Fragen und Antworten Was die Diplomatendepeschen wirklich aussagen

SPIEGEL ONLINE

WAS ZEIGEN DIE DOKUMENTE?

Die nun über WikiLeaks enthüllten Dokumente bestehen aus

  • insgesamt 243.270 sogenannten diplomatischen Kabeln, die US-Botschaften, -Konsulate und -Vertretungen aus aller Welt an das US-Außenministerium in Washington geschickt haben, und
  • 8017 Direktiven des US-Außenministeriums an die diplomatischen Vertretungen in aller Welt.

Ein einziger Bericht geht zurück bis ins Jahr 1966, die weitaus meisten sind jünger als 2004 - damals wurde SIPRNet eingerichtet, die Datenbank, aus der das Material stammt (siehe unten). Die Zahl der Depeschen ist stetig gewachsen, allein aus den ersten beiden Monaten dieses Jahres stammen 9005 Dokumente. Danach bricht der Strom in dem WikiLeaks zugespielten Material ab. Aneinander gereiht ergeben die Depeschen genug Stoff, um 66 SPIEGEL-Jahrgänge zu füllen.

Der SPIEGEL, die "New York Times", der Londoner "Guardian", der Pariser "Monde" und die Madrider "País" haben das Material gesichtet, analysiert und überprüft. WikiLeaks hatte das Material zur Auswertung überlassen.

Jede Depesche besteht aus Datum, Urheber, Adressat, Geheimhaltungsstufe und dem eigentlichen Telegrammtext. In letzterem werden oft auch Namen von Informanten erwähnt. Der SPIEGEL und SPIEGEL ONLINE haben sich deshalb entschieden, die Masse der Dokumente nicht zugänglich zu machen, sondern nur aus einzelnen Depeschen zu zitieren oder einzelne Kabel zu dokumentieren, in denen die Namen von Informanten unkenntlich gemacht sind - es sei denn, der Name des Zuträgers ist von politischer Relevanz.

Die Berichte aus den Ländern sind in der Regel von Diplomaten verfasst, also Botschaftern, Konsuln oder ihren Mitarbeitern. Meist enthalten sie Einschätzungen der politischen Lage im jeweiligen Land, Gesprächsprotokolle, Hintergründe zu Personalentscheidungen und Ereignissen - oder auch Psychogramme einzelner Politiker.


WIE IST DER SPIEGEL VORGEGANGEN?

Mit einem Team von 50 Redakteuren und Dokumentaren hat der SPIEGEL das überbordende Material gesichtet, analysiert und überprüft. Fast immer hat das Magazin darauf verzichtet, die Informanten der Amerikaner kenntlich zu machen, es sei denn, allein die Person des Zuträgers stellt schon eine politische Nachricht an sich dar.

In einigen Fällen trug die US-Regierung Bedenken vor, manche Einwände hat der SPIEGEL akzeptiert, andere nicht. In jedem Fall galt es, das Interesse der Öffentlichkeit abzuwägen gegenüber berechtigten Geheimhaltungs- und Sicherheitsinteressen der Staaten. Das hat der SPIEGEL getan. Anhand der Depeschen ist es nun möglich, politische Entwicklungen rund um die Welt in den Worten der beteiligten Akteure zu dokumentieren und dadurch die Welt besser zu verstehen. Das ist Grund genug, in manchen Fällen staatliche Geheimhaltungsvorschriften zugunsten größerer Transparenz hintanzustellen.


WOHER KOMMT DAS MATERIAL, WIE BRISANT IST ES?

Wie die zuvor über WikiLeaks enthüllten Irak- und Afghanistan-Protokolle wurden die Botschaftsdepeschen über ein geheimes Nachrichtennetz verschickt, das Secret Internet Protocol Router Network (SIPRNet). Dieses US-Regierungsnetz dient dem Transport von Dokumenten, die Verbreitungsbeschränkungen bis zur Stufe "secret/geheim" unterliegen. Diese zweithöchste Geheimhaltungsstufe wird laut Regierungsdefinition für Informationen verwendet, deren Veröffentlichung "der nationalen Sicherheit der USA schweren Schaden zufügen" könnte. Depeschen der Kategorie "top secret/streng geheim" sind in den WikiLeaks zugespielten Daten nicht enthalten, es wird über einen eigenen Zugang verbreitet.

Gut die Hälfte der jetzt bekannt gewordenen Botschaftskabel unterliegt keiner Geheimhaltungsstufe, 40,5 Prozent sind als "vertraulich" eingeordnet und nur sechs Prozent respektive 15.652 Depeschen als "geheim". 4330 davon sind so brisant, dass sie als "Noforn" ausgewiesen sind, also Ausländern nicht zugänglich gemacht werden dürfen.

2,5 Millionen US-Vertreter haben Zugriff auf das SIPRNet-Material - Angestellte aus vielen Ministerien und Behörden, erfahrungsgemäß wird die Datenbank aber vor allem von Angehörigen des Verteidigungsministeriums abgerufen. Sie ist von bestimmten Computern aus zugänglich, die in Operationszentralen der Streitkräfte zu finden sind. Anmeldungsprozeduren und das Passwort wechseln etwa alle 150 Tage. Selbst "top secret"-Material steht immerhin noch etwa 850.000 Amerikanern zur Verfügung. Die Veröffentlichung der Boschaftsdepeschen ist ein Unfall, der früher oder später eintreten musste.


Grafik: Aufbau der Depeschen
DER SPIEGEL

Grafik: Aufbau der Depeschen

WIE LIEST MAN DIE DOKUMENTE?

Im Gegensatz zu den US-Militärprotokollen aus dem Irak und Afghanistan sind die diplomatischen Telegramme leichter lesbar. Sie enthalten weniger Abkürzungen im Text und werden in der Regel ohne Zeitdruck in einem Büro erstellt. Dennoch sind einige Codes im Kopfbereich der Dokumente erklärungsbedürftig - in der Grafik links erfahren Sie anhand einer Musterdepesche, wie sie aufgebaut ist und welche Daten darin im Detail notiert sind. Das Video oben erklärt Ihnen, wie man die Dokumente liest und analysiert.


WIE VERLÄSSLICH SIND DIE INFORMATIONEN?

Diplomaten berichten in den Depeschen über Ereignisse aus aller Welt und stellen dabei häufig Politiker und ihre Motive bloß. Vieles wird in dem Glauben notiert und verschickt, dass die Protokolle während der kommenden 25 Jahre nicht an die Öffentlichkeit gelangen. Das erklärt vermutlich, warum die Botschafter und Gesandten der USA auch viel Klatsch und Berichte vom Hörensagen an die Zentrale melden.

Den Reiz der Dokumente macht aus, dass viele Diplomaten und Politiker im Vertrauen auf die Geheimhaltung die Wahrheit aussprechen; zumindest so, wie sie sie sehen. Allerdings: Welche Informanten die Wahrheit sagen, wer nur Hörensagen wiedergibt, was womöglich gar eine gezielte Intrige oder Lüge ist - das lässt sich nicht immer zweifelsfrei erkennen.


IST DER DATENSATZ VOLLSTÄNDIG?

Wie genau der Dokumentensatz zustande gekommen ist, ist unklar. Es wäre durchaus möglich, dass überproportional viele oder wenige Meldungen aus einem Land oder einer Region in die Datensammlung eingegangen sind. Auch zeitlich oder inhaltlich ist eine Verzerrung denkbar.

Bekannt ist, in welcher Einrichtung das Material aus dem US-System entnommen wurde, - nicht aber, unter welchen Umständen der WikiLeaks-Informant das Material kopiert hat. Er könnte in Zeitnot gewesen sein. Er könnte gestört worden sein. Er könnte Material gezielt oder zufällig ausgewählt haben oder eben doch den komplett vorhandenen Satz kopiert haben. Dieser Satz könnte ebenso eine Auswahl gewesen sein - nach unbekannten Kriterien. Der Informant oder andere Personen können auch nachträglich ausgewählt haben. "Top Secret"-Dokumente fehlen allein schon deshalb, weil sie über einen anderen Zugang verbreitet werden, auf den der Informant möglicherweise nicht zugreifen konnte oder wollte.


WIE HALTEN ES ANDERE LÄNDER?

Die Offenheit in den internen Dokumenten ist nicht ungewöhnlich. Nur nach außen hin ergeht sich die Weltdiplomatie in gedrechselten Formulierungen - nach innen wird durchaus Klartext gesprochen, das halten nicht nur die USA so.

Auch technisch ist das US-System keine einzigartige Lösung. Deutschland zum Beispiel verlässt sich auf ein ähnliches System. Ein gesichertes Intranet, ebenfalls 2004 eingerichtet, verbindet alle Botschaften und Generalkonsulate mit dem Auswärtigen Amt. Die deutschen Diplomaten unterteilen ihre Korrespondenz in vier Geheimhaltungsstufen: "Verschlusssache - Nur für den Dienstgebrauch", "Verschlusssache - Vertraulich", "Geheim" und "Streng geheim". Die Verschlüsselung übernimmt ein System namens Sina. Wie viele Personen genau Zugang zu dem Netzwerk haben, ist unbekannt.

Mehr zum Thema


Forum - Beschädigen die Wikileaks-Dokumente das Verhältnis zwischen den USA und ihren Bündnispartnern?
insgesamt 5856 Beiträge
Alle Kommentare öffnen
Seite 1
Waiguoren 28.11.2010
1.
"Merkel ist methodisch, rational und pragmatisch." Angie kommt doch gar nicht so schlecht weg.
Liberalitärer, 28.11.2010
2. Einstein
Zitat von sysopWie Amerika die Welt sieht - 251.287 geheime Dokumente aus dem Washingtoner Außenministerium enthüllen die Sicht der US-Diplomatie auf Freund und Feind.
Nein, das sind Einschätzungen und Kritik im Falle D schadet nicht. Niemand hier wird wohl G.W. Bush (den ich für ehrenwert halte) mit Einstein verwechseln.
werner thurner, 28.11.2010
3.
Zitat von sysopWie Amerika die Welt sieht - 251.287 geheime Dokumente aus dem Washingtoner Außenministerium enthüllen die Sicht der US-Diplomatie auf Freund und Feind.
Dann erfahren wir endlich mal die Wahrheit über die offizielle Denke in den USA. Die Wahrheit , oder annähernd die Wahrheit kann niemals irgendwas beschädigen. Das Verhätnis der USA zu den Verbündeten ist ja bereits durch die Bush Kriegspolitik und das Mitläufertum beschädigt, genauso wie die hierzu mißbrauchte NATO (Bündnsifall bis heute).
Smartpatrol 28.11.2010
4. Nicht schlecht
"Amerikas Botschafter können gnadenlos in der Beurteilung der Länder sein, in denen sie akkreditiert sind." Was man ihnen kaum vorhalten kann. Die Bewertung Westerwelles ist beispielsweise nichts als eine realistische, nüchterne Einschätzung. Keine der genannten Veröffentlichungen macht mir die USA unsympathischer, ganz im Gegenteil.
ramuz 28.11.2010
5. Nein.
Geht man von dem momentanen Level an Vertrauen, Ansehen, Kooperationswillen aus, das/den Akteure anderer Staaten den US entgegenbringen, kann es nicht beschädigt werden aus Sicht der anderen. Wenn die Akteure der US halbwegs intelligent sind, so wissen sie das auch. Theaterdonner halt...
Alle Kommentare öffnen
Seite 1
Diskussion geschlossen - lesen Sie die Beiträge! zum Forum...

© SPIEGEL ONLINE 2010
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung der SPIEGELnet GmbH


Die Homepage wurde aktualisiert. Jetzt aufrufen.
Hinweis nicht mehr anzeigen.