Foto des Jahres Trauma im Tal des Todes

Das Korengal-Tal ist eine der gefährlichsten Regionen Afghanistans. Ein Hort des Terrors, Alptraum der US-Truppen. Das Welt-Pressefoto des Jahres entstand in diesem Elend - es zeigt einen Soldaten, der jetzt zum Symbol für die Kriegsmüdigkeit einer ganzen Nation wird.

Von


Hamburg - Blühende Obstbäume schimmern im Sonnenlicht, hell leuchten die Goldglöckchen. Das Gras ist sattgrün, die Berge mächtig, der Himmel blau - wer im Internet nach Bildern aus dem Karengal-Tal in Afghanistan sucht, stößt auf eine überraschende Idylle. "Gäbe es in Afghanistan Tourismus", schrieb vor gut einem Jahr der "Guardian", "wäre das bildhübsche Korengal-Tal eine Spitzenattraktion."

Doch der Landstrich ist alles andere als eine Postkartenidylle. Tim Hetherington hat es der Welt bewiesen - mit Fotos, die eine ganz andere Botschaft haben: Kampf, Tod, Verzweiflung, Erschöpfung.

Das jedenfalls ist der Alltag der US-Soldaten, die im Korengal-Tal gegen Aufständische, Taliban und Qaida-Helfer vorgehen sollen. Die üblichen Ortsnamen benutzen die Truppen kaum. Das Korengal-Tal ist das "Tal des Todes". Die Provinz Kunar, in der es liegt, die "Zentrale des Feindes". Immer wieder gibt es Gerüchte, Terrorfürst Osama Bin Laden halte sich dort auf.

Und auch eine der bittersten Niederlagen der US-Streitkräfte seit dem Sturz der Taliban im Oktober 2001 spielte sich in der Provinz Kunar ab: ein missglückter Rettungseinsatz für die Operation "Roter Flügel". Vier US-Elitesoldaten, die im Juni 2005 einen regionalen Talibanchef gefangen nehmen sollten, gerieten unter Beschuss. Drei der Männer starben. Als die Einsatzleitung einen Chinook-Hubschrauber mit Verstärkung schickte, schossen Talibankämpfer den Helikopter mit einer Panzerabwehrgranate ab. Alle 17 Soldaten an Bord kamen ums Leben.

"Das Bild eines Mannes, der am Ende ist"

Bis heute hat sich nicht viel an der Situation in der Provinz im Nordosten Afghanistans geändert. Den blutigen Alltag der US-Soldaten schildert Autor Sebastian Junger in einer Reportage in der Januar-Ausgabe des Magazins "Vanity Fair" - geschmückt durch Hetherings Bilder, von denen eines jetzt als bestes Pressefoto des Jahres ausgezeichnet wurde.

Google Earth / DigitalGlobe / TerraMetrics

Es zeigt einen Soldaten in einer Gefechtspause. Er lehnt an der Wand eines felsigen Unterstands, für kurze Zeit nur scheint er sich in Sicherheit gebracht zu haben. Die Aufnahme ist leicht verwischt und unscharf, als reiche auch die Kraft des Fotografen nicht mehr weit. Der Soldat greift mit der rechten Hand an seine Stirn, die Augen sind weit aufgerissen, die linke Hand klammert sich an den Helm. Es ist Sonntag, 16. September 2007, irgendwo im Karengal-Tal.

Wer der Mann auf dem Bild ist, bleibt offen. Für die Jury des World Press Photo, die Hetherington den Preis zusprach, ist das auch nicht so wichtig. "Für die neun Preisrichter steht das Foto für Müdigkeit, Erschöpfung, Angst und Beklemmung", heißt es in der Begründung. "Das geht uns alle an", sagte der Juryvorsitzende Gary Knight. "Das ist das Bild eines Mannes, der am Ende ist. Es zeigt die Erschöpfung eines einzelnen - und die Erschöpfung einer ganzen Nation."

Der Unterstand hat einen Namen: Restrepo

Die Extremsituationen, in denen sich die Truppen befinden, waren für den Briten Hetherington, 1970 in Liverpool geboren, eine einschneidende Erfahrung. "Diese Männer lassen das Leben, das sie haben, zurück", sagt er in einem Videobeitrag zu der Reportage. "Was sie in Afghanistan tun, hat nichts mit ihrem eigentlichen Leben zu tun."

Der Soldat auf dem Foto ist einer von etwa 30 aus dem zweiten Platoon des zweiten Bataillons des 503. Infanterie-Regiments, mit dem Hetherington und Junger unterwegs waren. Mehr verrät das Bild über den jungen Mann nicht. Die Beschriftung des Fotos enthüllt aber ein wichtiges Detail über den Unterstand, der dem Soldaten Deckung bietet. Er trägt den Namen von Private First Class Juan S. Restrepo aus Pembroke Pines im US-Bundesstaat Florida.

Zu finden ist er auf der Seite der "Washington Post" in der Rubrik "Faces of the Fallen": Juan S. Restrepo starb am 22. Juli 2007 bei einem Feuergefecht mit Aufständischen im Karengal-Tal.

Er wurde 20 Jahre alt.



© SPIEGEL ONLINE 2008
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung der SPIEGELnet GmbH


Die Homepage wurde aktualisiert. Jetzt aufrufen.
Hinweis nicht mehr anzeigen.