Flüchtlingslager in Ungarn "Wie kann unsere Regierung nur so unmenschlich sein"

Busse haben Tausende Flüchtlinge aus Ungarn an die österreichische Grenze gebracht. "Eine einmalige Aktion", heißt es. Am Budapester Bahnhof sammeln sich erneut Hunderte. Anwohner sind entsetzt - über ihre Regierung.

DPA

Aus Budapest berichtet


Junge Männer drängen halb panisch, halb euphorisch in die ersten bereitstehenden Busse. Verschlafene Väter und Mütter mit Kindern auf dem Arm steigen dazu. Eine erschöpfte alte Frau humpelt herbei, hat Mühe, die beiden Stufen des Busses zu bewältigen. Als sie endlich sitzt, bedeckt sie ihr Gesicht mit einer Hand und weint.

Mohamed, ein 22-jähriger Ingenieurstudent aus Damaskus, schaut sich die Szenen aus einiger Entfernung ungläubig an, zwei Freunde stehen neben ihm. "Fahren die wirklich zur Grenze?", fragt er.

Budapest-Ostbahnhof kurz nach Mitternacht. Die Polizei hat die ganze Gegend weiträumig abgesperrt, dann kommen Dutzende blauer Ikarus-Busse der Budapester Verkehrsbetriebe. Sie sollen die Flüchtlinge nach Hegyeshalom, zur österreichischen Grenze, fahren. Manche steigen euphorisch ein, machen mit den Fingern Siegeszeichen, andere, wie Mohamed und seine Freunde, sind skeptisch.

Zwei Tage zuvor hatte die ungarische Regierung einen Zug, der eigentlich zur österreichischen Grenze fahren sollte, in das Flüchtlingslager Bicske bei Budapest umleiten lassen. Als die Flüchtlinge den Betrug merkten, kam es zu Auseinandersetzungen. Gestern brachen Dutzende Flüchtlinge aus dem Lager aus.

Nach Köln zu seinem Onkel

Mohamed hat für die Reise von Damaskus nach Budapest nur drei Tage gebraucht, so erzählt er es jedenfalls. Er zahlte 1600 Dollar, Geld, das seine Familie zusammengekratzt hat, die Route: Türkei, Griechenland, Mazedonien, Serbien, dann Ungarn. Er will nach Köln zu einem Onkel. Hier auf dem Ostbahnhof wartet er seit sechs Tagen. Er freut sich über die Hilfsbereitschaft der vielen Freiwilligen, die Essen, Getränke und Kleider bringen. Aber er sagt: "Ich habe noch Geld, ich kann mir auch Essen kaufen. Statt Essen hätte ich lieber Reisefreiheit."

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Schließlich, als sich der Bahnhof immer mehr leert, steigen auch Mohamed und seine Freunde in einen der Busse und winken. "Wir sehen uns vielleicht in Deutschland", lacht Mohamed, noch immer nicht ganz überzeugt.

Es sind denkwürdige Szenen an diesem Morgen des 5. September. Fast genau vor 26 Jahren hatte die damalige ungarische Regierung die Grenzen für DDR-Bürger geöffnet, in den "Zügen der Freiheit" reisten damals Tausende vom Ostbahnhof in Richtung Österreich.

Keine Toiletten

Nun gibt es die "Busse der Freiheit". Sie kommen in den frühen Morgenstunden tatsächlich an der österreichischen Grenze an. Doch der Ausreiseaktion der ungarischen Regierung, die gestern am späten Abend mit österreichischen und deutschen Behörden abgestimmt worden war, haftet wenig Erhabenes an. Denn was sich in den vergangenen Tagen am Budapester Ostbahnhof abspielte, zeigte das ganze Desaster der ungarischen, aber auch der europäischen Flüchtlingspolitik auf wenigen Hundert Quadratmetern.

Tausende Menschen, von Säuglingen bis hin zu gebrechlichen Alten, kampierten hier tagelang und dicht an dicht auf Pappe, Isomatten oder in kleinen Zelten, ohne Toiletten, mit nur ein paar improvisierten Wasserhähnen, angeschlossen an einen Schlauch. Vielen ist die totale Erschöpfung anzusehen. Hilfe von den Behörden? Fehlanzeige.

Die meisten Ungarn, die hier vorbeikommen, sind bestürzt und entsetzt über die Bilder der Gestrandeten und Hilflosen vom Ostbahnhof. "Wie kann unsere Regierung nur so unmenschlich sein und solche Zustände zulassen?", sagen viele.

Einzig Dutzende Freiwillige bemühen sich rund um die Uhr in rührender Weise um die Flüchtlinge - sie verteilen Essen, Getränke, bringen Säcke voller Kleidung, Spielzeug für Kinder. Junge Ungarn singen, spielen mit den Kindern, führen kleine Theaterstücke auf. Zwei Ärzte, ein syrischer Chirurg und ein jordanischer Neurochirurg, die beide seit Jahrzehnten in Ungarn leben, leisten seit Tagen ehrenamtlich medizinische Notversorgung.

"Dann werden Leute an Cholera, an Ruhr sterben"

Am frühen Freitagabend, noch weiß niemand etwas von der Ausreiseaktion, sagt der Neurochirurg Jussuf El-Hindi, 48: "Viele haben Durchfall und Hautkrankheiten, weil sie sich seit Wochen nicht richtig waschen konnten. Wenn das Desaster hier so weitergeht, dann liegen hier bald Tote, dann werden Leute an Cholera, an Ruhr sterben."

Wenige Stunden später findet das Desaster - vorerst - ein Ende. Die Busse kommen, die Flüchtlinge steigen ein. Es sei eine einmalige Aktion, betont Regierungssprecher Zoltán Kovács, eine einmalige Geste, um eine Notsituation zu vermeiden, mehr Busse würden nicht fahren.

Der Konvoi vom Ostbahnhof ist noch nicht abgefahren, als die Stadtreinigung bereits mit Dutzenden Arbeitern anrückt. Sie sammeln Müll ein, zurückgelassene Zelte, Pappen, Matten und Decken, Kuscheltiere von Kindern, die nun im Dreck liegen. Dann reinigen sie mit Wasserspritzen den Boden.

Der Ostbahnhof ist nun gespenstisch leer. Doch nur für ein paar Stunden. Um kurz vor neun, es regnet in Strömen und die Arbeiter der Stadtreinigung haben noch längst nicht alles aufgeräumt, ist der überdachte Teil auf dem Platz vor der Bahnhof schon wieder voller Flüchtlinge. Sie liegen dicht an dicht gedrängt auf Pappen und Matten, die meisten sehen völlig erschöpft aus. Ein ungarischer Polizist, der die ganze Nacht Dienst am Bahnhof hatte, sagt: "Die nächste Runde beginnt."

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