Armeegewalt in Kairo Die letzten Bilder des Ahmad Assam

Ägyptens Armee feiert sich als Hüter der jungen Demokratie am Nil. Doch das Bild bekommt Risse: Augenzeugen werfen den Soldaten vor, von hinten auf Demonstranten geschossen zu haben. Und dann sind da noch die brisanten Aufnahmen eines jungen Fotografen.

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Kairo - Der Soldat steht auf einem Häuserdach. Mehrfach legt er sein Gewehr an, schießt, zwischendurch taucht er kurz ab. Dann feuert er wieder und dreht sich plötzlich leicht nach links. Für den Bruchteil einer Sekunde richtet der Schütze sein Gewehr genau in die Kamera. Dann bricht das Band schlagartig ab.

Glaubt man seinen Freunden, dann sind diese Aufnahmen die letzten, die Ahmad Assam in seinem Leben gemacht hat. Der junge Fotograf hat offenbar seine eigene Erschießung gefilmt. Der Mitarbeiter der Zeitung "Freiheit und Gerechtigkeit", dem Blatt der gleichnamigen Partei der Muslimbrüder, filmte am Montag die Zusammenstöße zwischen protestierenden Anhängern der Islamisten und Soldaten vor den Kasernen der Republikanischen Garden in Kairo. Dort soll der gestürzte Präsident Mohammed Mursi seit vergangenem Mittwoch ohne Anklage festgehalten werden.

Bei den Unruhen kamen nach offiziellen Angaben mindestens 54 Menschen ums Leben, darunter drei Soldaten. Der Verband ägyptischer Mediziner spricht gar von 84 Toten. Seit Montag tobt in Ägypten eine Schlacht um die Deutungshoheit über die Ereignisse. Die staatlichen Zeitungen bezeichnen die Protestierenden als Terroristen, gegen die sich die Armee verteidigt habe. Auch unabhängige Blätter wie "al-Masri al-Jaum" und "al-Watan" machen eine "Verschwörung der bewaffneten Bruderschaft" für das Blutbad verantwortlich.

Amnesty stützt Vorwürfe gegen die Armee

Die Muslimbrüder wehren sich: Sie behaupten, die Soldaten hätten während des Gebets auf unbewaffnete Menschen gefeuert. Die Armee sei für das Massaker verantwortlich.

Assams Aufnahmen scheinen diese Darstellung zu stützen. SPIEGEL ONLINE kann die Authentizität des Videos nicht überprüfen. Fest steht aber: Der 26 Jahre alte Fotograf kam bei den Unruhen vor den Kasernen der Republikanischen Garden ums Leben. Und belegt ist auch, dass mehrere Soldaten von Dächern aus auf die Menschenmenge feuerten. Dies zeigen andere Videos, die am Montagmorgen am Tatort gemacht wurden. Auch andere Augenzeugen bestätigten SPIEGEL ONLINE, dass Uniformierte von den Gebäuden aus auf Menschen schossen.

Ahmed Abu Seid, Redakteur bei "Freiheit und Gerechtigkeit", sagte dem britischen "Telegraph", der Fotograf sei von einer Kugel in die Stirn getroffen worden, als er die Zusammenstöße von einem Gebäude aus filmte. Seine Kamera solle ein Beweisstück bei der angekündigten unabhängigen Untersuchung der Vorfälle sein. Bislang weigern sich die Muslimbrüder jedoch, das Rohmaterial, das Assam und andere am Tatort aufgenommen haben, auszuhändigen.

Amnesty International stützt die Vorwürfe der Muslimbrüder. Die Menschenrechtsorganisation hat mit Teilnehmern der Proteste gesprochen und Krankenhäuser besucht, in denen die Verletzten behandelt wurden. Die Opfer seien von scharfer Munition und Schrotkugeln getroffen worden. Mehrere Menschen seien von hinten beschossen worden, anderen haben die Sicherheitskräfte gezielt in die Augen gefeuert. Zudem seien zwei Leichen von einer Polizeistation eingeliefert worden - laut Amnesty ein Indiz dafür, dass sie dort zu Tode gefoltert wurden.

Die Zusammenstöße hätten zum Ende des Morgengebets gegen 3.30 Uhr am Montag begonnen. Die Augenzeugen, mit denen die Menschenrechtsorganisation sprach, schildern, dass die Sicherheitskräfte zu diesem Zeitpunkt begonnen hätten, mit Tränengasgranaten auf die Menge der Protestierenden zu schießen. Auch erste Schüsse seien gefallen.

Muslimbrüder sind für die Eskalation mitverantwortlich

Mohammed Metwalli, einer der Teilnehmer der Kundgebung, sagte Amnesty International: "Wir hielten gerade das Morgengebet ab und standen mit dem Rücken zur Republikanischen Garde. Am Ende des Gebets hörten wir Schüsse hinter uns. Alles war sehr chaotisch, meinem Cousin haben sie in den Nacken geschossen. Wir haben ihn zum Krankenwagen gebracht, aber das war sehr schwierig, weil die Sicherheitskräfte Tränengas abfeuerten und wir weder atmen noch sehen konnten." Metwallis Cousin verstarb später im Krankenhaus.

Amnesty macht die Demonstranten für die Eskalation mitverantwortlich. Diese hätten mit Gewalt auf den Versuch der Armee reagiert, den Protest aufzulösen. Unter anderem errichteten sie Barrikaden und warfen Steine auf die Soldaten. Die staatsnahen TV-Sender strahlten zudem Aufnahmen aus, auf denen zu sehen ist, wie bewaffnete Männer aus den Reihen der Muslimbrüder auf die Republikanische Garde feuern. Die Islamisten behaupten, dafür seien Provokateure verantwortlich, die von der Armee angeheuert wurden.

Die meisten Ägypter bekommen in den Medien derzeit nur die Version der Armee über die Geschehnisse serviert. Das Militär hat die TV-Sender, die den Muslimbrüdern nahestehen, nach dem Sturz Mursis geschlossen, ihre Zeitungen erscheinen seit einer Woche nur noch sporadisch.

Die Islamisten setzen deshalb nun verstärkt auf die Medien, die bis vor einer Woche die wichtigsten Instrumente ihrer Gegner waren - Facebook und Twitter. Hier können sie ihre Sicht der Dinge derzeit noch unzensiert verbreiten.



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Seite 1
glen13 10.07.2013
1.
Zitat von sysopÄgyptens Armee feiert sich als Hüter der jungen Demokratie am Nil. Doch das Bild bekommt Risse: Augenzeugen werfen den Soldaten vor, von hinten auf Demonstranten geschossen zu haben. Und dann sind da noch die brisanten Aufnahmen eines jungen Fotografen. http://www.spiegel.de/politik/ausland/fotograf-ahmad-assam-soll-in-kairo-seinen-eigenen-tod-gefilmt-haben-a-910446.html
Zartfühlend und taktvoll wird vor dem Video Hornbach Werbung gezeigt, in der Panzer zerlegt werden und zu Werkzeugen verarbeitet. Mit einem fröhlichen "Yippee Yeah" geht's dann nahtlos zum Erschießen des Fotografen. Ja so schön kann Information sein.
ElHombreQuiereMas 10.07.2013
2. optional
Ähm, es gibt auf YouTube seit Tagen(!) (schön, wie SpOn hinterher hinkt...) schon Aufnahmen davon. 2 Beispiele die ich sah: Einmal wurde auf eine gerade betendende große Menschenmenge (nicht nur Muslimbrüder darunter) willkürlich gefeuert. Viele Tote lagen danach herum. Ein anderes Beispiel wäre, als sie, wiederum willkürlich, auf vorbeifahrende Autos geschossen haben... Und solche Methoden verteidigen also jene neuerdings, für die die "Würde des Menschen", unantastbar ist, egal was er sich auch zu schulden kommen lässt und die die Todesstrafe sonst unter allen Umständen ablehnen. Heuchler in Aktion eben...
Percy P.Percival 10.07.2013
3. Ich muß doch sehr bitten!
Zitat von sysopÄgyptens Armee feiert sich als Hüter der jungen Demokratie am Nil. Doch das Bild bekommt Risse: Augenzeugen werfen den Soldaten vor, von hinten auf Demonstranten geschossen zu haben. Und dann sind da noch die brisanten Aufnahmen eines jungen Fotografen. http://www.spiegel.de/politik/ausland/fotograf-ahmad-assam-soll-in-kairo-seinen-eigenen-tod-gefilmt-haben-a-910446.html
Das gewisse Kreise in Nahen Osten Berichterstattung in den Medien als Fortsetzung des bewaffneten Kampfs mit anderen Mitteln sehen, weiß jeder halbwegs informierte Laie. Stichwort: Mohammed al-Durra. Wenn man dann noch liest, "dass die Muslimbrüder sich bisher weigern, das Rohmaterial, das Assam und andere am Tatort aufgenommen haben, auszuhändigen," sollte jedem der Verdacht kommen, dass wir es hier mit einer Produktion aus dem Hause Moslembrotherwood zu tun haben.
ambulans 10.07.2013
4. so
schafft man sich einen ausgewachsenen bürgerkrieg, wenn man einen braucht und damit eine weitere region (warum auch immer) detabilisieren will ...
Beobachter123 10.07.2013
5. ...
Ich hoffe die Kulturschätze Ägyptens überleben die Zeit der Islamistischen Eiferer.
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