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Forensik: Hunderte US-Häftlinge aufgrund fehlerhafter FBI-Methode verurteilt

Jahrzehntelang meint das FBI, es könne eine Kugel vom Tatort zuverlässig den übrigen Kugeln in der Munitionsschachtel zuordnen. Doch Wissenschaftler entlarvten die Methode als unbrauchbar. Hunderte Fälle könnten neu aufgerollt werden. Aber zum Teil ist die Einspruchsfrist schon abgelaufen.

Washington - Lee Wayne Hunt, 48 Jahre alte, sitzt seit 21 Jahren in einem Gefängnis in North Carolina. Während seines Prozesses hatte er zwar zugegeben, mit Marihuana gedealt zu haben. Die Beteiligung an einem Doppelmord, die man ihm vorwarf, stritt er aber stets ab.

FBI-Gebäude: 2500 Gutachten mit falscher Grundlage?
Getty Images

FBI-Gebäude: 2500 Gutachten mit falscher Grundlage?

Er wurde dennoch genau deswegen verurteilt.

Der einzige forensische Beweis gegen Hunt: Eine Erklärung des FBI. Die "Kugel-Blei-Analyse", so die Experten der Polizeibehörde damals, zeige, dass die Kugeln, die die Opfer töteten, zu den Kugeln in der Munitionsschachtel des mutmaßlichen Mittäters von Hunt gehörten.

Käme Hunts Fall heute vor Gericht, würde er vermutlich nicht noch einmal verurteilt werden. Mit Sicherheit jedenfalls nicht auf der Grundlage der vom FBI über drei Jahrzehnte lang genutzten "Kugel-Blei-Analyse". Denn die Methode, so ergab eine völlig unumstrittene Studie bereits im Jahr 2004, ist für die Forensik schlicht unbrauchbar. Sie sei "unzuverlässig und potentiell irreführend."

Berufungsfristen laufen ab

Bis heute allerdings, so die gemeinsamen Recherchen der "Washington Post" und des investigativen US-Fernsehmagazins "60 Minutes", hat das FBI kaum etwas unternommen, um betroffene Verteidiger und Gerichte zu informieren - und dass, obwohl es in den meisten Fällen eine Frist von entweder zwei oder vier Jahren gibt, um einen neuen Prozess auf der Grundlage neuer wissenschaftlicher Erkenntnisse zu beantragen.

Die "Kugel-Blei-Methode" wurde nach der Ermordung von Präsident John F. Kennedy entwickelt. Die zugrundeliegende These war, dass Kugeln, die aus derselben Ladung geschmolzenen Bleis stammen, auch die exakt selbe chemische Zusammensetzung haben. Zweifel an der Zuverlässigkeit der Methode kamen allerdings selbst dem FBI schon 1991. In einer Studie kam es zu dem Ergebnis, dass erstens auch Kugeln aus Packungen, die in 15 Monaten Abstand hergestellt worden waren, die genau selbe Zusammensetzung hatten - und dass zweitens Kugeln aus derselben Packung eine unterschiedliche Komposition aufwiesen.

Trotzdem traten FBI-Beamte weiter als Gutachter auf. In wie vielen Fällen sie vor Gericht den "Nachweis" vorlegten, eine Tatort-Kugel stamme aus einer bestimmten Munitionspackung, die jemand besitze, ist unklar. Die "Washington Post" und "60 Minutes" haben bisher 250 Fälle ausgegraben, es könnten bis zu 2500 sein. In den meisten Fällen geht es um Kapitalverbrechen.

Allerdings handelt es sich dabei keinesfalls zwangsläufig um Fehlurteile. Es sind aber eben auch Verurteilte wie Hunt darunter, bei denen die FBI-Methode der einzige "Beweis" war.

Jetzt will das FBI reagieren

Das FBI steht nun in der Kritik, weil es zu langsam und zu uneindeutig auf die neuen Erkenntnisse reagierte. Zunächst nahm es an, dass die Studie der renommierten "National Academy of Sciences" von 2004, die die Unbrauchbarkeit bestätigte, von sich aus genügend Öffentlichkeit generieren würde.

Intern gab es zudem zwar Vorschläge einzelner Mitarbeiter, Staatsanwälte davon abzubringen, "unsere früheren Resultate in künftigen Ermittlungen zu verwenden". Aber die FBI-Führung beließ es dabei, im September 2005 einen mehr oder weniger nichtssagenden Brief an Verteidiger zu schreiben, in dem es hieß, die Behörde stelle das Verfahren ein - "unterstützt aber weiterhin fest die wissenschaftliche Grundlage der Kugel-Blei-Analyse". Mittlerweile räumt das FBI ein, dass das Schreiben "deutlicher" hätte sein sollen.

Nach Ansicht von Dwight E. Adams, dem mittlerweile pensionierten FBI-Labordirektor, der die umstrittene Methode einstellte, hat die Regierung die Verpflichtung, alle Akten offenzulegen, damit unabhängige Experten die FBI-Gutachten nachprüfen könnten und die Gerichte in Kenntnis gesetzt würden, wenn eventuelle Fehler eine Verurteilung beeinflusst haben könnten.

In Reaktion auf die Recherchen von "Washington Post" und "60 Minutes" hat das FBI letzte Woche zugesagt, dass es eine "Korrekturaktion" einleiten wird. Alle Gutachten auf der Grundlage der "Kugel-Blei-Analyse" sollen noch einmal untersucht werden, damit Gerichte und Verteidiger alarmiert werden können.

Ob die neuen Erkenntnisse Lee Wayne Hunt nutzen werden, ist noch in der Schwebe. Bisher wurde ihm ein neuer Prozess versagt.

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