Anschläge am Brüsseler Flughafen "Angst hat jeder, das ist sicher"

Als zwei Explosionen den Brüsseler Flughafen erschüttern, sind die SPIEGEL-Redakteure Sven Becker und Katrin Kuntz zufällig vor Ort. Chronologie eines grauenhaften Morgens.

Trauer am Flughafen in Brüssel
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Trauer am Flughafen in Brüssel


Der schnelle Überblick
Das ist passiert:
• Bei der Anschlagserie in der Abflughalle des Brüsseler Flughafens und in der U-Bahn wurden mindestens 31 Menschen getötet und mehr 300 verletzt.
• Zu den Attentätern gehört ein Brüderpaar: Ibrahim El Bakraoui, 29, sprengte sich am Flughafen in die Luft, sein Bruder Khalid, 27, in einem Metro-Waggon an der Station Maelbeek.
• Najim Laachraoui ist inzwischen als zweiter Selbstmordattentäter vom Brüsseler Flughafen identifiziert worden. Er soll ebenfalls im Zusammenhang mit den Anschlägen von Paris stehen.
• Ein dritter Haupttäter vom Flughafen soll sich auf der Flucht befinden. Nach ihm wird gefahndet.
• Die Terrororganisation "Islamischer Staat" hat sich zu den Attacken bekannt.
• Belgien hat die höchste Terrorwarnstufe ausgerufen.
Gegen 8 Uhr erschüttern zwei Explosionen die Abflughalle des Brüsseler Flughafens, und damit beginnt der Terror in der belgischen Hauptstadt.

Um 8.15 Uhr spürt man davon im Terminal A zuerst noch wenig. Fest steht nur: Der Zugang zum Hauptgebäude ist gesperrt. Passagiere drücken nervös auf ihre Handys, einige Menschen weinen. Der Grund dafür ist zunächst nicht ersichtlich. Eine Angestellte des Flughafens sagt durch: "Alle Passagiere ziehen sich bitte in den hinteren Teil des Terminals zurück." Es drohe Gefahr. Dort sollen sie auf Anweisungen warten. Gerüchte verbreiten sich über eine Explosion. Schießt jemand? Hat sich jemand in die Luft gesprengt? Ungläubigkeit.

Um etwa 9 Uhr werden die Passagiere aus dem Terminal A auf ein Rollfeld geleitet, das Sicherheitspersonal des Flughafens wirkt angespannt. Wer nicht zügig weitergeht, wird angeschrien. Polizisten rücken derweil vor, um zu überprüfen, ob weitere Attentäter im Gebäude sind, angeblich wird später eine dritte Bombe entschärft. Einige Passagiere haben sich in goldene Wärmefolien gehüllt. Andere ziehen stoisch ihre Koffer hinter sich her. Panik herrscht nicht, aber eine große Ratlosigkeit, eine sehr tiefe Verunsicherung. Die Menschen sammeln sich wenige hundert Meter entfernt von dem Terminal, dessen Fassaden zum Teil zerstört sind. Eine Szenerie, wie man sie sonst aus einem Kriegsgebiet kennt.

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Belgien: Terror am Brüsseler Flughafen
Auch Mustafa Ben steht hier, neben seinen beiden Kolleginnen. Alle drei arbeiten bei einer Snackbar im Inneren des Hauptgebäudes. Sie haben die Attentate an diesem Morgen gesehen. "Die Decke fiel zu Boden, überall Staub und Blut", sagt Ben. "Einer unserer Kollegen hat am Boden gelegen, er hatte ein Bein verloren. Überall neben dem Check-in-Schalter von American Airlines lagen Körperteile verstreut. Es war ein einziger Horror", sagt er.

Bens Kollegin kann kaum sprechen, sie weint und steht unter Schock. Sie sagt, sie hatte auf der Toilette des Terminals das Magazin eines Maschinengewehrs gesehen. "Es lag auf einem Toilettendeckel." Auch sie kann kaum fassen, was passiert ist. Vor wenigen Tagen haben sie sich mit den Brüsselern noch über die Festnahme von Salah Abdeslam gefreut. Und jetzt?

Immer mehr Krankenwagen fahren gegen 10 Uhr mit Blaulicht vor, ganze Kolonnen kommen über die Autobahn gerast, fahren an den Passagieren vorbei zum Hauptgebäude. Polizisten drehen ihre Runden und befragen die Wartenden.

So angespannt ist die Stimmung, dass jeder, der sich verdächtig bewegt oder außerhalb der vorgesehenen Zone geht, mit Härte zurückdirigiert wird. Ein Mann, der aus dem Parkhaus kommt, wird von Polizisten mit gezogenen Pistolen aufgefordert stehenzubleiben. Als er nicht reagiert, drücken ihn die Beamten sofort zu Boden. Doch es ist ein Fehlalarm, der Mann läuft verstört weiter.

Andere Menschen liegen sich in den Armen, viele tippen auf ihren Handys, doch das Netz ist überlastet und bricht immer wieder zusammen. Es gibt keine Informationen. Die Mitarbeiter des Flughafens wissen kaum mehr als die Passagiere. Alle Flüge werden gestrichen.

Um 11:50 Uhr kommt eine Presseerklärung der Brüsseler Staatsanwaltschaft: "Die Staatsanwaltschaft bestätigt, dass es sich bei den drei Explosionen an diesem Morgen, zwei am Flughafen Zaventem und eine in der Metrostation Maelbeek, um terroristische Anschläge handelt." Die Menschen sind wenig erstaunt, höchstens darüber, dass es wieder so schnell ging. Und dass man nirgends mehr sicher zu sein scheint. Auch nicht in Brüssel.

Busse treffen nach und nach ein, die alle Transitpassagiere auf mehrere Auffanglager verteilen. In den riesigen Flugzeughallen liegen die ersten schon bald erschöpft auf dem Boden. Sie bekommen Wasser, Catering-Essen aus dem Flugbetrieb und Steckdosen für ihre Handys. Ein Mitarbeiter des Roten Kreuzes spendet Trost und verteilt Kopfschmerztabletten. "Hier in der Halle stehen zum Glück nur wenige unter Schock" sagt er. "Aber Angst hat jeder, das ist sicher."

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Katrin Kuntz im Video: "Menschen rannten mir panisch entgegen"
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