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Folter in Tschetschenien: Politkowskajas letzte Recherchen veröffentlicht

Fünf Tage nach dem Mord an Anna Politkowskaja hat die Moskauer Zeitung "Nowaja Gaseta" Fragmente aus den letzten Recherchen der Journalistin veröffentlicht. Politkowskaja beschreibt darin, wie Häftlinge in Tschetschenien gefoltert werden.

Moskau - Die Moskauer Zeitung "Nowaja Gaseta" veröffentlichte die Rechercheergebnisse Politkowskajas heute unter dem Titel "Wir nennen Dich einen Terroristen". In dem Artikel werden den vom Kreml unterstützten tschetschenischen Behörden Folterungen von politischen Gegnern vorgeworfen, die als Terroristen inhaftiert wurden.

"Kämpfen wir mit legalen Mitteln gegen die Gesetzlosigkeit?" fragt Politkowskaja in ihrem Text. "Oder zerschlagen wir sie mit unserer eigenen Gesetzlosigkeit?" Die Journalistin hatte bei ihren Recherchen Kontakt mit einem Tschetschenen, der aus der Ukraine an die Behörden in Grosny ausgeliefert wurde. Politkowskaja zitiert aus einem Brief des Mannes. Er sei an Händen und Füßen hängend an eine Querstange gebunden, geschlagen, mit Elektroschocks gequält und mit einer Tüte über dem Kopf an den Rand des Erstickens gebracht worden. Er sollte so geständig gemacht werden.

Der Artikel mit den Rechercheergebnissen Politkowskajas enthält außerdem Fotos aus einem Videofilm. Der Film wurde offenbar von Personen gedreht, die an den Folterungen beteiligt waren. Die Bilder zeigen unter anderem einen Mann, der im Gesicht blutet sowie Sicherheitskräfte, die zwei Männer misshandeln, heißt es in dem Bericht. Die Sicherheitskräfte seien wahrscheinlich pro-russisch.

In Journalistenkreisen wird vermutet, dass der Mord an Politkowskaja in Zusammenhang mit ihrer Arbeit an dem Artikel steht. Kurz bevor sie ermordet wurde, hatte Politkowskaja in einem Gespräch mit Radio Liberty erklärt, sie werde als Zeugin bei Ermittlungen zu Foltervorwürfen in Tschetschenien aussagen. Das Motiv für den Mord könnte aber auch in der regierungskritischen Berichterstattung über andere Themen liegen.

Der tschetschenische Ministerpräsident Ramsan Kadyrow erklärte gestern, er habe nichts mit dem Mordanschlag zu tun. "Eine Frau ist heilig", sagte Kadyrow dem russischen Fernsehsender NTV. "Ich denke, dass die Verantwortlichen für den Mord an Anna Politkowskaja mich in ein schlechtes Licht setzen wollten."

anr/AP/afp

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