Folter im Irak Militäranwalt nimmt US-General Sanchez ins Visier

Der Vorwurf wiegt schwer. US-General Ricardo Sanchez, Oberbefehlshaber der Besatzungstruppen im Irak, soll persönlich anwesend gewesen sein, als irakische Häftlinge im Bagdader Gefängnis Abu Ghureib misshandelt wurden. Damit wankt die Verteidigungsstrategie der US-Regierung in dem Folterskandal.


US-Verteidigungsminister Donald Rumsfeld, Ricardo Sanchez: Schwere Vorwürfe gegen den Top-General
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US-Verteidigungsminister Donald Rumsfeld, Ricardo Sanchez: Schwere Vorwürfe gegen den Top-General

Washington - Robert Shuck heißt der Mann, der den hoch dekorierten General derartig in Verdacht gebracht hat. Der Militäranwalt erklärte laut einem der "Washington Post". vorliegenden Gesprächsprotokoll vom 2. April gegenüber dem Militärankläger John McCabe, der Militärpolizei-Hauptmann Donald Reese werde aussagen, dass "General Sanchez da war und sah, dass dies geschah". Shuck vertritt den angeklagten GI Ivan Frederick, einen von sieben Beschuldigten der 372. Kompanie der Militärpolizei.

Sollte sich die Anschuldigung bestätigen, wäre die Haltung der US-Regierung ad absurdum geführt, dass es sich bei den Misshandlungen um Einzelfälle Untergebener gehandelt habe. Ein Sprecher des Verteidigungsministeriums in Washington verwies auf Anfrage der "Post" auf die Zuständigkeit der Militärführung in der Nahost-Region und fügte hinzu, Aussagen von Verteidigern wie von Angeklagten in solchen Verfahren sei mit entsprechender Vorsicht zu begegnen.

Ein Antrag von Fredericks Verteidigern auf Verlegung des in Bagdad geplanten Prozesses wurde abgelehnt, wie ein Militärsprecher mitteilte. Die Verteidigung hatte ihren Wunsch damit begründet, dass nur eine Verlegung nach Europa oder in die USA die Sicherheit von Zeugen und Anwälten gewährleisten würde.

Das US-Justizministerium teilte mit, es habe erstmals auch Ermittlungen gegen den Mitarbeiter einer zivilen Firma eingeleitet, die im Auftrag der Armee in Abu Ghureib in Bagdad tätig war.

Saddam-General starb auf mysteriöse Weise

Die US-Armee untersucht inzwischen insgesamt 32 Todesfälle irakischer Häftlinge und weitere fünf von Gefangenen in Afghanistan. Acht davon seien von Ärzten als Tötungen eingestuft worden. Dies schließe mutmaßliche Übergriffe auf Gefangene "entweder vor oder während der Verhöre ein, die möglicherweise zum Tod der Häftlinge geführt haben". Zuvor hatte die Armee bereits zwei Todesfälle als Tötung eingestuft.

Unter den acht ungeklärten Todesfällen ist auch der des ehemaligen Generals Abed Hamed Mouhusch, der unter Saddam Chef der irakischen Luftverteidigung war. Das US-Verteidigungsministerium veröffentlichte insgesamt 22 weitere Autopsien, in denen als Todesursachen mehrfache Schusswunden, Strangulierung, Verletzungen durch starke Gewalt und Erstickung angegeben sind.

In einem ersten Verfahren hatte ein US-Kriegsgericht in Bagdad am Mittwoch den US-Militärpolizisten Jeremy Sivits wegen Beteiligung an Misshandlungen zu einer Haftstrafe von einem Jahr verurteilt. Gegen drei weitere Kollegen laufen Prozesse, in denen höhere Strafen drohen.

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