Foto von ertrunkenem Flüchtlingsjungen Ein Bild, eine Botschaft

Schon wieder sind Flüchtlinge auf dem Weg nach Europa im Mittelmeer ertrunken. Darunter ein kleiner Junge, dessen Leiche an einem türkischen Strand angespült wurde. Bilder des toten Kindes gehen um die Welt.

Polizist mit dem toten Jungen: Der Mann trägt das Kind vom Strand
AP

Polizist mit dem toten Jungen: Der Mann trägt das Kind vom Strand


Ein kleiner Junge liegt am Strand, das Gesicht im Sand, die Arme sind nach hinten gestreckt, sein rotes T-Shirt ist durchnässt. Der Junge ist tot. Dies ist eines von mehreren schockierenden Fotos, die derzeit um die Welt gehen. Sie zeigen ein ertrunkenes Flüchtlingskind, das an einem Strand im türkischen Bodrum angespült wurde. Ein weiteres Bild zeigt einen Polizisten, der den leblosen Körper vorsichtig vom Strand trägt.

Der Junge war laut Medienberichten offenbar erst drei Jahre alt und stammte aus Syrien. Er ist einer von vielen. Seit Anfang des Jahres kamen nach Angaben der Internationalen Organisation für Migration rund 2300 Flüchtlinge im Mittelmeer ums Leben. Mehr als 350.000 wagten sich in dieser Zeit auf die gefährliche Reise, um in Europa ein besseres Leben zu finden. Oft schicken Schlepper völlig überladene und seeuntaugliche Boote auf den Weg.

Der Junge saß vermutlich in einem von zwei Flüchtlingsbooten, die am Mittwochmorgen auf dem Weg von der türkischen Küste zu einer griechischen Ägäis-Insel sanken. Insgesamt zwölf tote Flüchtlinge aus Syrien, darunter fünf Kinder, wurden von der türkischen Küstenwache geborgen. 15 Flüchtlinge schafften es an Land. Drei Menschen werden noch vermisst. Einem Bericht der britischen Zeitung "The Guardian" zufolge überlebte auch der Bruder des Jungen die Überfahrt nicht. Offenbar starb auch die Mutter.

Die Familie war den Berichten zufolge vergangenes Jahr aus der syrischen Stadt Kobane vor der Dschihadistenmiliz "Islamischer Staat" (IS) in die Türkei geflohen. Nach Informationen der Zeitung "Ottawa Citizen" wollten die Flüchtlinge nach Kanada reisen, wo eine Tante des toten Jungen lebt. Der Vater wolle nun zurück in seine Heimat, hieß es.

Weltweite Bestürzung

Das Bild des toten Jungen sorgt weltweit für Bestürzung. "Ein Foto, um die Welt zum Schweigen zu bringen", kommentierte die italienische Zeitung "La Repubblica" das Foto von der im Sand liegenden Jungenleiche. "Der Untergang Europas", schreibt die spanische Zeitung "El Periódico" in ihrer Onlineausgabe. "Was, wenn nicht dieses Bild eines an den Strand gespülten syrischen Kindes, wird die europäische Haltung gegenüber Flüchtlingen ändern?", fragt die britische Zeitung "The Independent" auf ihrer Website.

Ein britischer Regierungssprecher sagte: "Diese Bilder sind wirklich schockierend." Deshalb werde man weiter für eine internationale Antwort auf die humanitäre Krise in Syrien kämpfen. Ministerpräsident David Cameron steht wegen der harten Haltung seines Landes im Umgang mit Flüchtlingen in der Kritik.

Unter dem Hashtag "#KiyiyaVuranInsanlik" (türkisch für "Die fortgespülte Menschlichkeit") sorgten die Fotos auf Twitter für zahlreiche Reaktionen. "Wenn dieses Bild die Welt nicht verändert, haben wir alle versagt", schreibt eine Nutzerin. "Mir kamen die Tränen (...)", meinte eine andere. "Ohne Worte", schreibt ein weiterer Nutzer.

"Das Symbol für die europäische Flüchtlingskrise?", fragt die Journalistin Sabine Bürger.

Dieser irische Nutzer schreibt, das Bild habe ihn bis ins Mark erschüttert - und werde ihn wohl auch noch heute Nacht verfolgen. "Entsetzlich, schrecklich und hoffnungslos."

kev/AFP/dpa

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