Fotograf in Misuratas Kampfzone "Ich hätte viermal sterben können"

Die Reporter Tim Hetherington und Chris Hondros sind im libyschen Misurata ums Leben gekommen. Für SPIEGEL ONLINE war der Fotograf Marcel Mettelsiefen acht Tage in der umkämpften Stadt. Er beschreibt die gefährliche Arbeit in der Kampfzone - und den Moment, wenn man dem Tod begegnet.

Marcel Mettelsiefen

Misurata ist eine Stadt, in der man selbst als krisenerprobter Fotograf derzeit kaum arbeiten kann. Und nirgendwo ist es gefährlicher als in der Tripolis-Straße im Zentrum. Früher gingen die Menschen dort einkaufen, heute ist die Straße eine Todeszone. In dieser Tripolis-Straße sind am Mittwoch zwei meiner Kollegen ums Leben gekommen, zwei weitere wurden verletzt. Meiner Meinung nach war es nur eine Frage der Zeit, bis so etwas Schreckliches passieren würde.

Der spanische Fotograf Guillermo Cervera, der dabei war, hat mir erzählt, wie Tim Hetherington in seinen Armen gestorben ist. Wie schrecklich die Kopfverletzungen von Chris Hondros waren. Laut Guillermo wurden die beiden nicht Opfer einer Panzerfaustgranate, sondern einer Splitterbombe. Michael Christopher Brown, ein Amerikaner, wurde durch ein Schrapnell an der Schulter und an der Brust verletzt. Bei einem Einsatz in Bengasi hatte er sich zuvor schon einen Durchschuss der Wade zugezogen.

Alle fünf Minuten explodiert eine Bombe

Die Arbeitsbedingungen für uns Krisenfotografen im Zentrum von Misurata lassen sich kaum beschreiben: Alle fünf Minuten explodiert dort eine Splitterbombe. Es wird von allen Seiten geschossen. In den Häusern auf der einen Seite verschanzen sich Gaddafis Scharfschützen, auf der anderen die Rebellen. Ich selbst war nur ein einziges Mal eine halbe Stunde lang in der Tripolis-Straße. Andere Kollegen waren länger dort, obwohl das Risiko, getroffen zu werden, extrem hoch ist. So wie jetzt bei Tim Hetherington und Chris Hondros.

Fotostrecke

18  Bilder
Hetherington und Hondros: Chronisten des Kriegs
Viele Fotografen, auch ich, gehen diese Risiken ein. Wir versuchen, das perfekte Bild zu bekommen - und überschreiten dabei oft die Grenze des gesunden Menschenverstands.

Die Frage, was einen dazu treibt, dieses Risiko trotzdem einzugehen, ist schwierig zu beantworten. Ist es das wert, im Vergleich zum Ergebnis: einigen eindrucksvollen Fotos? Als Journalist will man etwas bewirken. Gerade in Misurata schien mir das so, es waren nur sehr wenige Fotografen vor Ort, wir waren gerade mal zehn Kollegen. Ich bilde mir ein, dass ich den Menschen außerhalb Libyens mit meinen Bildern zeigen kann, was wirklich dort passiert. Dass ich zeigen kann, was Gaddafi verstecken will: das Leid der Zivilisten. Das gibt mir das Gefühl, mit meiner Arbeit wirklich etwas bewirken zu können. Aber ist das so?

Der Tod kann von überall her kommen

Als Fotografen sind wir in Kampfgebieten wie Misurata auf die Hilfe der Rebellen angewiesen, die uns durch die Stadt führen. Ohne ihre Hilfe könnten wir uns gar nicht bewegen. Doch die Rebellen bringen uns eben auch extrem weit in die Gefahrenzone hinein - weil sie uns zeigen wollen, wo das Leid der Menschen am schlimmsten ist. Für mein Empfinden ging es in einigen Fällen zu weit, so dass ich meine Begleiter bremsen musste. Da ich zu dieser Zeit allein als Fotograf in der Stadt war, fiel mir das leichter. Wenn man dagegen in einer Gruppe unterwegs ist, kann das einerseits ein Vorteil sein - andererseits aber auch ein großer Nachteil.

Denn in einer Gruppe von Fotografen gibt es immer jemanden, der sich weiter vorwagt, der das Limit pusht, der neue Grenzen austestet. Und die anderen ziehen nach. Niemand möchte zurückbleiben, sich nicht trauen. Diese Dynamik verleitet dazu, die eigenen Grenzen zu überschreiten. Und in Misurata gibt es keine klare Front, der Tod kann von überall her kommen, es kann jeden treffen.

In den acht Tagen, die ich in Misurata gearbeitet habe, gab es allein vier Situationen, in denen es genauso gut mich hätte treffen können. Viermal hätte ich sterben können. Zwei Erlebnisse waren besonders schockierend:

  • Nachdem die Gaddafi-Truppen das Pressezentrum bombardiert hatten, quartierten wir uns in einem Krankenhaus ein. Da fühlten wir uns sicher. Die Leute dort haben mit den Lippen immer wieder das Geräusch nachgeahmt, das eine anfliegende Granate macht: piiiiuuuuchchchchch! Man erschreckt sich - und die anderen lachen. So geht das mehrmals. Und dann hört man das echte Geräusch. Wir waren im Innenhof eines Wohnhauses in der Kampfzone. Dort spielten Kinder. Wir betraten das Gebäude, um unsere Sachen abzustellen. Dann hörten wir ein Pfeifen, dann drei Geräusche: bumm, bumm, drrrrrrschschschsch. Und die Kinder, mit denen wir zwei Minuten vorher noch gescherzt hatten, waren tot. Eine Splitterbombe. Diese Geschosse explodieren in der Luft und verschießen Splittergeschosse, die einen menschlichen Körper einfach so durchschlagen. Es war nur ein Zufall, dass ich selbst nicht mehr an dieser Stelle stand.
  • Ein anderes Mal waren wir auf dem Weg zum Hafen, als zehn Meter vor uns eine Splitterbombe einschlug. Sie verfehlte den Krankenwagen, der vor uns fuhr, nur ganz knapp. Die Gaddafi-Leute schießen immer wieder auf Krankenwagen.

Kriegsfotografen müssen sich Grenzen setzen

Absolute Sicherheit gibt es für uns Fotografen nicht, das ist klar. Man muss sich selbst Grenzen setzen. In Misurata habe ich mich jeden Tag ein bisschen weiter vorgewagt, bis ich schließlich zehn Meter vor einem Haus stand, in dem 30 Gaddafi-Scharfschützen lauerten. Die Rebellen wollten mich unbedingt in ein Nebengebäude bringen, von dem aus man eine bessere Sicht hat. Wir rannten. Überhaupt rennt man die ganze Zeit, um den Scharfschützen auszuweichen. Plötzlich wurden wir von zwei Seiten beschossen. Da habe ich gedacht: Jetzt bin ich zu weit gegangen.

Man fragt sich, warum man das macht, warum man in dieser Situation ist, obwohl man sich doch selbst Grenzen gesetzt hat. Und ob man am Ende den Mut hat, diese Grenzen einzuhalten und sich zurückzuziehen, wenn es zu gefährlich wird. Denn wenn man Angst bekommt, muss man umkehren.

Ich war froh, als ich aus Misurata raus war. Man steht bei so einem Einsatz unter enormem Stress - das merkt man aber erst, wenn man aus der Situation raus ist und die Anspannung abfällt.

So wie im Jahr 2004 in Haiti, da geriet ich mit einigen Kollegen in einen Hinterhalt. Wir waren zu acht, nur vier von uns kamen lebend heraus. Ich habe gesehen, wie ein Kollege vor meinen Augen erschossen wurde. Das war ein traumatisches Erlebnis, ich war mir eigentlich sicher: So etwas mache ich nicht noch mal mit. Danach begann ich ein Medizinstudium. Mein Beruf als Fotograf lässt mich trotzdem nicht los.

Forum - Diskutieren Sie über diesen Artikel
insgesamt 91 Beiträge
Alle Kommentare öffnen
Seite 1
sir.viver 21.04.2011
1. Und?
Zitat von sysopDie Reporter Tim Hetherington und Chris Hondros sind im libyschen Misurata ums Leben gekommen. Für SPIEGEL ONLINE war der Fotograf Marcel Mettelsiefen acht Tage in der umkämpften Stadt. Er beschreibt die gefährliche Arbeit in der Kampfzone - und den Moment, wenn man dem Tod begegnet. http://www.spiegel.de/politik/ausland/0,1518,758517,00.html
sollen wir jetzt Mitleid heucheln. Der Mann weiss doch was er tut. Die Buerger da unten haben dagegen keine Wahl! Betroffenheitsjounalismus in eigener Sache. Widerlich.
quaden 21.04.2011
2. @sir.viver
Zitat von sir.viversollen wir jetzt Mitleid heucheln. Der Mann weiss doch was er tut. Die Buerger da unten haben dagegen keine Wahl! Betroffenheitsjounalismus in eigener Sache. Widerlich.
Widerlich erscheint mir in diesem Zusammenhang einzig und allein ihr Beitrag.
moliebste 21.04.2011
3. Adrelanin - Junkie
Warnung: Adrenalinsucht kann tödlich sein.
michael2273 21.04.2011
4. Gaddafis Erfüllungsgehilfen
Gaddafi ist ein mieser Massenmörder. Er ließ auch in der Vergangenheit seine Gegner - selbst im Exil - ermorden. Behilflich waren im dabei westeuropäische Linksterroristen. In Deutschland agierten RZ-Mitglieder als Auftragskiller für Gaddafi: http://aron2201sperber.wordpress.com/2011/03/25/vergangenheit-und-zukunft-des-terrorismus/
the.anthony, 21.04.2011
5. ....
Zitat von quadenWiderlich erscheint mir in diesem Zusammenhang einzig und allein ihr Beitrag.
Selber Gedanke.
Alle Kommentare öffnen
Seite 1

© SPIEGEL ONLINE 2011
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung der SPIEGELnet GmbH


Die Homepage wurde aktualisiert. Jetzt aufrufen.
Hinweis nicht mehr anzeigen.