François Hollande im TV-Talk Neunzig Minuten für den Neustart

Halbzeit für Hollande: Zweieinhalb Jahre nach seinem Amtsantritt stellt sich der unpopulärste Staatschef der V. Republik dem Fernsehvolk - mit privaten Bekenntnissen und Polit-Pädagogik, aber ohne Visionen.

TV-Talk: François Hollande hat ein Rendezvous mit der Nation
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TV-Talk: François Hollande hat ein Rendezvous mit der Nation


Gleißende Scheinwerfer, ein einsamer Sessel, gegenüber vier Franzosen: Die Atmosphäre in den Studios des Privatsenders TF1 ist die einer Quizshow. Auf dem Stuhl: Frankreichs Präsident.

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Heft 45/2014
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Das Rendezvous mit der Nation kommt zur Mitte seiner Amtszeit. Der Sozialist will seine Bilanz verteidigen, Reformen erläutern und Projekte für die "zweite Halbzeit" bis 2017 vorstellen - Erziehung, Investitionen, Verzicht auf neue Steuern. Der TV-Abend "Live mit den Franzosen" ist angekündigt als mediales Großereignis: Neunzig Minuten für den politischen Neustart.

Es ist eine echte Herausforderung. Denn Hollande, im Amt seit Mai 2012, gilt noch immer als unnahbar, verschlossen, rätselhaft. Und seine amourösen Affären haben ihn - anders als seine Vorgänger - nicht menschlicher gemacht, sondern bestenfalls Hohn und Spott ausgesetzt.

Das Private will er nicht erläutern: "Ich bin ein normales Wesen, ich habe Emotionen", sagt er zur Kritik an seiner Person. Die heimlichen Motorrad-Abstecher zu seiner Geliebten? "Man muss das Privatleben respektieren." Der Vorwurf, er würde die Armen missachten? Hollande bitter: "Sie können mich mögen oder nicht, aber mir nicht den Vorwurf machen, dass ich Menschen nicht mag."

Bleibt Hollandes Bilanz, sein Stil, sein Ansehen. In den Umfragen hat der Sozialist sogar seinen wenig geschätzten Vorgänger Nicolas Sarkozy an Unpopularität übertroffen: 87 Prozent der Franzosen bewerten Hollande negativ, seine Politik gilt als rundweg gescheitert, das Magazin "Le Nouvel Observateur" schreibt von einem "Bild unübertroffener Schwärze".

Hollandes Reifeprüfung

Um das Image zurechtzurücken, sitzt Hollande am Mittwochabend vier Franzosen gegenüber, jeder für sich ein Exempel für Wirtschaftsmisere, Unzufriedenheit, Missmut: Ihnen gegenüber wirkt der Präsident, graues Sakko, blauer Binder, wie bei der mündlichen Reifeprüfung - nur dass noch 200 Zuschauer im Saal sitzen und (erhoffte) drei Millionen Franzosen zugeschaltet sind.

Im Zentrum steht das Hauptversäumnis des Präsidenten - sein Versagen beim Kampf gegen die Arbeitslosigkeit. "Ich werde den Trend ins Positive verkehren", hatte Hollande einst gelobt. Jetzt räumt er ein, dass er mit dem Verspechen "vielleicht einen Fehler gemacht hat."

Joelle, 60, arbeitslos, gibt Hollande Lebenshilfe: Der Tonfall ist pädagogisch und er empfiehlt Fortbildung. Hollande kündigt zusätzliche Hilfen an und tut dann so, als sei er nicht an der Misere schuld: "Ich kann nicht hinnehmen, dass eine Person in ihrem Alter mit 650 Euro monatlich auskommen muss."

Carine, 46, Unternehmerin einer erfolgreichen mittelständischen Schraubenfirma spricht hohe Steuern und hohe Sozialabgaben an: "Wenn ich heute meinen Firmensitz ins Ausland verlege, spare ich drei Millionen Euro." Hollande verweist auf Staatshilfen für Unternehmer, kann Carine aber nicht überzeugen. "Die wahren Strukturreformen stehen aus, damit wir endlich auf demselben Niveau stehen wie unsere europäischen Nachbarn."

Hassan, 25, studierter Rechtspfleger, sieht sich als Teil einer vernachlässigten Jugend, trotz Ausbildung ohne Zukunft. Hollande verweist auf die Initiativen der Regierung, 150.000 sogenannte "Zukunftsjobs", aber Hassan aus Marseille weiß, dass diese Verträge oft zeitlich begrenzt sind. "Ihr Problem ist, das zwischen Ihren Reformen und der Realität ganze Generationen von Jugendlichen ohne Perspektive bleiben."

Catherine, 35, aus den Ardennen, fragt sich, wie ihre Schule (75 Kinder), die von der Schließung bedroht ist, überleben wird. "Dann müssten unsere Kinder mindestens zwei Stunden zum Unterricht fahren", sagt die Lehrerin und Mutter von drei Kindern. Hollande hat das passende Rezept bereit, die Segnungen des digitalen Zeitalters: "Ihre Schule sollte als Informatik-Experiment herhalten, gleich vom nächsten Jahr an." Die Lehrerin legt nach: Und wenn die Schule schließt, was wird aus der Post? Den sozialen Diensten? Hollande empfiehlt "Solidarität: Frankreich muss zusammenrücken, die öffentlichen Einrichtungen müssen bleiben." Und der Präsident tröstet: "Nein, sie sind nicht allein."

Die Reaktion von Catherine spiegelt die Skepsis wider, die den gesamten TV-Abend überlagert. "Wirklich nicht allein?"

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Stefan Simons berichtet aus Paris für SPIEGEL ONLINE.

E-Mail: Stefan_Simons@spiegel.de

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micromiller 07.11.2014
1. Wenn Sozialisten alleine an der Macht sind
endet es meistens im Chaos. Sein grosser sozialdemokratischere Vorgänger Herr Strauss Kahn hätte seinen Platz am Trog einnehmen können, wenn ihm die Hormone auf der Reise zu Frau Merkel nicht durchgebrannt wären, seitdem tummelt es sich in Sex und Finanzproblemen, gerade ist seine Fondsgesellschaft in Luxemburg durchgebrannt. Sozialisten oder besser Pseudosozialisten sind unentbehrlich als Mahner in der Opposition, aber ein Schrecken wenn sie an die Macht gelangen.
licorne 07.11.2014
2. Ich bin noch da! Ich werde bleiben!
Beschwörend redete der ungeliebte Präsident über seine Aufgaben für sein Land und betonte ,dass ER entscheidet und sein Premier Valls, den die Franzosen lieber mögen, seine Politik umzusetzen hat. Wie so oft betonte er die Größe der frz Nation, deren Einzigartigkeit in fast allen Bereichen. Seine Maßnahmen für die Zukunft? Computer für alle Schüler, mehr war nicht zu entdecken.
analyse 07.11.2014
3. Sein Grundfehler:Er glaubt an den Sozialismus,alles
andere sind Folgeerscheinungen !Als Politiker muß man erkennen:noch nie hat der Sozialismus funktioniert,versucht wurde es unter den verschiedensten Bedingungen,mit sehr verschiedenen Personen,es funktioniert nicht,weil der Sozialismus gegen die menschliche Natur ist -und die ändert sich eben nicht durch die Produktionsverhältnisse !Es geht nur mit Gewalt und Diktatur,mit den bekannten Ergebnissen !
zapp-zarapp 07.11.2014
4. Zitat-Check
Sicher, dass er das im TV gesagt hat? "Sie können mich mögen oder nicht, aber mir nicht den Vorwurf machen, dass ich Menschen mag." Bitte Zitat prüfen ...
Jobuch 07.11.2014
5. Und warum...
...hat den keiner gefragt, ob es für Frankreich nicht besser wäre, den Euro zu verlassen? Ob das nicht die Probleme zumindest abschwächen würde? Was er denn auf die Strategie von Marine Le Pen für Antworten zu bieten hat? Warum hat er dem Französischen Volk nicht mal reinen Wein eingeschenkt, den Gewerkschaften, den ewigen Blockierern? Wenn man mit dem Rücken zur Wand steht, dann gibt es nur eine Richtung - nach vorn! Und wenn man der unbeliebteste Präsident ist, kann man es sich erst recht leisten, die Reformen, die man für nötig erachtet, auch wirklich anzustoßen. Dann wird man - wie dereinst Schröder - zwar nicht in seiner Amtszeit gelobt, erfährt aber später dann zumindest Anerkennung. So aber wird Ms. Hollande als der personifizierte Waschlappen in die französische Geschichte eingehen. Chance verspielt, Ms. le Président.
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