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Folter durch die US-Armee: Kein Blut, kein Regelverstoß

Eine Recherche der "NYT" lässt das juristische Vorgehen der US-Armee gegen Folter in anderem Licht erscheinen. So soll es vor und auch nach dem Abu Ghureib-Skandal ein Verhör-Zentrum gegeben haben, in dem ebenfalls geschlagen und erniedrigt wurde.

Berlin - Erst vergangene Woche hatte die Veröffentlichung Hunderter Bilder aus dem Gefängnis Abu Ghureib das Thema Folter durch die US-Armee im besetzten Irak erneut auf die Tagessordnung gesetzt. Nun kommt ein neuer Verdacht hinzu. Während die Armee nach den ersten Bildern aus dem Bagdader Gefängnis eilig juristische Konsequenzen versprach und in der Tat einzelne Soldaten vor den Kadi zerrte, gab es unweit von Abu Ghureib weiterhin ein Gefängnis, in dem Schläge, Erniedrigung und Einschüchterung von irakischen Gefangenen an der Tagesordnung gewesen sein sollen. Das berichtete die US-Zeitung "New York Times" am Sonntag.

Abu Ghureib-Bilder: Archiv des Grauens

Abu Ghureib-Bilder: Archiv des Grauens

Das Vorgehen der US-Armee, die von Agenten der CIA und des Militärgeheimdienstes DIA unterstützt wurden, mutet mehr als ironisch an. Demnach errichteten sie das im US-Militärslang als "Camp Nama" bekannte Gefängnis in einer berüchtigten Folterkammer des früheren irakischen Präsidenten Saddam Hussein. In dem fensterlosen so genannten "Schwarzen Raum" nahe des Flughafens von Bagdad hätten US-Soldaten Gefangene mit Gewehrkolben geschlagen und ihnen ins Gesicht gespuckt, hieß in der "Times". Trotz mehrerer interner Verdächte und Berichten von Vorgesetzten an das Pentagon in Washington sei jahrelang an der Praxis nichts geändert worden - auch nicht, als im Jahr 2005 die ersten Fotos aus dem Folter-Knast von Abu Ghureib bekannt gewordne waren.

Mit ihren Verhören versuchten die US-Agenten, Informationen über den irakischen al-Qaida-Führer Abu Mussab al-Sarkawi zu erhalten. Zuständig war demnach eine Elite-Einheit unter dem Code-Namen "Task Force 6-26". Die agiert absolut geheim und unterliegt offenbar keiner politischen Kontrolle. Selbst wer die Einheit anführt oder wie viele Mitglieder sie hat, ist laut dem Bericht nicht bekannt. Gemeinsam mit Agenten der CIA sollen die Elite-Krieger in dem Lager bei Bagdad versucht haben, Informationen aus den Gefangenen zu pressen, bevor diese schließlich nach Abu Ghureib überführt wurden.

Aus dem Bericht der "Times" geht hervor, dass sich die Soldaten über die Problematik der Mission durchaus bewusst waren. So sei vor dem Verhörraum ein Schild mit den Worten "Kein Blut, kein Regelverstoß" aufgehängt gewesen. Eine anonyme Quelle erläuterte in dem Artikel, was das heißt: "Wenn die Gefangenen nicht bluten, können sie keine Anzeige erstatten". Zahlreiche Gefangene seien nach dem Verschwinden in dem "Schwarzen Raum" für ihre Angehörigen für Wochen nicht mehr ansprechbar gewesen. Zugang zu Anwälten wurde grundsätzlich nicht gestattet und auch das Rote Kreuz hatte nie die Gelegenheit, das Gefängnis zu inspizieren.

Die Einzelheiten über das Gefängnis wurden erst jetzt bekannt, nachdem Menschenrechtler mit juristischen Schritten die Herausgabe von Geheim-Dokumenten vor Gericht erreichten. Aus den Papieren lässt sich ein vages Bild zeichnen, allerdings lehnten fast alle Mitglieder der Geheim-Truppe Interviews zu dem heiklen Thema ab. Bis heute wurden wie im Fall Abu Ghureib nur einzelne Soldaten für die folterähnlichen Maßnahmen belangt. Auch das Ergebnis der Grenzüberschreitung war laut dem Bericht der "Times" eher dünn. So habe die Einheit trotz ihrer Methoden kaum verwertbares Material über Sarkawi zusammenstellen können.

mgb

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