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Folterverdacht: Unterernährte Häftlinge in Bagdader Geheimgefängnis entdeckt

Folterverdacht in einem geheimen Gefängnis des irakischen Innenministeriums: Soldaten haben dort 170 unterernährte Häftlinge entdeckt. Einige sollen deutliche Spuren von körperlicher Misshandlung durch Schläge tragen.

Washington/Bagdad - Er habe bei den Gefangenen, die überwiegend sunnitischer Herkunft sind, "Zeichen von körperlicher Misshandlung durch brutale Schläge" gesehen, sagte der stellvertretenden Innenminister Hussein Kamal. "Ein oder zwei Häftlinge waren gelähmt, andere hatten an etlichen Körperstellen keine Haut mehr." Dies sei das Schlimmste, was er in jüngster Zeit erlebt habe. Die Verantwortlichen würden zur Rechenschaft gezogen, fügte Kamal hinzu.

Ministerpräsident Ibrahim al-Dschaafari erklärte am Dienstag, eine Untersuchung sei eingeleitet worden. Die Betroffenen seien inzwischen in offizielle Haftanstalten verlegt worden, wo sie medizinisch versorgt würden.

Das US-Verteidigungsministerium erklärte, amerikanische und irakische Truppen hätten die Einrichtung durchsucht. Ministeriumssprecher Bryan Whitman sagte, es habe der Verdacht bestanden, dass es dort Missstände geben könnte. "Und sie haben Zustände vorgefunden, die ihnen Anlass zur Sorge gaben", sagte er. Der Zeitpunkt der Entdeckung wurde nicht genannt, US-Soldaten übernahmen jedoch am Sonntagabend die Kontrolle über das Gebäude im Bagdader Stadtteil Dschadrija.

Auch Vorwürfe gegen US-Soldaten

Die amerikanische Botschaft begrüßte die angekündigte Untersuchung. Sie erklärte, der US-Botschafter Zalmay Khalilzad und der US-Oberbefehlshaber im Irak, General George Casey, hätten den Fall "auf höchster Ebene" mit der irakischen Regierung erörtert. Die Misshandlung von Gefangenen sei inakzeptabel.

Der Vorsitzende der größten sunnitischen Partei des Landes erklärte, er habe persönlich mit Regierungsvertretern über Folter in den Gefängnissen des Innenministeriums gesprochen, "einschließlich in Dschadrija". Seine Beschwerden seien jedoch abgewiesen, die Häftlinge als "frühere Elemente des Regimes" bezeichnet worden, sagte Mohsen Abdul Hamid von der Islamischen Partei. Das Internationale Komitee vom Roten Kreuz erklärte, es wisse nichts über ein solches Geheimgefängnis, werde sich aber um weitere Informationen bemühen.

Zwei irakische Geschäftsleute erhoben unterdessen Vorwürfe gegen US-Soldaten, Gefangene in einen Löwenkäfig geworfen zu haben. Diese und andere Gräueltaten seien Teil einer systematischen Einschüchterung während ihrer Haftzeit gewesen, sagte Thahe Mohammed Sabbar der Nachrichtenagentur AP. US-Militärsprecher Paul Boyce kündigte eine Überprüfung der Vorwürfe an, bezeichnete sie jedoch als ziemlich unwahrscheinlich. In der Klage gegen US-Verteidigungsminister Donald Rumsfeld werden Soldaten beschuldigt, die beiden Gefangenen sexuell misshandelt und mit Elektroschocks und Scheinhinrichtungen gefoltert zu haben. Der Vorwurf, in einen Löwenkäfig geworfen worden zu sein, taucht in der Klage vom März jedoch nicht auf.

Die Schilderung der Häftlinge sei ziemlich an den Haaren herbeigezogen, sagte Rumsfeld in Washington. Ehemalige Häftlinge würden von Terroristen angewiesen, über ihre Behandlung in US-Gewahrsam zu lügen. Dennoch werde den neuen Misshandlungsvorwürfen wie allen anderen nachgegangen.

Offensive im Grenzgebiet fortgesetzt

In Bagdad kamen am Dienstag zwei Polizisten und zwei Passanten bei der Explosion einer Autobombe ums Leben. Der Anschlag ereignete sich in der Nähe eines Restaurants, wie die irakische Polizei mitteilte. Unter den sieben Verletzten sind auch zwei Kinder. In Kirkuk wurden vier Polizisten bei einem Überfall von Aufständischen erschossen.

US-Truppen und irakische Streitkräfte setzten unterdessen ihre Offensive gegen Rebellen in der Umgebung von Obeidi nahe der syrischen Grenze fort. Sie stießen auf erbitterten Widerstand, bis zum Dienstag wurden drei US-Marineinfanteristen getötet. Unter den Aufständischen habe es bei der Offensive mindestens 80 Opfer gegeben, teilten die US-Streitkräfte mit.

In Washington wies der US-Senat am Dienstag eine Forderung an Präsident George W. Bush ab, einen Zeitplan für den Truppenabzug aus dem Irak vorzulegen. Die Vorlage wurde mit 58 zu 40 Stimmen abgelehnt.

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