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Folterknast in Tripolis: Tag der offenen Tür in der Hölle

Aus Tripolis berichtet

Einzelhaft, Verhöre, Misshandlungen - in Maktab al-Nasser verrichteten Gaddafis Schergen ihr grausames Geschäft, der Folterknast galt als der schlimmste im ganzen Land. Jetzt kommen die früheren Insassen zurück, besichtigen den Ort ihrer Leiden. Besuch mit einem Ex-Dschihadisten.

Gaddafis Folterknast: Spurensuche in Maktab al-Nasser Fotos
Jonathan Stock

Mehr als vier Jahre hatte Herr Rajan sich geschworen, nicht zurückzukommen. Jetzt zögert er, diesen Gang entlangzugehen, hinter die dritte Tür auf der linken Seite zu schauen, Zellentür 15. Rajan flucht, er schimpft auf seinen Cousin Abdul, der ihn hierher gebracht hat. "Ich hab immer gesagt, ich werde nicht zurückkommen", sagt er. Und gleichzeitig bebt sein Körper. Er lehnt sich vor und zurück, als ob ihn seine alte Zelle abstößt und gleichzeitig anzieht. Dann geht er hinein.

Er ist das erste Mal zurück in Maktab al-Nasser, dem Folterknast von Tripolis, im Südwesten der Stadt. Im Januar 2007 war er zum letzten Mal hier, vor seiner Verlegung in ein anderes Gefängnis. Mehr als zwei Jahre saß er da schon im Gefängnis, ohne Gerichtsverhandlung, siebeneinhalb Monate davon in dieser Zelle. Etwa zwei Schritt lang, einen Meter breit, Betonboden. Eine Flasche zu trinken, eine Flasche zum Pinkeln. Und die ersten vier Monate hatte er keinen Koran, das sei das Schlimmste gewesen.

Am hinteren linken Ende klafft ein Loch in der Decke. Es ist die einzige Lichtquelle, nur ein schmaler, hoher Schornstein, man könnte gerade eine Hand hineinstecken. Herr Rajan reckt den Kopf nach oben, das Licht fällt auf sein Gesicht. Er verharrt, will nicht reden. "Jeden Tag habe ich mich nach der Sonne gesehnt", sagt er später, nur zur Mittagszeit fiel sie hinein. Manchmal habe er auch den Mond gesehen, das sei das Schönste gewesen, fast ein Fest.

Die Menschen, die außer Rajan hier durch die Gänge streifen, sagen nicht viel. Es sind Sätze wie: "Dies ist der schlimmste Ort von Tripolis." Einer findet einen weißen Plastikstock in einer Ecke, an den Enden ein rotes Seil gebunden. "Falga", sagt Rajan, so heißt die damit praktizierte Folter, die viele im Land kennen. Das Seil wird dabei um die Unterschenkel gelegt und der Stock so lange gedreht, bis er ins Fleisch schneidet. Man liegt am Boden, kann sich nicht bewegen, dann schlagen einen Wärter auf die Füße, die Nieren, den Unterleib. "Wenn man ein guter Mann war, schlägt nur einer", sagt er.

In Metallcontainer gesperrt

Ein paar alte Gefangene staken über die zerbrochenen Steine. Einige mussten sich den Weg erklären lassen. Sie kennen das Gefängnis nur von innen, sind mit verbundenen Augen hergefahren worden. Khairy Abu Eshi war zwei Jahre hier, weil er 1991 einen Sohn Gaddafis auf der Straße falsch angeschaut hat. Sari Oman war fünf Tage in einem Metallcontainer in der Sommerhitze eingesperrt. Er soll im Frühjahr 2011 Kinder bezahlt haben, auf Anti-Gaddafi-Demonstrationen zu gehen. "Dabei stimmt das gar nicht!", sagt er, als ob er einen Mord abstreiten wolle. Er war mit Dutzenden eingesperrt, auf Toilette durften sie nur einmal am Tag, bald stank es nach Exkrementen.

In Maktab al-Nasser wurden die Gefangenen vor der Verlegung in das Abu-Salim-Gefängnis verhört, sollten sie nicht schon in den Zellen des Außenministeriums verhört worden sein oder im Ansara-Gefängnis im Süden der Stadt. Der Verhörraum liegt im Keller, der Eingang ist verschüttet, das Gebäude wurde von der Nato beschossen. In einem Nachbargebäude riecht es noch verbrannt. Aktenordner sind hier zu Asche verkohlt, eine Schreibmaschine streckt ihr Gerippe in die Luft, die Plastiktasten sind verschmort. "Sie wollten ihre Verbrechen verbrennen", sagt Rajan.

Wenn sie ihn noch mal in diese Zelle stecken, werde er sterben, da ist er sicher. Aber damals habe ihn Allah beschützt. Jeden Tag hat er im Koran gelesen, eine andere Beschäftigung hatte er nicht. Er kann den Koran jetzt auswendig, "Hafiz" heißt sein Ehrentitel, Bewahrer.

Maktab al-Nasser war der schlimmste Knast

Rajan ist ein strenggläubiger Muslim, ein Salafist, sagt er selbst, und ein ehemaliger Dschihadist, der in Afghanistan kämpfte. Als ihm im Januar 2008 der Prozess gemacht wurde, lautete die Anklage, Mitglied der Libysch-Islamischen Kampfgruppe (LIFG) zu sein, was er nicht bestreitet. "Waren aber nur zwei Jahre", meint er, von 1992 bis 1994. Er hat deshalb die letzten sieben Jahren vier Gefängnisse der Stadt gesehen. Maktab al-Nasser war das schlimmste, Abu Salim das beste.

Er ging 1991 nach Saudi-Arabien, flog von Tripolis nach Doha, später über Karatschi nach Peschawar. Damals bezahlte die saudische Regierung noch die Hälfte des Flugtickets, um den afghanischen Dschihad zu unterstützen. Von Peschawar wurde er von Glaubensbrüdern nach Miranscha gebracht im Tochi-Tal im Norden Waziristans. Von dort waren es nur wenige Kilometer bis zur afghanischen Grenze. Er überquerte zu Fuß die Berge, dahinter fuhren sie mit Pick-ups nach Khost, in den Osten Afghanistans.

Anderthalb Monate dauerte die Ausbildung. Er lernte, mit Kalaschnikows zu schießen, Mörser und Panzerfäuste zu bedienen. Im Umgang mit Sprengstoff wurden sie zu dieser Zeit noch nicht ausgebildet, meint er. Er mochte die Zeit im Lager, vor allem das Multikulturelle: Aus dem Fernen Osten und aus Südafrika seien Glaubensbrüder gekommen, auch aus England und den USA, sogar ein Deutscher sei dabei gewesen. Namen möchte er keine nennen.

Zwar waren die Russen damals schon aus dem Land getrieben, der Dschihad für viele Islamisten war aber noch nicht vorbei, solange die prosowjetische afghanische Regierung in Kabul saß. Er kämpfte bis zum April 1992 an der Front in Loger, südlich von Kabul. Als der Krieg vorbei war, schloss er sich der frisch gegründeten Libysch-Islamischen Kampfgruppe an, die den Sturz Gaddafis plante. Abdel Hakim Belhaj, der heutige Militärchef Tripolis, war sein Kommandeur. Zwei Jahre später verließ Rajan die Gruppe, wohnte mal in Afghanistan, mal in Pakistan, was er genau gemacht hat, möchte er nicht sagen.

Verhör im Außenministerium

Kontakte zu den afghanischen Taliban hatte er natürlich, meint er. "Das waren gute Leute, die haben das Land von den Verbrechern befreit." 2004 wurde seine Unterkunft in Abbottabad von der pakistanischen Polizei umstellt. Drei Monate wurde er in Rawalpindi festgehalten, dann in die libysche Botschaft nach Islamabad gebracht, später mit einer georgischen Maschine nach Tripolis ausgeflogen. Im selben Jahr wurde auch Abdel Hakim Belhaj am Flughafen in Thailand festgenommen und nach Tripolis geflogen, wie kürzlich gefundene CIA-Akten belegen.

Dass die Amerikaner hinter seiner Festnahme stecken, glaubt Rajan nicht. "Ich war ein kleiner Fisch", sagt er, "ganz unwichtig." Sein Gesicht möchte er trotzdem nicht zeigen, auch sein Vorname soll nicht erwähnt werden.

Beide wurden im Außenministerium verhört, wo sich auch das Büro des ehemaligen Geheimdienstchefs Mussa Kussa befindet, in dem die CIA-Akten gefunden wurden. Rajan verbrachte die ersten 18 Monate seiner Haft in einer Zelle des Gebäudes, zwei Zellen neben Belhaj.

Später wurde er nach Maktab al-Nasser verlegt, dann nach Ansara, am Ende nach Abu Salim. Nach dem Massaker von 1996 hatte Gaddafi das Gefängnis allmählich zu einem Vorzeigegefängnis ausgebaut, das mit Vorliebe Besuchern aus dem Westen gezeigt wurde. In den großen Zellen gab es eigene Küchen und Ventilatoren. Familienbesuche waren erlaubt, auch Telefonanrufe. Erst hier wurde ihm ein Prozess gemacht, im Januar 2008, 25 Jahre Knast war seine Strafe. Was er bei der Urteilsverkündung gefühlt habe? "Nichts. Ich hatte damit gerechnet. Wir bekamen alle 25 Jahre." Am 16. Februar 2011 wurde Rajan in einer Gruppe von 110 Häftlingen vorzeitig entlassen.

Am Vorabend der Revolution war diese Amnestie als Akt der Besänftigung von Gaddafis Sohn Saif al-Islam gedacht. Rajan ging nach Hause. Als in Tripolis gekämpft wurde, blieb er dort. Er hatte genug.

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insgesamt 25 Beiträge
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1. -
FTAASO 07.09.2011
Eigentlich könnte schon die Tatsache, dass dieses und andere Foltergefängnisse nun nicht mehr sind, eine Grund dafür sein, warum die deutsche Enthaltung ein Skandal war. Nur wissen wir ja, dass die Briten und US-Amerikaner eigens Leute zu Verhören nach Lybien deportiert haben. Was soll man von solchen Befreiern also halten.
2. Sowas
drouhy 07.09.2011
Zitat von sysopEinzelhaft, Verhöre, Misshandlungen - in Maktab al-Nasser verrichteten Gaddafis Schergen ihr grausames Geschäft, der Folterknast galt als der schlimmste im ganzen Land. Jetzt kommen die früheren Insassen zurück, besichtigen den Ort ihrer Leiden. Besuch mit einem Ex-Dschihadisten. http://www.spiegel.de/politik/ausland/0,1518,784845,00.html
Herr Stock - nennt man tendenziöse Berichterstattung. Ganz schlicht - der Feind meines Feindes ist mein Freund - auch wenn ich ihn vorher schon als Feind hatte. Wie wäre es denn, wenn man einen Kämpfer für Freiheit und Demokratie suchen würde? Dass arabische Gefängnisse Folterknäste sind, nicht nur beim Despoten von Tripolis, weiss man schon länger. Auch, dass Geheimdienste der freien, demokratischen Welt ihre Gefangenen mit Vorliebe in derartige Einrichtungen verschleppten, damit man dort die fehlenden Informationen gewann. Der Gipfel aber wird erreicht, wenn dieses Opfer von Gadaffis Schreckensregime in Pakistan an dem Ort festgenommen wird, indem der Terrorfürst höchstselbst längere Zeit residierte. Wäre dieser arme Knabe in D-Land verurteilt worden, sässe er immer noch ein. Zu Recht. Da Herr Stock vor Ort ist: - was geschieht zur Zeit in Tripolis? Wie ist dort die wirkliche Lage? Stimmt es, dass es immer noch nächtliche Schiessereien gibt? - hat sich der Goldschatz des Despoten inzwischen angefunden? Um die Hölle eines Stasiknastes zu sehen, kann man sogar nach Bautzen oder Hohenschönhausen fahren, wenn man vorher solcherart Opfer schon nicht in Ägypten fand, obwohl dies das erste Anlaufziel war.
3. ....
hashemliveloirah 07.09.2011
Zitat von FTAASOEigentlich könnte schon die Tatsache, dass dieses und andere Foltergefängnisse nun nicht mehr sind, eine Grund dafür sein, warum die deutsche Enthaltung ein Skandal war. Nur wissen wir ja, dass die Briten und US-Amerikaner eigens Leute zu Verhören nach Lybien deportiert haben. Was soll man von solchen Befreiern also halten.
Ja, wir können hier gut sehen, wie wenig die Regimes von Bruder Muammar und unserer Freunde George/Barak/David/Gordon/Tony sich doch voneinander unterscheiden...
4. .
Babs50+ 07.09.2011
Wann dürfen wir per Fotostrecke durch Guantanamo und Abu Ghreib spazieren? Wann wird uns der Alltag und die Praktiken der "ganz normalen "correctional institutions" in den USA gezeigt? Bei der Gelegenheit: Salafisten werden von den USA eben outgesourct gefoltert, worüber also die Aufregung?
5. .
trubeldubel 07.09.2011
Zesusla hat zugeschlagen. Ich schrieb sinngemäß: Das ist der Lebenslauf eines Terroristen. Schön dass SPON das gut findet. Das steht nicht zwischen den Zeilen, sondern gibt er sogar zu. Dann regt er sich auf, dass er nur zwei Jahre dort war, aber länger einsitzen musste. Ja, was erwartet er denn? In D würde er wesentlich länger einsitzen dürfen. Ob er ab dem ersten Tag dann auch eine Bibel dabei hat, wage ich zu bezweifeln.
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Fläche: 1.676.198 km²

Bevölkerung: 6,253 Mio.

Hauptstadt: Tripolis

Staatsoberhaupt:
Akila Salih Issa

Regierungschef: Fayez al-Sarraj (nominiert)

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