, weil ja schließlich immer was nachkommt? Dann haben wir nebst sprunghaftem Anstieg der Population auch mit Beendigung des Geldregens deutlich mehr Ausreisewillige. Ob wir uns damit nicht selbst ein Ei legen? Verstehen Sie mich nicht falsch, aber an der Idee muss noch gefeilt werden.
wo_st 25.07.2017
3. schämen wir uns
Wir liefern bei uns unverkaufbares Hühnerklein nach Afrika und zerstören den Kleinbauern die Erwerbsgrundlage. Wir liefern alte Kleider nach Afrika und zerstören kleine Handwerksbetriebe. Usw.
Realist111 25.07.2017
4. Mal ganz praktisch, Herr Schlamp:
Wie wollen Sie die 30 Euro denn verteilen ohne Genehmigung und ohne Mithilfe der von Ihnen selbst genannten "afrikanischen Potentaten und korrupten Eliten"???
INGXXL 25.07.2017
5. So is es
eine einfache Lösung gibt es nicht. Deutschland allein kann das auch nicht lösen. Leider ist die UN zu schwach. das wäre die Organisation die das lösen könnte aber leider zerstritten ist
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