Proteste vor Formel 1 in Bahrain: "Geht auf die Straße!"

Aus Manama berichtet Souad Mekhennet

Der Formel-1-Zirkus macht an diesem Wochenende Station in einem Land, durch das ein tiefer Riss geht. Während sich ein Teil der Menschen in Bahrain auf das Rennen freut, protestiert die Opposition. Das Königshaus will der Welt eine Normalität vorspielen, die es nicht gibt.

DPA

Am frühen Freitagmorgen stehen Männer und Frauen, Bahrainer und im Land arbeitende Ausländer, in Manama vor den Ticketschaltern Schlange. "Dies ist ein großer Tag für uns alle. Nach einem Jahr voller Probleme kommt endlich mal wieder ein freudiges Ereignis ins Land", sagt Abdullah Bin Chalid, der mit seinen zwei Töchtern zur Formel 1 will.

Bahrain war 2004 das erste Land im Nahen Osten, das einen Formel-1-Grand Prix veranstaltete. Im vergangenen Jahr war das Rennen aus Sicherheitsgründen abgesagt worden, nachdem im Februar 2011 im Rahmen des Arabischen Frühlings Massenproteste ausgebrochen waren. Mehr als 80 Menschen sollen seitdem insgesamt bei Unruhen getötet worden sein, darunter auch mehrere Polizisten.

An diesem Wochenende will Bahrains Königshaus die Bilder von Tränengasschwaden und knüppelnden Polizisten vergessen lassen. Und wer durch die Straßen des Stadtzentrums von Manama läuft, könnte auf den ersten Blick auch den Eindruck gewinnen, dass alles in Ordnung sei. Berichte von Unruhen und Zusammenstößen zwischen Polizei und Demonstranten scheinen hier weit weg.

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Formel 1 in Bahrain: Grand Prix in einem gespaltenen Land
Die Cafés in der Hauptstadt sind voll mit jungen Bahrainern und zahlreichen Ausländern, die sich dort an den Nachmittagen die Zeit vertreiben. "Ich bekomme fast jeden Tag Anrufe von meiner Familie in England, die sagt: 'Pack deine Sachen und geh dort weg'", berichtet Monica, die in einer Bank in Bahrain arbeitet. "Aber eigentlich ist doch alles ruhig hier, wir sind doch nicht im Krieg."

Der prominenteste Oppositionelle ringt mit dem Tod

Doch die Situation sieht in einigen Vororten der Hauptstadt ganz anders aus. Jeden Tag gehen hier die Proteste weiter, die in den letzten Monaten wieder gewalttätiger wurden. "Formel 1? Wir wollen die hier nicht, das gaukelt den Menschen vor, das hier alles in Ordnung sei," schimpft Ahmad Chalid, der in Sitra wohnt. "Hier ist schon lange nichts mehr in Ordnung", sagt auch Abbas, ein 24-jähriger Demonstrant. Er und seine Freunde würden jetzt jeden Tag auf die Straße gehen und gegen die Polizei kämpfen. "Die Polizisten verteidigen dieses Regime und deswegen kämpfen wir gegen sie - auch mit Molotow-Cocktails."

Während des Freitagsgebets rief einer der wichtigsten schiitischen Geistlichen Bahrains, Issa Kassim, Männer, Frauen und Kinder zu Demonstrationen in Manama auf. "Geht auf die Straße und zeigt der Weltöffentlichkeit, dass ihr politische Forderungen habt!" Für den Abend sollen Jugendgruppen außerdem einen Marsch zur Rennstrecke in Sachir planen.

"Seit bekannt wurde, dass das Formel-1-Rennen nun doch stattfindet, hat die Gewalt der Demonstranten zugenommen," erklärt Hamad Sabagh vom Innenministerium. Am Mittwochabend gab es einen Zwischenfall mit Teammitgliedern des Rennstalls Force India: Auf dem Weg von der Rennstrecke zurück ins Hotel explodierte ein selbstgebastelter Sprengsatz am Straßenrand. Die vier Insassen des Teamfahrzeugs kamen mit dem Schrecken davon, mehrere Force-India-Mitglieder verließen jedoch wenig später das Land aus Angst vor weiteren Angriffen.

Die Organisatoren des Rennens in Bahrain nannten den Vorfall am Donnerstag einen "isolierten Zwischenfall, in den eine Handvoll illegaler Demonstranten involviert ist, die mit Gewalt gegen die Polizei vorgehen."

In den Wochen zuvor war der Druck auf Bahrains Regierung und die Formel-1-Veranstalter gestiegen. Internationale Menschenrechtsorganisationen wie Human Rights Watch hatten eine Absage des Rennens gefordert. "Man schickt der Regierung ein falsches Zeichen, nämlich dass die internationale Gemeinschaft mit allem zufrieden ist, was in dem Land passiert," kritisierte Joe Stork, der seit Jahren über Bahrain forscht.

Den Menschenrechtsorganisationen geht es vor allem um die Freilassung von politischen Gefangenen wie dem prominenten Oppositionellen Abd al-Hadi al-Chawadscha, der sich seit fast 70 Tagen in einem Hungerstreik befindet und mit dem Tode ringt.

Die Regierung fordert Geduld

Doch in Bahrain sind sowohl die Regierung als auch Teile der Bevölkerung verwundert und verärgert über Forderungen nach einer Rennabsage. "Keiner bestreitet, dass hier im vergangenen Jahr Fehler gemacht wurden", erklärt Regierungssprecher Abd al-Asis Mubarak Al Chalifa, "aber wir haben eine unabhängige Kommission ins Land geholt und es wurde beschlossen, dass alle Empfehlungen umgesetzt werden sollen."

Gemeint ist damit die Kommission unter der Leitung des international anerkannten Rechtsexperten Cherif Bassiouni, der im vergangenen Jahr auf Einladung des Königs die Unruhen in Bahrain untersucht hatte. Im November legte das Gremium seinen "Bassiouni-Bericht" vor, in dem den Behörden unter anderem systematische Folter vorgeworfen wurde. Kein Land könne aber erwarten, dass alle kritisierten Punkte von einem Tag auf den anderen verbessert werden könnten, so der Regierungssprecher.

Für große Teile der Opposition sind die Beteuerungen des Königshauses zu wenig. Farida Ghulam, deren Ehemann Ibrahim Scharif seit Monaten im Gefängnis sitzt, ist ernüchtert: "Vielleicht hat es einige kleine Änderungen gegeben, aber wenn dieses Regime wirklich zeigen wollte, dass es etwas dazugelernt hat, dann muss es die politischen Gefangenen freilassen." Auch sie sei gegen das Formel-1-Rennen dieses Jahr in Bahrain gewesen, obwohl es ein Projekt des Kronprinzen Salman Bin Isa Al Chalifa sei, der seit Jahren mit einem Stipendium ihrem Sohn das Studium in den USA finanziert.

Doch auch innerhalb der Oppositionsbewegung gehen die Meinungen über die Formel 1 weit auseinander. Am Donnerstag besuchte Dschasim Husain, ein ehemaliges Mitglied des Parlaments und Mitglied der größten Oppositionspartei al-Wefaq die Strecke, und verkündete, Bahrain begrüße die Formel 1. "Die meisten Menschen in Bahrain sind glücklich, dass die Formel 1 wieder zurück ist in Bahrain, vor allem aus wirtschaftlichen Gründen." Die Formel 1 sei ein Sport- und Wirtschaftsereignis und keine politische Veranstaltung.

Nach Schätzungen der Veranstalter schafft die Formel 1 mehr als 3000 befristete Stellen und bringt Bahrain einen Gewinn von 250 bis 400 Millionen Dollar ein. Zumindest die Gelder wird der Zwergstaat am Golf auch an diesem Wochenende einstreichen, der versprochene Imagegewinn für das Königshaus wird dieses Jahr aber ausbleiben.

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insgesamt 7 Beiträge
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1. Tja..
wkilikidoo 20.04.2012
Wieso frage ich mich, wird hier dieses Regime NICHT mit einem Angriff bedacht, wo doch Syrien das Selbe macht, ...angeblich. Böse Familie unterdrückt ihr Volk. Wo ist da der Unterschied zu Bahrain? Oder messen wir mit zweierlei Mass wie immer? Menschen unterdrücken ja, aber Amerikafreundlich? Peinlich peinlich peinlich und der SPON hat nie drüber berichtet. Nur jetzt kurz vor dem Rennen schnell noch das Gewissen spielen und dann wieder gegen Syrien? Übrigens, ich habe heute keine anti Sysrien Propaganda im SPON gefunden. Wasn los?
2.
captain2309 20.04.2012
Immer die weltweiten Gutmenschen mit dem Dampfhammerargument "Menschenrechtsverletzungie".Sie stellen Sie sich einen BRD vor,wo allen über Generationen hier ansässigen Einwohnern ein Recht auf freie Bildung, Krankenvers.,reichliches Grundeinkommen,freies Wohnen etc. bereitgest. wird.Natürl. müssen Zuwanderer,für ihre Versorgung/Wohnen durch Arbeit selber aufkommen!So what?Bildungszug./Krankenvers. wird ihnen gewährt.Die Gesetze sind islamisch rigide.Regional akzeptiert.Menschenrechtsverl. Wo bitte? Wenn sich irgendwo in Deutschland ein Wahabit oder Salafist mit einer Gruppe von Anhängern als gepeinigtes Opfer der freien, demokratischen Gesellschaftsform geriert, in den Hungerstreik tritt, sollte dann auch sofort mit Sanktionen gegen das ganze Land reagiert werden. Wenn man endlich die Dinge gerade rücken würde und nicht permanent der linksdiktatorischen Mainstreamhetzte unterwerfen würde. Der "Arabische Frühling" ist eine Farce und Wegbereiter für noch garnicht vorstellbare Grausamkeiten und Tyrannei.
3.
Dscheiran 20.04.2012
Ich bin ganz sicher nicht immer einer Meinung mt SPON, aber in diesem Fall ist die Unterstellung mangelnder Berichterstattung zum Thema Bahrain einfach Quatsch. Guckst Du hier http://www.spiegel.de/thema/bahrain/
4.
Ernst August 20.04.2012
Zitat von wkilikidooWieso frage ich mich, wird hier dieses Regime NICHT mit einem Angriff bedacht, wo doch Syrien das Selbe macht, ...angeblich. Böse Familie unterdrückt ihr Volk. Wo ist da der Unterschied zu Bahrain? Oder messen wir mit zweierlei Mass wie immer? Menschen unterdrücken ja, aber Amerikafreundlich? Peinlich peinlich peinlich und der SPON hat nie drüber berichtet. Nur jetzt kurz vor dem Rennen schnell noch das Gewissen spielen und dann wieder gegen Syrien? Übrigens, ich habe heute keine anti Sysrien Propaganda im SPON gefunden. Wasn los?
Bahrain ist eine US Basis (große Teile der Insel die nicht mal so groß ist wie Hamburg sind US Basen) - Syrien nicht.
5. So unterstützen wir den arabischen Frühling
derandersdenkende 20.04.2012
Zitat von sysopDer Formel-1-Zirkus macht an diesem Wochenende Station in einem Land, durch das ein tiefer Riss geht. Während sich ein Teil der Menschen in Bahrain auf das Rennen freut, protestiert die Opposition. Das Königshaus will der Welt eine Normalität vorspielen, die es nicht gibt. Proteste vor Formel 1 in Bahrain: "Geht auf die Straße!" - SPIEGEL ONLINE (http://www.spiegel.de/politik/ausland/0,1518,828688,00.html)
Wir drücken den Großen Preis von Bahrain trotz der Proteste gegen das Regime zur Unterstützung des Regimes durch. Das ist der Frühling des Westen im arabischen Raum, der den Willen der dortigen Menschen aufs Gröbste brüskiert und das Eintreten für Freiheit und Demokratie unglaubwürdig macht. Diese Verneigung vor dem Regime darf nicht stattfinden!
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