Von Hasnain Kazim, Islamabad
Uno-Generalsekretär Ban Ki Moon fand einen griffigen Begriff, um neuen Hilfsforderungen Nachdruck zu verleihen: Die Flutkatastrophe in Pakistan gleiche einem "Tsunami in Zeitlupe", mahnte er vor dem Plenum der Uno-Vollversammlung am Donnerstagabend. Die "Kraft der Zerstörung" werde mit der Zeit nur noch größer - umso dringlicher sei es jetzt, die Summe der Zahlungen für die Katastrophenhilfe aufzustocken.
Deutschland hat die Appelle schon erhört, aber mit Verzögerung. Die Regierung versprach zunächst nur fünf Millionen Euro zu, erhöhte dann auf zehn, um nun doch 25 Millionen Euro zu überweisen. Dazu kommen nach Angaben aus Berlin noch einmal rund 43 Millionen Euro, mit denen Deutschland an Hilfsmaßnahmen der EU, der Uno und der Weltbank beteiligt ist.
Nummer eins der Geberländer, gemessen an den Soforthilfen, sind allerdings die USA: Sie hatten bislang 90 Millionen Dollar zugesagt. Außenministerin Hillary Clinton versprach am Donnerstagabend noch einmal zusätzliche 60 Millionen Dollar. Außerdem hatte Washington zunächst Transporthubschrauber und Soldaten aus Afghanistan zur Verteilung von Hilfsgütern und zur Evakuierung von Menschen in Pakistan abgezogen. Seit einer Woche sind diese Einheiten zurück in Afghanistan, stattdessen sind Soldaten vom Hubschrauberträger "USS Peleliu" im Einsatz. Das Schiff liegt derzeit im Arabischen Meer vor der Küste der südpakistanischen Millionenmetropole Karatschi.
Ein Uno-Sprecher in Islamabad sagte, von den für die Soforthilfe nötigen 459 Millionen Dollar sei erst etwa die Hälfte eingegangen. Da das Geld aber so spärlich fließt, verzichtete die Uno vorerst darauf, noch mehr zu fordern - obwohl das eigentlich nötig wäre. "Dieses Geld ist erst die Soforthilfe", sagte Manuel Bessler, Chef des Uno-Büros zur Koordinierung humanitärer Angelegenheiten (OCHA) in der pakistanischen Hauptstadt Islamabad. "Für den Wiederaufbau der zerstörten Infrastruktur brauchen wir viel mehr." Pakistans Außenminister Shah Mehmood Qureshi bezifferte den Schaden, der Pakistan durch die Wassermassen entstanden sei, auf 43 Milliarden Dollar.
Hilfsangebot von Pakistans Erzfeind Indien
Einer der wichtigsten Geber für Pakistan ist Saudi-Arabien. Rund 20 Millionen Dollar sagte das Land zu, gleich zu Beginn der Krise. "Im Namen des saudischen Volkes" habe König Abdullah nun noch einmal weitere 300 Millionen Rial angewiesen, umgerechnet 80 Millionen Dollar, zitiert die Tageszeitung "Saudi Gazette" aus einer offiziellen Verlautbarung. Gut fünf Millionen Dollar davon steuere der König selbst bei, knapp drei Millionen kämen von Kronprinz Sultan bin Abdul Aziz. Die Nummer drei in der Thronfolge, Innenminister Prinz Nayef bin Abdul Aziz, gebe rund eineinhalb Millionen Dollar. Der Rest komme von diversen Gebern in Saudi-Arabien, darunter von der Saudi Development Bank.
Viele Länder dachten lange darüber nach, ob man überhaupt etwas spenden sollte. Denn Pakistan hat einen schlechten Ruf, es wird mit Terrorismus und Korruption in Verbindung gebracht. "Pakistan taumelt von Krise zu Krise, mit einer kraftlosen Wirtschaft, religiösem Extremismus und einer ungewissen politischen Situation", beschreibt der Londoner "Economist" die Lage. Nach Angaben von internationalen Hilfsorganisationen, Uno und pakistanischer Regierung ist immer noch nicht genug da, um für die rund 20 Millionen von der Flut betroffenen Menschen - ein Achtel der pakistanischen Bevölkerung - Soforthilfe zu leisten.
Knapp fünf Millionen Menschen haben ihre Häuser in den Wassermassen verloren, etwa 1600 Menschen kamen bisher ums Leben. Beobachter gehen davon aus, dass in Folge von Hunger und Krankheiten noch mehr Menschen sterben werden.
Nachbar China kämpft mit eigenen Katastrophen
Hilfe kommt ebenso von Pakistans Erzfeind Indien: Fünf Millionen Dollar hat der östliche Nachbar zugesagt. Der indische Premierminister Manmohan Singh rief seinen pakistanischen Kollegen Yousuf Raza Gilani an, um ihm "sein Mitgefühl und sein Beileid wegen der Todesfälle in Folge der gigantischen Flut auszudrücken", wie es in einer Mitteilung von Singhs Büro heißt. Indien sei bereit, noch mehr zu leisten, um Pakistan zu helfen. "In Zeiten solcher Naturkatastrophen sollte sich ganz Südasien Format zeigen und der von dieser Tragödie betroffenen pakistanischen Bevölkerung jede denkbare Hilfe zukommen lassen", sagte Singh.
Es dauerte eine Weile, bis sich Pakistan zu dem Angebot äußerte. Am Freitag sprach Außenminister Qureshi von einer "sehr willkommenen Initiative". Washington hatte Islamabad zuvor gedrängt, die Hilfe aus Neu-Delhi anzunehmen und die politische Rivalität nicht über die Bedürftigkeit der Menschen in den überfluteten Regionen zu stellen. "Da gibt es ein Land, das bereit ist zu helfen, und wir erwarten, dass Pakistan das akzeptiert", zitierten pakistanische und indische Zeitungen einen namentlich nicht genannten Mitarbeiter des US-Außenministeriums.
Summen zwischen fünf und 30 Millionen Dollar haben viele weitere Staaten in Aussicht gestellt, darunter Australien, Norwegen, Japan, die Türkei, Dänemark, Spanien, Schweden und Kuwait. Es sei also an der Zeit, ätzte der US-Sondergesandte für Afghanistan und Pakistan, Richard Holbrooke, dass jetzt auch China helfe. Die pakistanische Regierung nennt China "den größten Freund unseres Landes", doch bislang hat Peking keine Summe genannt, mit der es Pakistan helfen will. Doch China muss derzeit eine eigene Naturkatastrophe bewältigen: Im Nordwesten des Landes hat ein Erdrutsch mehr als tausend Menschen unter Geröll und Schlamm begraben.
Pakistans Außenminister Qureshi verteidigte den nördlichen Nachbarn daher. Peking habe nach der Flut sehr wohl Geld zur Verfügung gestellt und für Unterkünfte und die Verpflegung von rund 27.000 Menschen gesorgt, die in Nordpakistan, an der Grenze zu China, von der Außenwelt abgeschnitten waren. Wenn man alles zusammenrechne, was China geleistet habe, sei das schon eine Menge.
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