Die Homepage wurde aktualisiert. Jetzt aufrufen.
Hinweis nicht mehr anzeigen.

Räumungsbefehl aufgeschoben: Gnadenfrist für den "Dschungel" von Calais

Aus Calais berichten , und (Video)

DPA

Ein französisches Gericht hat die Räumung des Flüchtlingslagers von Calais vorerst gestoppt. Die Behörden behaupten, es gehe um 1000 Bewohner - doch die Helfer schätzen, dass mehr als 3000 Menschen vertrieben werden sollen.

Das Licht geht ohne Vorwarnung aus. Also sitzen die vielleicht 30 Menschen im Kabul Café erst einmal im Dunkeln, fast alles sind junge Männer aus Afghanistan und Pakistan.

Eben lief auf dem Flatscreen am hinteren Ende des Tresens noch ein krawalliger Film mit Tanz und reichlich zerschlagenem Porzellan. Doch jetzt ist alles still. Ein, zwei Minuten dauert es, dann ist der Strom wieder da. Vermutlich hat wieder einer der Generatoren gezickt.

Die Stimmung ist einigermaßen gelöst. Man trinkt süßen Tee, manche Soft-und Energydrinks. Hinten in der Ecke baut einer einen Joint. Das Kabul Café ist eines von 80, vielleicht 90 kleinen Restaurants im "Dschungel". So nennen die Flüchtlinge , die hier leben, ihre vorübergehende Heimat am besonders unansehnlichen Ostrand der französischen Hafenstadt Calais.

Die meisten hoffen darauf, eines Tages von hier nach Großbritannien zu reisen. Der Eingang zum Eurotunnel liegt nur wenige Kilometer entfernt. Der Fährhafen ist sogar noch näher, gleich am Ende der Autobahn, die das 40 Hektar große Areal begrenzt. Also träumen sie davon, sich irgendwie in einem der Lkw verstecken zu können, die auf die andere Seite des Kanals fahren. Dorthin, wo sie gern wären.

Erste Anlaufstelle: Kabul Café

Im "Dschungel" verbringen die Menschen die Wartezeit bis zu ihrem Fluchtversuch. Manche sind freilich seit Monaten hier, weil die französischen Behörden die Sicherheitsmaßnahmen am Tunneleingang und am Hafen massiv verstärkt haben. Die Afghanen und Pakistaner stellen die größte Gruppe im Lager, danach folgen Eritreer und Äthiopier, Sudanesen und Syrer. Vom Balkan kommt kaum jemand.

Fotostrecke

6  Bilder
Camp von Calais: Gespannte Ruhe im "Dschungel"

Orte wie das Kabul Café sind eine erste Anlaufstelle im Camp. Hier lassen sich Kontakte knüpfen, es gibt einigermaßen preiswertes Essen - und angekommene Landsleute können die Nacht in einem Raum neben der Gaststube verbringen.

Noch herrscht Ruhe, aber damit ist es wohl bald vorbei: Denn um den "Dschungel" tobt ein Nervenkrieg. Frankreichs Behörden wollen einen Teil des Camps räumen. Und François Guennoc, 63, macht das große Sorgen. "Wenn der Slum zerstört wird, sind Menschen in Gefahr. Wo sollen sie denn hin?", fragt der pensionierte Lehrer, der sich mit einem dicken Wollpullover und einer Lederjacke vor der abendlichen Kälte schützt.

Helfer François Guennoc: "Je schwieriger es wird, rüberzukommen, desto höher steigen die Preise" Zur Großansicht
SPIEGEL ONLINE

Helfer François Guennoc: "Je schwieriger es wird, rüberzukommen, desto höher steigen die Preise"

Guennoc arbeitet seit zwei Jahren für die Organisation "L'Auberge des Migrants". Er und seine Mitstreiter leisten im Lager tägliche Überlebenshilfe. Rund 1200 behelfsmäßige Behausungen haben sie gebaut, sie verteilen Kleidung und Essen. Nun müssen sie fürchten, dass der Staat den Druck auf die Bewohner erhöht - und die Bulldozer schickt.

"Den Dschungel zu zerstören, ist keine Lösung"

Eigentlich hatten die Behörden Teile des Camps schon ab Dienstagabend zerstören wollen. An die Bewohner hatte es zuvor ein Ultimatum der Präfektur gegeben. Die Flüchtlinge sollten ihre Behausungen bis 20 Uhr räumen. Doch ein Verwaltungsgericht in Lille entschied wenige Stunden vor Ablauf dieser Frist, dass die Menschen noch einen Aufschub bekommen. Zuvor hatte sich Richterin Valérie Quemener in dem Lager umgesehen. Das Gericht setzte nach ihrem Besuch die Räumung zunächst aus, allerdings zunächst für maximal 48 Stunden. Dann soll es eine endgültige Entscheidung geben.

"Den Dschungel zu zerstören, ist keine Lösung", sagt François Guennoc. Um es zu entwickeln brauche es Zeit. Er hoffe, dass das Gericht genau dafür sorgen werde. Die Chancen, so glaubt er, stünden gar nicht schlecht.

Aktuell wird um die Räumung des südlichen Teils des Lagers gestritten. Am Rand seiner schlammigen Straßen und Wege sollen nach Angaben der französischen Behörden etwa 800 bis 1000 Menschen leben. Guennoc und seine Leute haben freilich ganz andere Zahlen: Sie gehen davon aus, dass in dem Gebiet, um das es nun geht, 3450 Menschen unterwegs sind, davon etwa 180 Frauen. Auch rund 300 unbegleitete Kinder und Jugendliche haben die Freiwilligen gezählt.

An zwei Tagen sei man mit 20 Teams von Behausung zu Behausung gegangen, um die Menschen zu zählen, sagt Guennoc. Die so zusammengekommenen Zahlen seien aus seiner Sicht ziemlich belastbar. Das ist vor allem wichtig, wenn es um die Frage geht, wohin die Flüchtlinge aus dem südlichen Teil des "Dschungels" eigentlich sollen, wenn die Planierraupen kommen.

Im Nordsektor ist nur Platz für 1500 Menschen

Im Nordsektor, der - zumindest vorerst - nicht geräumt werden soll, hat die Regierung Wohncontainer aufstellen lassen. Dort sollen auch die Menschen aus dem Südteil unterkommen. Platz gibt es nach Angaben der Behörden für vielleicht 1500 Menschen. Und wenn die Regierungszahlen stimmen, würde das ausreichen. Guennoc glaubt das nicht ansatzweise.

Was passiert also mit dem Rest? Wer nicht in den Wohncontainern unterkommt, der soll nach den Vorstellungen der Behörden in einem anderen von etwa 200 Erstaufnahmezentren irgendwo in Frankreich leben. Viele Flüchtlinge haben daran freilich kein Interesse. Sie wollen nach Großbritannien, was auch immer sie sich dort erhoffen.

Am Dienstag kündigte Belgien an, an einigen Grenzstationen zu Frankreich wieder Kontrollen einzuführen. Das soll Flüchtlinge abschrecken. Die Belgier befürchten, wegen der bevorstehenden Räumung von Calais könnten die "Dschungel"-Bewohner auf den belgischen Hafen Zeebrugge ausweichen. Rund 290 Polizisten sollen das nun verhindern. Die Grenze werde nicht geschlossen, sagte Innenminister Jan Jambon in Brüssel. Es gehe nur um eine bestimmte Personengruppe.

Vor einem Jahr kostete es Flüchtlinge in Calais rund 800 Euro, damit ihnen jemand den richtigen Lkw auf dem richtigen Autobahnparkplatz zeigt, der nach Großbritannien fährt. Inzwischen haben sich die Preise schon mehr als verdoppelt. Guennoc berichtet von Iranern, die kürzlich sogar mehr als 7500 Euro für einen Platz auf dem Lkw bezahlt haben. "Je schwieriger es wird, rüberzukommen, desto höher steigen die Preise", sagt er. Dann muss er los. Noch steht das Camp, aber Guennoc weiß nicht, wie lange noch.

Er hat heute Abend noch viel zu tun.

Forum
Liebe Leserinnen und Leser,
im Unterschied zu vielen anderen Artikeln auf SPIEGEL ONLINE finden Sie unter diesem Text kein Forum. Leider erreichen uns zum Thema Flüchtlinge so viele unangemessene, beleidigende oder justiziable Forumsbeiträge, dass eine gewissenhafte Moderation nach den Regeln unserer Netiquette kaum mehr möglich ist. Deshalb gibt es nur unter ausgewählten Artikeln zu diesem Thema ein Forum. Wir bitten um Verständnis.
Diesen Artikel...

© SPIEGEL ONLINE 2016
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung der SPIEGELnet GmbH




Anzeige
  • Maximilian Popp (Hrsg.):
    Tödliche Grenzen

    Die Krise der europäischen Flüchtlingspolitik.

    SPIEGEL E-Book; 2,99 Euro.

  • Bei Amazon kaufen.


Der kompakte Nachrichtenüberblick am Morgen: aktuell und meinungsstark. Jeden Morgen (werktags) um 6 Uhr. Bestellen Sie direkt hier: