Vernichtungsstätte Maly Trostinec Am Ort des Todes

Maly Trostinec in Weißrussland war einer der schlimmsten Vernichtungsorte der Nazis. Jetzt weihte Bundespräsident Steinmeier eine Gedenkstätte ein - und setzte ein Zeichen gegen die AfD.

Frank-Walter Steinmeier, Weißrusslands Präsident Alexander Lukaschenko und Österreichs Staatschef Alexander Van Der Bellen
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Frank-Walter Steinmeier, Weißrusslands Präsident Alexander Lukaschenko und Österreichs Staatschef Alexander Van Der Bellen

Aus Minsk berichtet


Man muss sich das alles noch einmal vor Augen führen. Wie sie in Zügen ankamen. Hunderte, Tausende. Aus Berlin, Wien, Köln. Frauen und Kinder, Alte und Kranke. Juden und Widerstandskämpfer, Kriegsgefangene und Zivilisten. Die Ankömmlinge fielen entkräftet aus den Waggons, jeden Tag aufs Neue.

Wer Glück hatte, kam noch für ein paar Tage ins Zwangsarbeitslager südlich des provisorischen Bahnhofs von Maly Trostinec. Die meisten wurden gleich auf die Lichtung im angrenzenden Wald geführt. Ein Genickschuss, dann wurden die Leichen in Gruben verscharrt. Zehntausende töteten die Nazi-Exekutionskommandos zwischen 1942 und 1944 in dieser Vernichtungsstätte.

Und dann wurde das Grauen einfach vergessen. Anders als Auschwitz und Treblinka, Symbole der Shoah, fehlte Maly Trostinec in der Aufarbeitung des Holocaust. Rund 70 Jahre lang. Zwischenzeitlich, man glaubt es kaum, war hier gar eine Müllkippe.

An diesem Freitag steht der Bundespräsident in Maly Trostinec. Man hat eine Bühne aufgebaut, hinter der sich einige Stelen aus Beton emporschrauben. Auf Videoleinwänden lodern Flammen, einige Besucher halten rote Nelken in ihren Händen. "Der Schritt wird schwerer und schwerer, je näher man diesem Ort kommt", sagt Frank-Walter Steinmeier: "Was hier geschehen ist, hat tiefe Wunden geschlagen. Sie sind sichtbar für alle, die sie sehen wollen."

Über Jahrzehnte vergessen

Der Bundespräsident ist gekommen, um nach jahrelanger Planung eine Gedenkstätte für die Opfer von Maly Trostinec einzuweihen und den "Ort des Todes", wie er es nennt, ins "historische Bewusstsein Europas zurückzuholen".

Es ist ein Auftritt in besonderen Zeiten, außen- wie innenpolitisch. Steinmeier versteht seinen Besuch einerseits als Zeichen dafür, dass Deutschland zu seiner historischen Verantwortung steht. Andererseits aber auch als Mahnung an die Europäer, nicht zu vergessen, welch wunderbares Friedensprojekt man sich nach dem Grauen des Zweiten Weltkrieges selbst geschaffen habe. "Die gemeinsame europäische Verantwortung für das 'Nie wieder Krieg!' gründet auf dem Wissen um das, was Menschen - hier an diesem Ort - ihren Mitmenschen angetan haben", sagt Steinmeier.

Es ist interessant zu beobachten, wie in Weißrussland der Taten gedacht wird. Anders als bei uns. Mehr Symbolik, mehr Musik. Frauen halten weiße Tauben in den Händen. Aus den Lautsprechern ertönt die Melodie aus dem Film Schindlers Liste. Wir halten es subtiler, stiller? Mag sein. Aber was ist schon der richtige Weg beim Gedenken? Gibt es den?

Es scheint unwirklich, dass ein Vernichtungsort wie Maly Trostinec über Jahrzehnte vergessen werden konnte. Aber natürlich gibt es Gründe, die Schlagseiten der sowjetischen Erinnerungskultur zum Beispiel. Es gehörte zur Eigenart des Stalin-Regimes zu behaupten, auf heimischem Boden habe es keine Vernichtungslager gegeben. Und wenn überhaupt, ging es der Sowjetunion nach dem Krieg eher darum, die Leiden der Zivilbevölkerung unter den Nazis ins Zentrum des Erinnerns zu stellen - statt die systematische Ermordung der Juden.

Aber das Vergessen hat auch mit dem Lager selbst zu tun. Es gibt kaum Zeitzeugen. Im Herbst 1943 verwischte das Sonderkommando 1005 von SS-Standartenführer Paul Blobel die Spuren der Nazi-Verbrechen. Das Kommando legte sämtliche Massengräber frei, verbrannte die Leichen, mahlte die Knochen und verteilte die Asche auf den umliegenden Feldern. Und anders als in vielen Konzentrationslagern gibt es in Maly Trostinec kaum sichtbare Relikte der Vergangenheit, die rasch das Grauen hätten erkennen lassen. Keine Gaskammern, keine Krematorien. Nur ein Bahngleis, ein paar Wege und die Lichtung blieben nach dem Krieg übrig.

Ein Flecken im Nichts.

Historiker und Archäologen haben über die Jahre einigermaßen rekonstruieren können, wie das Tötungssystem in Maly Trostinec funktionierte. Wer hier ankam, verlor innerhalb von Stunden oder wenigen Tage sein Leben, wurde entweder erschossen oder landete in einem der Wagen die die Aufseher zu mobilen Gaskammern umfunktioniert hatten. Kastenförmige LKW, in die Motorenabgase mit einem Schlauch eingeleitet wurden. Bis zu hundert Opfer auf einmal erstickten auf diese Weise qualvoll im Laderaum. Getötet wurde nur werktags: Züge, die am Wochenende ankamen, wurden so lange nicht abgefertigt, bis die Erschießungskommandos am Montag wieder ihren Dienst aufnahmen.

"Zu lange haben wir gebraucht, uns zur Verantwortung zu bekennen"

Die, die nach ihrer Ankunft in Maly Trostinec noch Kraft hatten, mussten die Gaswagen reinigen oder das Hab und Gut der Ermordeten sortieren. 15 Stunden waren die Regel. Wer kurz pausierte, landete auf einer Liste - und wurde bald selbst getötet und verscharrt. Das Morden der Nazis war hier darauf angelegt, die Erinnerung unmöglich zu machen.

Von einer "Orgie der Vernichtung" spricht Steinmeier. "Wir dürfen niemals vergessen: Der deutsche Vernichtungskrieg hatte zum Ziel, dieses Land und die Menschen, die in ihm lebten, auszulöschen", sagt er und schiebt in Richtung des ebenfalls anwesenden weißrussischen Präsidenten Aleksander Lukaschenko hinterher: "Umso tiefer ist meine Demut, umso dankbarer bin ich den Menschen in Weißrussland für die Bereitschaft zur Versöhnung."

Recht unverhohlen streift Steinmeier bei seinem Auftritt auch die heimische Politik und die wachsenden Widerstände innerhalb der AfD gegen die deutsche Erinnerungskultur. Er "schäme" sich für manche Äußerung der Rechtspopulisten, hatte der Bundespräsident schon am Morgen in einem Interview gesagt. In Maly Trostinec klingt es so: "Lange, zu lange haben wir gebraucht, uns zur Verantwortung zu bekennen. Heute besteht die Verantwortung darin, das Wissen um das, was hier geschah, lebendig zu halten."

"Ich versichere Ihnen", sagt Steinmeier, "wir werden diese Verantwortung auch gegen jene verteidigen, die sagen, sie werde abgegolten durch verstrichene Zeit."



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