Szenarien für Grenzschließung Wenn Deutschland dichtmacht

Schlagbaum runter, keine Flüchtlinge mehr rein: Politiker beschwören dieses Szenario immer häufiger. Doch die Rückkehr zu Grenzkontrollen würde Deutschland und die EU teuer zu stehen kommen - sieben mögliche Folgen im Überblick.

Von , Brüssel

Polizistin an einer deutschen Autobahn: Rückkehr zu einer EU der Grenzkontrollen?
DPA

Polizistin an einer deutschen Autobahn: Rückkehr zu einer EU der Grenzkontrollen?


Wenig Zeit? Am Textende gibt's eine Zusammenfassung.


Es klingt so einfach: Deutschland schließt seine Grenzen oder führt zumindest so scharfe Kontrollen ein, dass nur noch ein Bruchteil der Flüchtlinge ins Land kommen kann. So oder ähnlich stellen sich viele Kritiker von Kanzlerin Angela Merkel die Lösung der aktuellen Flüchtlingskrise vor.

Aber ist es wirklich so einfach? Klappe zu, Probleme weg - kann das funktionieren? Wohl kaum. Das genaue Gegenteil wäre wahrscheinlich der Fall: noch mehr Chaos, noch mehr verzweifelte Flüchtlinge, noch mehr europäischer Streit. Das Schengen-System, eine der großen Errungenschaften der europäischen Einigung, würde über Nacht kollabieren.

Was würde bei einer deutschen Grenzschließung konkret passieren? SPIEGEL ONLINE erklärt sieben mögliche Szenarien:

  • Geheime Kommandoaktion: Die Bundesregierung müsste die Grenzkontrollen wohl nahezu ohne Vorwarnung wieder einführen, um keine Torschlusspanik auszulösen, die einen noch größeren Flüchtlingsandrang an der Grenze zur Folge hätte.
  • Chaos auf der Balkanroute: Viele Tausend Flüchtlinge würden in Österreich stranden, und ihre Zahl innerhalb des Landes würde dramatisch steigen. Die Regierung in Wien würde ihrerseits Grenzkontrollen einführen und so den Rückstau nach Slowenien, Serbien und Kroatien verlagern, die sich dann ebenfalls abschotten würden. "Dieser Dominoeffekt wäre die logische Folge, sollte Deutschland seine Grenzen schließen", meint Steffen Angenendt von der Berliner Stiftung Wissenschaft und Politik. "Und es gibt immer einen, der am Ende der Kette steht."
  • Kollaps in Griechenland: Das Land ist schon jetzt heillos mit der Zahl der Migranten überfordert. Ein durch Grenzschließungen verursachter Rückstau würde, so die in der EU verbreitete Befürchtung, Griechenland endgültig ins Chaos stürzen.
  • Kältetod für Flüchtlinge: Das größte Leid würde wohl die Flüchtlinge treffen. Sollten sie bei winterlichen Temperaturen im Freien campieren, wäre eine humanitäre Katastrophe programmiert.
  • Mega-Staus: Sollte an den Autobahngrenzübergängen künftig jeder Pkw und Lkw kontrolliert werden, würden gigantische Staus entstehen - ein Schreckensszenario für die deutsche Wirtschaft. "Die Kosten allein für die internationalen Straßentransporte würden sich um circa drei Milliarden Euro verteuern", warnt Anton Börner, Chef des Außenhandelsverbands BGA. "Rund 70 Prozent des deutschen Warenhandels mit dem Ausland werden innerhalb Europas abgewickelt." Zudem haben viele Unternehmen durch das Just-in-Time-Prinzip "ihre Lagerhaltung praktisch auf die Autobahn verlegt", sagt SWP-Experte Angenendt.
  • Flüchtlinge weichen aus: Trotz der Grenzkontrollen würden wahrscheinlich zwar weniger, aber immer noch zahlreiche Flüchtlinge nach Deutschland kommen. Denn ob sich dessen Grenzen mit vertretbarem Aufwand lückenlos sichern lassen, ist höchst umstritten. Zwar hat die Bundespolizei laut Zeitungsberichten bereits im September 2015 einen Plan entwickelt, der detailliert darlegt, wie man die Grenze zu Österreich schließen könnte. Doch die darin enthaltenen Maßnahmen könnte die Bundespolizei selbst mithilfe der Länder nur für drei bis sieben Tage durchhalten, hieß es. Und dabei ging es nur um die Grenze zu Österreich.
  • Deutschland baut einen Zaun: Als Hauptproblem gelten die grünen Grenzen abseits der offiziellen Übergänge. "Da wir schon lange keine Grenzbefestigungen mehr haben, sehe ich nicht, wie man dort auf die Schnelle für eine lückenlose Sicherung sorgen könnte", sagt SWP-Mann Angenendt. Die allerletzte Möglichkeit wäre, einen Zaun an der Grenze zu Österreich zu errichten - so wie es etwa Rainer Wendt, der Chef der Deutschen Polizeigewerkschaft, jüngst gefordert hat. Das aber ist politisch höchst unwahrscheinlich. Zudem hat die Erfahrung der vergangenen Jahre laut Angenendt eines gezeigt: Wenn ein Weg verschlossen wird, finden Flüchtlinge schnell einen neuen.


Zusammengefasst: Eine europäische Lösung der Flüchtlingskrise ist nicht in Sicht - weshalb auch in Deutschland immer öfter die Forderung nach einer Schließung der Grenzen aufkommt. Doch ein solcher Schritt wäre nicht nur verheerend für die EU, sondern auch für die deutsche Wirtschaft. Zudem ist fraglich, ob sich Deutschlands Grenzen überhaupt mit vertretbarem Aufwand absichern lassen.

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