Saudisches Fest mit Steinmeier "Bitte sprechen Sie den König nicht an!"

Frank-Walter Steinmeier besucht ein saudisches Kulturfestival - trotz heftiger Kritik. Der Außenminister spricht über die Zivilgesellschaft, doch die Prinzen interessieren sich mehr für Kamelrennen.

DPA

Aus Riad berichtet Christoph Schult


Bevor der König den deutschen Pavillon besucht, verkündet eine Frauenstimme per Lautsprecher ein paar Regeln. "Bitte sprechen Sie den König nicht an, es sei denn, er kommt auf Sie zu. Bitte machen Sie keine Fotos. Bitte stellen Sie Ihre Mobiltelefone aus, und sprechen Sie nicht."

Willkommen beim Janadriyah-Kulturfestival in der saudischen Hauptstadt Riad.

König Salman Bin Abdulaziz Al Saud ist nicht mehr der Jüngste, er lässt sich mit einem Golfmobil durch den deutschen Pavillon chauffieren, zu seiner Linken sitzt der deutsche Außenminister Frank-Walter Steinmeier. Zum Glück hält sich keiner an das Fotografierverbot. Auch das Sprechverbot wird lautstark ignoriert. Warum sollte es dem König anders ergehen als vor gut einer Stunde dem deutschen Außenminister? Als Steinmeier bei der Eröffnung des Festivals sein Grußwort sprach, quasselten die versammelten Prinzen und Würdenträger unbeirrt weiter. Das Kamelrennen fanden sie sichtlich spannender als Steinmeiers Plädoyer für eine "selbstbewusste Zivilgesellschaft".

Es sei das bedeutendste Kulturfestival Saudi-Arabiens, hieß es zuletzt im Auswärtigen Amt, eine Million Besucher würden innerhalb der kommenden vier Wochen aus dem ganzen Land erwartet, es gebe keine bessere Gelegenheit, in einem "schwierigen Land" deutsche Kultur und Demokratie zu vermitteln.

Der Westen braucht Saudi-Arabien

Es war der Versuch, eine umstrittene Reise zu rechtfertigen. Im Januar hatte die saudische Justiz 47 Gefangene wegen des Vorwurfs des Terrorismus hinrichten lassen, darunter den schiitischen Geistlichen Nimr al-Nimr. Nicht nur aus der Opposition im Deutschen Bundestag gab es daraufhin Kritik, auch der Vorsitzende des Auswärtigen Ausschusses im Deutschen Bundestag, Norbert Röttgen, legte Steinmeier nahe, seinen Besuch abzusagen.

Steinmeier wollte nicht absagen, schließlich braucht der Westen Saudi-Arabien zur Lösung des Syrien-Konflikts. Das Königshaus hat es immerhin geschafft, die zerstrittene syrische Opposition in Riad zu versammeln und auf die Verhandlungen mit dem Assad-Regime einzuschwören. Wie sehr dieser Einfluss nötig ist, zeigte sich am Mittwoch, als die Genfer Verhandlungen nach nur wenigen Tagen wieder ausgesetzt wurden, weil Assad zu keinerlei Zugeständnis bereit war.

Doch auch wenn Saudi-Arabien ein Schlüsselstaat für die Stabilität im Nahen und Mittleren Osten ist, muss sich die Bundesregierung trotzdem die Frage stellen, wer von Steinmeiers Besuch mehr profitiert: die saudische Regierung, die sich mit dem Gast aus Deutschland schmücken kann, oder die deutsche Idee, demokratische Werte zu exportieren? Die Antwort darf, zumindest nach den ersten Eindrücken am Eröffnungstag, als offen gelten.

Typisch deutsch: Fachwerk, Brunnen, Grundgesetz

Im deutschen Pavillon haben die Aussteller einen typisch deutschen Marktplatz nachgebaut: Fachwerkhäuser-Kulissen, Plätscherbrunnen und eine Schneekanone, die alle paar Minuten weiße Badeschaumflocken auf die Besucher herabregnen lässt.

Am hinteren Ende des virtuellen Marktplatzes hängt eine zwei mal drei Meter große Schautafel mit den wichtigsten Artikeln des deutschen Grundgesetzes. "Alle Staatsgewalt geht vom Volke aus", steht da auf Arabisch. Oder: "Jeder hat das Recht auf die freie Entfaltung seiner Persönlichkeit." Und: "Jeder hat das Recht auf Leben und körperliche Unversehrtheit." Da fällt einem sofort das Schicksal des saudischen Bloggers Raif Badawi ein, der zu drei Jahren Gefängnis und 1000 Peitschenhieben verurteilt wurde.

"Demokratie", ruft Steinmeier dem König im Vorbeifahren zu, aber der König kann gar nicht so schnell lesen, wie sein Caddy fährt. Er ist umringt von Bodyguards, sie drängen die Leute an die Seite, eine Glasvase geht zu Bruch.

Insgesamt ähnelt der deutsche Pavillon, der ohnehin eher eine Mehrzweckhalle ist, mehr einer Handelsmesse. Die meisten Quadratmeter wurden von deutschen Unternehmen gebucht. Volkswagen zeigt einen neuen Sportwagen mit Flügeltüren, die Firma Herrenknecht aus Baden-Württemberg ihren riesigen Tunnelbohrer und die Lürssen-Werft präsentiert Modelle ihrer Luxusjachten - sehr zum Interesse des saudischen Außenministers Adel Al Jubeir. Er verweilt wesentlich länger bei den Jachtmodellen, als er mit Steinmeier durch die Halle geht. Immerhin, den Ausführungen seines deutschen Amtskollegen zum Grundgesetz lauscht er höflich. Al-Jubeirs Kommentar: "Nice".

Man darf den deutschen Beitrag nicht allein auf die Ausstellung beschränken, in den nächsten Wochen ist ein Kulturprogramm geplant. Es gibt Diskussionsveranstaltungen zu Kunst im öffentlichen Raum, eine Hip-Hop-Jamsession aus deutschen und saudischen Künstlern sowie einen Auftritt der überwiegend weiblichen Folkloreband "Zwirbeldirn", allerdings aller Wahrscheinlichkeit nach nicht im ausgeschnittenen Dirndllook.

Überhaupt ist es die Rolle der Frauen, die im deutschen Pavillon am deutlichsten präsentiert wird. Es hängen Frauenbilder an den Wänden, die man im streng wahhabitischen Königreich so nie öffentlich zu sehen bekommt: eine deutsche Radfahrerin in kurzer Radlerhose, die deutsche Frauen-Nationalmannschaft sowie diverse deutsche Wissenschaftlerinnen, die die Welt mit ihren Forschungen bereichert haben.

Gleich am Eingang werden die Besucher daran erinnert, dass Deutschland sogar von einer Frau regiert wird. Allerdings wäre das Foto der Bundeskanzlerin auch für deutsche Besucher eine Überraschung: Angela Merkel trägt eine Brille.

Es wäre den Organisatoren zu wünschen, dass möglichst viele junge Frauen diese Bilder zu sehen bekommen. In den nächsten vier Tagen ist das jedoch erst mal ausgeschlossen. Zunächst haben nur Männer Zutritt zum Festival.

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