Flüchtlingslager bei Dünkirchen Achtung, Sie verlassen jetzt Europa

Die Räumung des illegalen Flüchtlingslagers in Calais steht bevor. Doch neben dem "Dschungel" gibt es am Ärmelkanal noch weitere Lager - und dort sind die Zustände noch schlimmer.

Aus Dünkirchen berichtet

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Ohne Gummistiefel ist Schluss, sobald man den Hauptweg verlässt. Und selbst der: schlammig, immer wieder von tiefen Pfützen unterbrochen. Links und rechts steht Zelt an Zelt auf breiigem Boden, unter Bäumen.

Im Flüchtlingslager Grande-Synthe am Rand der französischen Hafenstadt Dünkirchen leben derzeit etwa 1300 bis 1500 Menschen, rund 80 Prozent von ihnen sind Kurden oder Iraker. Das jedenfalls schätzt Raphaël Etcheberry, der hier seit anderthalb Monaten für die Hilfsorganisation Ärzte ohne Grenzen (MSF) arbeitet.

Doch während das Flüchtlingslager "Dschungel" am Rand von Calais im Zentrum des öffentlichen Interesses steht, nimmt die Welt vom 40 Kilometer entfernten Grande-Synthe kaum Notiz. Dabei sind die Zustände noch katastrophaler. Wer sich hier umsieht, könnte bezweifeln, dass er sich in Europa befindet.

Ein paar Zahlen, die das Problem verdeutlichen: Für die aktuell geschätzt 1300 bis 1500 Bewohner gibt es 42 Dixi-Klos auf dem Gelände und einen einzigen Unterstand mit Wasserhähnen. Dazu kommen 48 Duschen in acht grauen Containern. Theoretisch. "Die funktionieren aber nie gleichzeitig", sagt Helfer Etcheberry. Bei Kälte frieren die Leitungen ein, außerdem gibt es Probleme mit dem Wasserdruck. Zusammengerechnet ungefähr 200 bis 300 Mal am Tag können die Duschen insgesamt genutzt werden. Ein Krätze-Epidemie grassiert auch deshalb im Lager.

Pro Nacht schaffen es zehn nach Großbritannien

Die hygienischen Bedingungen sind alarmierend. Überall liegt Müll herum. Der Einsatz von Reinigungsgerät ist wegen des weichen Bodens kaum möglich. Gleiches gilt für den Abtransport eventueller medizinischer Notfälle. Neben MSF kümmert sich auch die Organisation Ärzte der Welt um die Gesundheitsprobleme der Flüchtlinge. Vielen machen die oberen Atemwege zu schaffen, wegen Wind und Kälte. Aber auch die Folgen von Stürzen, ausgekugelte Schultern zu Beispiel. Und Verbrennungen, vor allem an den Händen. Geheizt wird mit Holz, an offenen Feuern vor den Zelten.

Helfer Etcheberry: Not als Dauerzutand
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Helfer Etcheberry: Not als Dauerzutand

Das Camp in Grand-Synthe existiert seit 2006. Doch wo über Jahre vielleicht ein paar hundert Menschen illegal lebten, wurden es im vergangenen Jahr plötzlich bis zu 3000. Wie die Flüchtlinge in Calais hoffen auch sie auf einen Weg nach Großbritannien, wohin die Fähren von Dünkirchen aus fahren. Und einigen Lagerbewohnern gelingt die illegale Reise über den Kanal wohl tatsächlich. Raphaël Etcheberry schätzt, dass pro Nacht etwa zehn Erfolg haben. In Calais, wo die Sicherheitsvorkehrungen am Eingang des Eurotunnels besonders hoch sind, seien es vielleicht zwei pro Woche.

"Wer hier landet, ist schon seit Wochen unterwegs", sagt Etcheberry. "Der sieht sich quasi schon kurz vor dem Ziel in Großbritannien." Und dieses Gefühl hilft offenbar, die Zustände im Camp zu ertragen.

Vor den Steckdosen warten die Schlepper

Unter einer Zeltplane nahe des Eingangs haben Freiwillige 30 Steckdosen installiert. Hier können die Flüchtlinge von Grande-Synthe ihre Handys laden. Sie sind ihre einzige Verbindung zur Familie, entweder zu Hause, oder aber schon in Großbritannien. Hier aber sprechen auch die Schlepper, die sich über stetig steigende Preise freuen können, ihre Kunden an. Fotos macht man also besser nicht.

Wie geht es nun, dass sich 1300 Menschen die vorhandenen 30 Steckdosen teilen? "Mit Selbstdisziplin", sagt Etcheberry. Wenn man ihn fragt, ob das tatsächlich funktioniert, sagt er: "Nein."

Werden nun noch viel mehr Menschen nach Grande-Synthe kommen, wenn der Südteil des Lagers in Calais wie geplant geräumt wird? Die Helfer glauben das eher nicht. Im "Dschungel" kommt die Mehrheit der Menschen aus Afghanistan, Pakistan, Eritrea, Äthiopien oder dem Sudan. Grande-Synthe ist dagegen von Kurden und Irakern dominiert. Und das dürfte vermutlich auch so bleiben.

Doch auch ohne den Zuzug aus Calais kommen schon genug Menschen hier an. Deswegen, und wegen der unhaltbaren Zustände, entsteht einige hundert Meter weiter gerade unter MSF-Regie ein neues Camp. Auf einem ehemaligen Fabrikgelände sind Holzbaracken für bis zu 2500 Menschen aufgebaut worden. Es wird auf dem Sechs-Hektar-Areal deutlich mehr Toiletten- und Duschcontainer als bisher geben. Geotextilien und Schotter sollen dafür sorgen, dass der Boden nicht mehr durch gestautes Wasser aufweicht. Die Zufahrt wird gerade asphaltiert.

"Camp der Schande"

Raphaël Etcheberry lobt, dass sich der Bürgermeister von Grande-Synthe, Damien Carême, um pragmatische Lösungen bemüht habe. So sei das Grundstück von der Kommune gestellt. Öffentlich hatte der Linke Carême das alte Lager als "Camp der Schande" bezeichnet. Das sind ganz andere Töne als in Calais, wo die lokalen Politiker Druck machen, damit das Flüchtlingslager möglichst bald verschwindet.

Von löblichen Ausnahmen wie Carême abgesehen: Hier in Frankreich erlebt man, was Staatsversagen bedeutet. Oder besser: Staatsunwilligkeit. Der Beitrag der Behörden, so scheint es, beschränkt sich darauf, vor die Camps eine Hand voll Polizisten zu stellen. In Grande-Synthe sollen die übrigens auch dafür sorgen, dass in das alte Lager keine Baumaterialien gelangen. Feste Bauten würde der Staat dort nicht tolerieren.

Wohl auch aus Angst vor diplomatischen Problemen mit Großbritannien kümmert sich die Regierung in Paris kaum um die Menschen, die sie als Durchreisende betrachtet. Das neue Flüchtlinglager in Grande-Synthe wird durch MSF errichtet, also eine Nichtregierungsorganisation. Und eine Nichtregierungsorganisation dürfte es wohl auch betreiben. Am 7. März geht es los.

Raphaël Etcheberry sagt: "Wir planen für mindestens zwei, drei Jahre."


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Christoph Seidler
Christian O. Bruch/ laif

Christoph Seidler ist Redakteur im Ressort Wissenschaft/Gesundheit im Hauptstadtbüro von SPIEGEL ONLINE in Berlin.

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