Die Homepage wurde aktualisiert. Jetzt aufrufen.
Hinweis nicht mehr anzeigen.

Ostukraine: USA haben Hinweise auf gezielten Abschuss der Boeing 

REUTERS

US-Medien berichten übereinstimmend, die Maschine der Malysia Airlines sei von einer Flugabwehrrakete abgeschossen worden. Darauf deuten amerikanische Satelliten-Daten hin.

Kiew - Die Reise der Passagiere von Flug MH17 der Malaysia Airlines startete um 12.15 Uhr in Amsterdam. Ihr Ziel war die malaysische Hauptstadt Kuala Lumpur. Doch über der Ostukraine, in einem von prorussischen Separatisten umkämpftem Gebiet nahe der Stadt Donezk, stürzte sie ab. Alle Menschen an Bord starben, darunter mehr als 150 Niederländer und auch vier Deutsche. Auch US-Amerikaner, Australier und Franzosen sind unter den Opfern.

Wenige Stunden nach dem Absturz mehren sich die Hinweise, dass es sich nicht um einen Unfall, sondern vielmehr um einen Angriff gehandelt haben könnte. So berichten die "Washington Post", die "New York Times" und die Nachrichtenagentur AFP übereinstimmend, die Boeing sei von einer Boden-Luft-Rakete abgeschossen worden. Sie berufen sich dabei auf US-Behörden und den Geheimdienst. Ein militärischer Aufklärungssatellit lieferte laut "New York Times" die entscheidenden Hinweise, die für einen Abschuss der Maschine sprechen. Nun arbeiten amerikanische und ukrainische Experten laut der Zeitung daran, zu analysieren, von wo aus die Rakete abgeschossen worden ist und um was für eine Art von Rakete es sich handelte.

Am Donnerstagabend war bekannt geworden, dass die Maschine vor dem Absturz keinen Notruf abgesetzt hatte. US-Vizepräsident Biden sagte, es handele sich bei dem Unglück nicht um einen Unfall, vielmehr sei "die Maschine vom Himmel geholt worden". Die malaysische Regierung wollte am Abend noch nicht von einem Abschuss sprechen. Man habe noch keine Möglichkeit gehabt, die möglichen Gründe für den Absturz der Maschine zu verifizieren, sagte Premier Najib Razak.

Gegenseitige Schuldzuweisungen

Die Parteien im Ukraine-Konflikt bezichtigen sich gegenseitig, für die Tragödie verantwortlich zu sein.

  • Der ukrainische Präsident Petro Poroschenko beschuldigte die Aufständischen, das Passagierflugzeug abgeschossen zu haben, und sprach von einem "Terrorakt". Der ukrainische Regierungsberater Anton Geraschenko schrieb auf Facebook: "Gerade eben haben die Terroristen ein Zivilflugzeug mit einem freundlicherweise von Putin übergebenen Raketenkomplex abgeschossen." Wenige Stunden vor dem Absturz der malaysischen Maschine hatte die ukrainische Regierung dem russischen Militär vorgeworfen, ein ukrainisches Kampfflugzeug mit einer Rakete abgeschossen zu haben.
  • Die prorussischen Separatisten wiesen jede Schuld von sich und beschuldigten ihrerseits die ukrainische Armee. Sie beriefen sich darauf, nicht die nötigen Waffen zu besitzen, um ein Flugzeug in zehn Kilometern Höhe abzuschießen. Ein Facebook-Eintrag eines Separatistenführers deutet darauf hin, dass die Milizen das malaysische Flugzeug versehentlich abgeschossen haben könnten. Igor Strelkow, selbsternannter Verteidigungsminister der "Volksrepublik Donezk", brüstete sich am Nachmittag, die Raketen der Separatisten hätten ein ukrainisches Transportflugzeug getroffen. Die Videos, die Strelkow ins Netz stellte, ähnelten den Bildern vom Absturz des Fluges MH17.
  • Kremlchef Wladimir Putin schrieb der Ukraine die Verantwortung für den Absturz zu: Die schreckliche Tragödie wäre nicht passiert, wenn es in der Ostukraine keinen Krieg gäbe und Kiew seine Militäroperation gegen die prorussischen Separatisten nicht neu gestartet hätte, wetterte er.

Treffen des Uno-Sicherheitsrats

Der Flugzeugabsturz in der Ukraine fällt in eine politisch ohnehin schon sehr angespannte Lage. Seit Wochen liefern sich prorussische Separatisten um Donezk und Luhansk heftige Kämpfe, Donezk ist eine der letzten verbliebenen Hochburgen der Milizen. In den vergangenen Tagen sind die Gefechte eskaliert. Nach militärischen Erfolgen der Regierungstruppen schlugen die Separatisten mit schweren Waffen zurück, mit russischen Raketenwerfern des Typs "Grad - Hagel" nahmen sie ukrainische Militärkolonnen unter Feuer.

Nato-Generalsekretär Anders Fogh Rasmussen zeigte sich besorgt: Die Instabilität in der Region, die durch von Russland unterstützte Separatisten hervorgerufen worden sei, habe eine gefährliche Situation geschaffen. Diejenigen, die womöglich verantwortlich für den Absturz seien, müssten vor Gericht gestellt werden.

Die prorussischen Separatisten erklärten sich zu einer Waffenruhe von drei Tagen bereit, wie die russische Nachrichtenagentur Ria News unter Berufung auf Milizen berichtete. So solle ermöglicht werden, dass mehr Helfer zum Wrack der abgestürzten Passagiermaschine gelangen können.

Bundeskanzlerin Angela Merkel zeigte sich über den Absturz bestürzt und forderte wie ihr Kabinettskollege, Außenminister Frank-Walter Steinmeier (SPD), eine unabhängige Untersuchung des Vorfalls. Sollte sich bestätigen, dass der Flieger abgeschossen worden sei, stelle das eine "tragische Eskalation des Konfliktes im Osten der Ukraine dar", ließ Merkel über ihren Sprecher mitteilen.

Die britische Regierung forderte, ein Treffen des Uno-Sicherheitsrats zur Ukraine-Krise einzuberufen. Das Treffen wird voraussichtlich am Freitagnachmittag am UN-Sitz in New York stattfinden.

jbe/han/dpa/AFP/Reuters/AP/

Diesen Artikel...
Forum - Diskutieren Sie über diesen Artikel
insgesamt 75 Beiträge
Alle Kommentare öffnen
    Seite 1    
1.
minsch 18.07.2014
Schon interessant, wie schnell manche Leute und Regierungen wissen, wer für den Absturz einer zivilen Maschine mit vielen Unschuldigen Opfern verantwortlich ist, sogar, ohne erst einmal den Flugschreiber geborgen zu haben, dessen Daten erst sicher einen normalen Unfall ausschließen lassen. Ich bin wahrlich kein Putinfreund, erst Recht kein Freund der nationalistischen Verbrecher in der Ostukraine, aber Desinformation und Kriegspropaganda, egal von welcher Seite auf Kosten von Opfern eines Flugzeugabsturzes, die Instrumentalisierung von deren Tod für Gräuelpropaganda mag ich noch erheblich weniger! Aber was kann man schon anderes von einem Land wie den USA inzwischen erwarten?
2. Nach MH370, MH17
tailspin 18.07.2014
Das bisher gemeinsame Merkmal der Katastrophenfluege der Malaysian Airlines ist offenbar die Kennung MH und eine 7 in der Flugnummer an zweiter Stelle von vorne. Solche Fluege sind kuenftig unbedingt zu vermeiden. Im Hinblick auf weitere Katastrophenfluege aus dieser Ecke: Das Management der Malaysian Airlines (und das anderer westlicher Airlines, die bis vor kurzem das gleiche gemacht haben) gehoert achtkantig gefeuert. Sind die von allen guten Geistern verlassen, direttissima ueber ein Kriegsgebiet zu fliegen in der Hoffnung, nicht getroffen zu werden? Womeglich um Sprit zu sparen? Hoffentlich findet sich ein Maezen, der zu viele Milliarden hat und der Menschheit einen Gefallen tun will, indem er diesen maroden Laden aufkauft und radikal umkrempelt.
3.
egyptwoman 18.07.2014
"Nun arbeiten amerikanische und ukrainische Experten laut der Zeitung daran, zu analysieren, von wo aus die Rakete abgeschossen worden ist und um was für eine Art von Rakete es sich handelte." Und man wird auf amerikanischer Seite jetzt schon feststellen: Können nur die Russen gewesen sein. Warum werden die nicht zur Untersuchung zu Rate gezogen, sondern nur die ukrainische Regierung? Und warum werden keine weiteren unabhängigen Beobachter beigezogen? Kann mir jetzt schon die Schlagzeile von morgen vorstellen: russische Seperatisten (oder die Russen selber) haben die malaysische Maschine abgeschossen. Alles andere würde mich wundern, denn für die Amis steht doch der Alleinschuldige an allem eh schon fest: Russland, konnte man die letzten Monate doch eindeutig beobachten. Egal was Russland tat oder nicht tat, man bestrafte sie jeden Tag mit neuen Sanktionen.
4.
Oberleerer 18.07.2014
Entweder die Separatisten haben tatsächlich Mist gebaut, dann aber fragt man sich, warum der Luftraum nicht schon seit Wochen gesperrt ist, zumal ja nun auf einmal bekannt ist, daß die womöglich derartige Raketen haben. Oder es hat jemand nachgeholfen. Das erklärt, warum der Luftraum nicht gesperrt wurde und warum ausgerechnet die Kriegspartei vom anderen Ende der Welt "Hinweise" hat. Nach den Vorkommnissen der letzten Wochen sollte der Luftraum ja wohl zum bestbeobachteten der Welt gehören.
5. Luftraum jetzt erst gesperrt? Ich dachte, das wäre das Erste...
echnaton12 18.07.2014
was geschieht, wenn irgendwo wahnsinnige Krieger mit Boden- Luftraketen rumlaufen. Dachte, sowas wird weiträumig umflogen als erstes. So kann man sich als Laie täuschen und setzt sich vertrauensseelig in die Maschine. Wahrscheinlich um Spritt zu sparen oder 10 Minuten Zeit oder wieso?
Alle Kommentare öffnen
    Seite 1    

© SPIEGEL ONLINE 2014
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung der SPIEGELnet GmbH




Fläche: 603.700 km²
(inklusive der Krim, die seit 2014 von Russland annektiert ist)

Bevölkerung: 45,363 Mio.

Hauptstadt: Kiew

Staatsoberhaupt:
Petro Poroschenko

Regierungschef: Volodymyr Hroisman

Mehr auf der Themenseite | Wikipedia | Ukraine-Reiseseite


Der kompakte Nachrichtenüberblick am Morgen: aktuell und meinungsstark. Jeden Morgen (werktags) um 6 Uhr. Bestellen Sie direkt hier: