Flüchtlingslager Calais Das blaue Haus im "Dschungel"

Bagger reißen die Hütten im Flüchtlingscamp "Dschungel" in Calais ab. Doch ein Künstler versucht trotzdem, ein Zeichen zu setzen.

Aus Calais berichtet

Pierre Gautheron

Als das strohgedeckte Dach in der Luft schwebt, getragen von 40 Händen, jubeln Alpha und seine Freunde los. Eben noch war der Flüchtling aus Mauretanien rastlos um sein altes Haus gelaufen, hatte in Gummistiefeln und Blaumann selbst die Spitzhacke angelegt, um das Fundament seiner kleinen, in einer blauen Zeltplane eingewickelten Holzhütte freizulegen. Jetzt ist der erste Schritt geschafft: Sein Zuhause wird abgebaut - erst das Dach, dann die Wände.

Nur ein paar Meter Luftlinie entfernt werden auch an diesem Tag wieder mit Baggern und Brechstangen zahlreiche Unterkünfte im Flüchtlingslager von Calais abgerissen. Die Stimmung der Migranten und Aktivisten ist zunehmend resigniert. Bei Alpha aber passen das sonnige Wetter und der strahlendblaue Himmel zur ausgelassenen Stimmung: es wird gelacht, gescherzt, geklatscht.

Was bizarr klingt, hat einen einfachen Grund: Alpha hat, anders als Tausende andere Flüchtlinge im Lager, sein Schicksal noch selber in der Hand: Er baut seine Hütte einfach eigenhändig ab und rettet sie - bevor sie der Willkür des Räumkommandos zum Opfer fällt. Alpha ist Künstler, auch sein ärmliches Haus versteht er als Kunstwerk - und die Demontage ist für ihn ein "starkes Symbol": Der Sieg der Kunst über die Hoffnungslosigkeit.

Damit verliert das Camp allerdings auch seine fröhlichste, schrägste und einladendste Unterkunft: In dem schmalen Lehmstreifen vor der Hütte des Mauretaniers ragt eine meterhohe Pyramide aus Dosen in die Luft, ein kleiner Eiffelturm aus Blech, gebaut aus den Müllbergen im "Dschungel".

Alphas Hütte war der Blickfang des Lagers

Ein paar Schritte weiter standen bis vor kurzem noch vier große Buchstaben, die Alpha aus Styropor ausgeschnitten und bunt angemalt hatte: Sie formten das Wort "Home" - Heimat, an einem Ort der Verlorenen. Jetzt hat er sie, irgendwie auch symbolisch, zur Seite gestellt. Sie stehen etwas verloren direkt neben dem Hühnerstall, dem einzigen im ganzen Flüchtlingslager. Selbst in der Hektik des Abbaus findet Alpha noch Zeit, Jeanne zu füttern, seine Henne, die so aufgeregt wie er selbst durch die Gegend rennt.

Der Blickfang in all dem kreativen Chaos ist aber seine Hütte: Die Architektur des Daches ist seiner Heimat Mauretanien nachempfunden, als einziges Dach im Dschungel hat er es mit getrockneten Stroh gedeckt. "Nur aus Jux", so sagt er, habe er einen blauen Plastikstuhl auf die Dachspitze gebunden. Farblich passt er aber perfekt zu dem poetischen Namen der Hütte, die Alpha "La petite maison bleue sur la colline" getauft hat: "Das kleine blaue Haus auf dem Hügel."

Es ist dieser Name, der seine Unterkunft erst vor den Bulldozern bewahrt. Denn in dem sehr beliebten französischen Chanson "San Francisco" von Maxime Le Forestier wird auch ein kleines blaues Haus besungen, das sich an einen Hügel schmiegt. Über Umwege haben sich Alpha und der berühmte Sänger kennengelernt. Der schlug vor, beeindruckt von der Kreativität des Mauretaniers, vor, Alphas Hütte nach Paris zu bringen - erst auf eine Kunstaustellung, dann auf sein privates Anwesen.

"Ich hatte Le Forestiers Songzeile immer im Kopf", erklärt Alpha. Sein Vater, der im Zweiten Weltkrieg für Frankreich gekämpft hatte, habe ihm als Kind viele französische Lieder vorgesungen. Elf Jahre lang war Alpha auf der Flucht. Er lebte in der Türkei, Bulgarien, Belgien, Griechenland, bevor er nach Calais kam, um nach Großbritannien flüchten zu können. Eines aber vergaß er in all der düsteren Zeit nicht - das blaue Haus aus dem Chanson.

"Ich werde auch nicht vergessen, dass ich im Vergleich zu den anderen hier im Lager sehr privilegiert bin", sagt Alpha weiter. Inzwischen hat er Asyl beantragt und schläft nicht mehr im Lager, eine Familie hat ihn auf einem nahen Bauernhof untergebracht. Seine Kunstwerke werden inzwischen in Paris, London und Brüssel ausgestellt. "Ich spreche gut Französisch, ich habe damit anders als die meisten hier die Chance gehabt, echte Freundschaften zu schließen", sagt er. Dann ruft er zum wiederholten Male hektisch nach seiner Mutter, die den Abbau koordiniert.

Auch der Kunstschule droht der Abriss

In Wahrheit ist seine "Mutter" Französin und die erste Frau, die er im Camp von Calais kennengelernt hat. Sie heißt Claudine Gilles, ist eine resolute 68-Jährige mit kurzen Haaren, und arbeitet auch im Rentenalter ehrenamtlich für eine NGO. Als gegen Mittag ein riesiger Transporter der Hilfsorganisation "Secours Populaire Francais" vorfährt, in dem das Haus transportiert werden soll, ist auch Gilles erleichtert - und berührt wie eine echte Mutter: "Für mich ist Alpha der beste Beweis, dass man sogar an diesem Ort mit Würde leben kann, selbst wenn die Bedingungen unmenschlich sind - und dabei sogar noch Gutes schaffen kann."

Denn Alpha hat nicht nur ein kreatives Haus für sich geschaffen. Gleich nebenan hat er für die Flüchtlinge eine "Kunstschule" errichtet. Drinnen stehen in vier Reihen grob gezimmerte Holztische. Es gibt ein Klavier, eine Tafel und viele Bücher: "Peter Pan" stapelt sich neben Romanen und Lebensratgebern. An den Wänden sind zum Lernen auf bunter Pappe auf Französisch die Zahlen von 1 bis 100 geschrieben: In der "Kunstschule" wird nicht nur Kunst gelehrt - sondern auch die Kunst, in der Fremde zu überleben.

Ganz hinten, neben einem Haufen alter, platter, Gummireifen sitzen zwei Frauen aus Eritrea und singen fröhlich Musik aus ihrer Heimat. Gut gelaunt schneiden sie aus dem Gummi Sandalen. Es gibt Modelle für Herren und Damen - mit Blumen an den Riemen.

Doch damit dürfte es bald vorbei sein. Alpha kann zwar seine einstige Wohnbaracke retten, aber er kann nicht auch seine Kunstschule im Garten von Maxime Le Forestier stellen. Schon bald könnte die Kunstschule abgerissen werden. Draußen lärmen schon die Bagger.

Video: Reportage aus dem "Dschungel" (25.02.2016)

Pierre Gautheron
Lesen Sie hier eine Reportage von Christoph Seidler aus dem "Dschungel von Calais".



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