Eingestellter Flugverkehr nach Tel Aviv Airlines bescheren der Hamas einen Erfolg

Dutzende internationale Airlines haben ihren Flugverkehr nach Israel eingestellt: Ein großer strategischer Sieg für die Hamas - er könnte Israel zu Zugeständnissen zwingen.

Ankunftstafel am Flughafen Ben Gurion: Die Unterbrechung des Flugverkehrs trifft die Israelis empfindlich
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Ankunftstafel am Flughafen Ben Gurion: Die Unterbrechung des Flugverkehrs trifft die Israelis empfindlich

Von Ulrike Putz


Viele Möglichkeiten haben ausreisewillige Israelis nicht mehr. Nachdem Dutzende Fluglinien ihren Betrieb zum internationalen Ben-Gurion- Flughafen eingestellt haben, ist es für sie schwer geworden, ihre von Kämpfen erschütterte Heimat zu verlassen. Abgesehen von Ben Gurion, der etwa 20 Kilometer südlich von Tel Aviv liegt, hat Israel keinen wirklich funktionstüchtigen internationalen Airport.

Zwar werden örtliche Flughäfen in Haifa und in Ovda nördlich des Badeorts Eilat von Chartermaschinen aus dem Ausland angeflogen. Aber beide verfügen nicht über Landebahnen, die es erlauben würden, hier Interkontinentalverkehr abzufertigen.

Der Flughafen Ovda in der Negev-Wüste solle nun als Ausweichmöglichkeit für internationale Flüge zugänglich gemacht werden, bestätigte eine Sprecherin des israelischen Transportministeriums am Mittwoch. Ob internationale Fluglinien das Angebot annehmen werden, ist fraglich. Denn der Flughafen liegt gut drei Stunden Autofahrt von Tel Aviv entfernt, nach Jerusalem dauert es fast vier Stunden. Außerdem darf der Flughafen wegen Schäden auf der Landebahn nachts nicht angeflogen werden - die meisten Flüge aus Übersee treffen jedoch nachts in Israel ein.

Bleiben die langsamen Fähren oder der Landweg über Jordanien: Dafür wiederum braucht man ein Visum - und das zu besorgen, kostet Zeit. Viele Israelis werden deshalb erst einmal bleiben müssen, wo sie sind: daheim.

Es ist das erste Mal, dass der internationale Flughafen Ben Gurion in diesem Umfang gemieden wird. Die amerikanische Luftfahrtbehörde FAA hatte am Dienstag US-Linien angewiesen, die Verbindungen nach Tel Aviv vorerst für 24 Stunden einzustellen. Die Entscheidung fiel, nachdem eine aus dem Gazastreifen abgeschossene Rakete in der Nähe des Flughafens Ben Gurion in Jahud eingeschlagen war. Ob dabei der Schock über den Abschuss des Malaysian-Airlines-Flugs MH17 über der Ukraine eine Rolle spielte, ist unklar. Doch viele europäische Unternehmen, darunter auch die Lufthansa, zogen nach.

Für die Hamas ist diese Entwicklung ein großer Sieg: Mit dem Einsatz recht primitiver Waffen hat sie es geschafft, Israels wichtigste Verbindung mit der Welt zu kappen. Selbst im Gaza-Krieg 2008/2009 hatte es keine großen Unterbrechungen des Flugverkehrs nach Israel gegeben.

Neue Chance für Vermittler

Der Schaden für Israels Wirtschaft wird immens sein. Die Tourismussaison 2014 ist de facto zu Ende, viele Besucher werden ihre Reise ins Heilige Land absagen müssen. Auch die Hightech-Industrie, Israelis Vorzeigebranche, wird Einbußen hinnehmen müssen. Der israelische Verkehrsminister Israel Katz schäumte, als er von der Einstellung der Flüge hörte: "Es gibt für US-Gesellschaften keinen Grund, ihre Flüge abzusagen und so Terrorismus zu belohnen."

Auch Freunde Israels wie der ehemaligen New Yorker Bürgermeister Michael Bloomberg sprechen von einem Affront. Sie antworteten mit symbolischen Aktionen: Er wolle am Mittwoch "in Solidarität" mit der israelischen Linie El Al nach Israel reisen, schrieb Bloomberg auf Twitter. "Die Einstellung der Flüge durch die USA ist ein Fehler und beschert der Hamas einen nicht verdienten Sieg."

Die Entscheidung der Fluglinien ist auch ein politisches Signal an Jerusalem, auch wenn die US-Luftfahrtbehörde und die anderen Unternehmen sie unabhängig und allein aus Gründen der Sicherheit getroffen haben mögen. Der Schritt spielt denjenigen in die Hände, die Israel drängen, die Lage im Gazastreifen in den Griff zu bekommen und einen Waffenstillstand zu schließen. Er bietet den Vermittlern einer solchen Vereinbarung - allen voran den USA und Ägypten - einen Hebel, mit dem sie Israel zu Zugeständnissen bewegen können. Die Einstellung des Flugverkehrs könnte einen Waffenstillstand ein Stück nähergebracht haben.

Israels Ministerpräsident Benjamin Netanjahu sah sich bereits gezwungen, US-Außenminister John Kerry darum zu bitten, sich für eine Wiederaufnahme der Flüge einzusetzen. Ein Mitarbeiter Kerrys lehnte dies jedoch kategorisch ab. "Wir werden uns nicht über die Anweisungen der FAA hinwegsetzen. Punkt", sagte er der Agentur Reuters. Kerry war zu dem Zeitpunkt in Kairo, um dort die Bedingungen einer Waffenruhe auszuhandeln.

Reisefreudige Tel Aviver besonders betroffen

Der israelische Armeesprecher betonte am Mittwoch: "Wir sind überzeugt, dass wir den Flughafen schützen können." Gleichzeitig schränkte er aber ein: Das Abwehrsystem "Eiserne Kuppel" habe eine Erfolgsrate von etwa 90 Prozent. Es könne immer sein, dass eine Rakete durchkomme.

Für viele Israelis könnte das Streichen der Flüge eine Art Weckruf sein. Große Teile der israelischen Bevölkerung - vor allem in der Partymetropole Tel Aviv - leben so, als ginge sie der Konflikt mit den Palästinensern nichts an. Seit dem Ende der Zweiten Intifada 2005, seit die direkte Bedrohung durch Selbstmordattentate aus Israels Innenstädten verschwunden ist, verschließen viele die Augen vor der Realität in den besetzten Gebieten.

Dass es in den vergangenen Wochen mehrfach Raketenalarm gab, war für viele Tel Aviver bisher kein Grund, ihr fröhliches Strand- und Straßenleben zu unterbrechen. Die Unterbrechung des Flugverkehrs wird die reisefreudigen Israelis jedoch empfindlich treffen - und sie vielleicht dazu bewegen, dem Krieg in Gaza mehr Aufmerksamkeit zu schenken.

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