Die Attentäter von Paris Terroristen der Generation Syrien

Über die Attentäter von Paris werden immer mehr Details bekannt. Alle bisher Identifizierten sind junge Franzosen und Belgier. Mehrere waren in Syrien - aber in einem Punkt weicht ihr Profil von den Lebensläufen vieler Islamisten ab.

Aus Paris berichten und

REUTERS

Bei der Aufklärung der Anschläge von Paris machen die Ermittler Fortschritte. Inzwischen haben sie mehrere Männer identifiziert, die an der Terrorserie beteiligt waren. Die Details, die bisher öffentlich wurden, scheinen ein Profil zu ergeben, das den Tätern früherer Attentate in vielem ähnelt:

Die bisher Identifizierten sind junge Franzosen zwischen 20 und 31 Jahren mit arabischem Migrationshintergrund, die in den Vororten von Paris und Brüssel aufwuchsen und lebten. Sie hielten sich mit Gelegenheitsjobs über Wasser oder waren arbeitslos. Mindestens einer war bereits durch Kleinkriminalität aufgefallen. Mehrere hatten mit ihren Familien gebrochen.

Doch in einem Punkt weicht ihr Profil von den Lebensläufen vieler auffällig gewordener europäischer Islamisten ab: Nach bisherigen Erkenntnissen hat keiner von ihnen jemals eine Haftstrafe verbüßt - sie können sich also nicht im Gefängnis radikalisiert haben.

Stattdessen wurde ihre Radikalisierung möglicherweise im Ausland beschleunigt: Mindestens drei von ihnen sind seit Ende 2013 nach Syrien gereist. Sie hielten sich mehrere Monate lang in dem Bürgerkriegsland auf. Mit den Anschlägen von Paris scheint also der Terror der "Generation Syrien" endgültig in Europa angekommen zu sein.

Zwei Brüder stehen im Zentrum der Ermittlungen

Nach bisherigen Erkenntnissen haben die jungen Männer untereinander verschlüsselt kommuniziert. Mehrere von ihnen lebten in Belgien. Möglicherweise erschwerte dieser Umstand es den französischen Geheimdiensten, ihnen im Vorfeld der Anschläge auf die Spur zu kommen.

Obwohl einer der Täter, Ismaël Omar Mostefaï, den französischen Geheimdiensten als mögliches Sicherheitsrisiko galt, hatten sie ihn nach Berichten französischer Medien seit seiner Reise in die Türkei 2013 aus den Augen verloren.

Wie beim Anschlag der Kouachi-Brüder auf die Satirezeitschrift "Charlie Hebdo" im Januar dieses Jahres stehen erneut Geschwister im Zentrum der Ermittlungen: die Abdeslams.

Brahim Abdeslam:

Der 31-jährige Franzose sprengte sich vor der Brasserie Comptoir Voltaire in die Luft. Dabei kam außer ihm niemand ums Leben, es gab allerdings Verletzte. Brahim hatte ein Auto angemietet, das bei den Anschlägen genutzt wurde: einen Seat Leon, der später nahe Paris gefunden wurde. Mit dem Fahrzeug waren Attentäter im 10. Arrondissement der französischen Hauptstadt unterwegs. Dort feuerten sie später mit Kalaschnikowgewehren auf Menschen in der Bar Le Carillon und auf Gäste des Restaurants Le Petit Cambodge. Er lebte zuletzt in Molenbeek bei Brüssel.

Salah Abdeslam:

AFP / POLICE NATIONALE

Der 26-jährige Franzose ist derzeit auf der Flucht, nach ihm wird per internationalem Haftbefehl gesucht. Die Polizei stufte ihn als gefährlich ein. Wer ihm begegne, solle nicht eingreifen, sondern die Behörden alarmieren.

Es ist noch nicht erwiesen, ob Salah Abdelslam einer der Attentäter war. Er hatte aber unter anderem den VW Polo gemietet, mit dem die Todesschützen zur Konzerthalle Bataclan fuhren. Das abgestellte Fahrzeug brachte die Ermittler auf die Spur der Täter. Der Polizei unterlief eine Panne: Salah Abdeslam war am vergangenen Samstag im nordfranzösischen Cambrai kontrolliert worden - er durfte seine Fahrt in einem VW Golf aber fortsetzen. Den Beamten war noch nicht klar, dass der 26-Jährige in die Anschläge verwickelt war. Im Auto hätten noch zwei weitere Passagiere gesessen, heißt es. Zuletzt lebte Salah Abdelslam in Brüssel.

Mohamed Abdeslam:

Der jüngste der drei Brüder saß seit Samstagabend in Brüssel in Untersuchungshaft und ist inzwischen nach Angaben seiner Anwältin wieder frei. Er lebte mit seinen Brüdern zusammen und arbeitet in der Verwaltung von Molenbeek. Ob Mohamed Abdeslam von den geplanten Anschlägen wusste, ist unklar. Der französische TV-Sender BFMTV hatte zuletzt mit einer Schwester der Abdeslam-Brüder gesprochen. Sie war erschüttert und gab an, sich nicht vorstellen zu können, dass ihre Brüder an den Terrorakten beteiligt gewesen sein könnten.

Ismaïl Omar Mostefaï:

Er war einer der Selbstmordattentäter im Konzertsaal Bataclan und konnte als erster identifiziert werden. Der 29-Jährige stammte aus Courcouronnes, einer Gemeinde südlich von Paris. Sein Vater stammte aus Algerien, seine Mutter soll nach verschiedenen Medienberichten Portugiesin sein. Portugal hat dies jedoch bisher nicht bestätigt. Seit Jahren stand er nicht mehr mit seiner Familie in Kontakt.

Seine zwei Brüder und zwei Schwestern waren der Polizei nie aufgefallen, doch Ismaïl Omar Mostefaï galt in Teenagerjahren als Unruhestifter. Einer seiner Jugendfreunde erzählte dem französischen Fernsehsender BFMTV, dass Mostefaï häufig an Bandenkriegen beteiligt gewesen sei. 2009 tauchte er im Hintergrund eines Rap-Clips auf, der im Internet zirkuliert.

Zwischen 2004 und 2010 wurde Mostefaï achtmal wegen kleinerer Delikte verurteilt, musste aber nie ins Gefängnis. 2010 habe er die Religion für sich entdeckt, danach hätten "die ganzen Dummheiten aufgehört", erzählt der Kindheitsfreund. Frankreichs Geheimdiensten galt er ab 2010 als möglicher Radikaler. Doch im Winter 2013 verloren sie ihn aus den Augen, als er in die Türkei ausreiste. Dort soll er sich mehrere Monate lang aufgehalten haben. Anschließend zog er offenbar nach Belgien, ohne dass die französischen Geheimdienste dies mitbekamen.

Bilal Hadfi:

Der 20-jährige Franzose war einer der Selbstmordattentäter vor dem Fußballstadion Stade de France. Auch er lebte zuletzt in Belgien, nachdem er sich mehrere Monate in Syrien aufgehalten hatte. Hadfi hatte sich offenbar besonders schnell radikalisiert: Belgische Medien berichten, er habe sich ab Sommer 2014 für Dschihadismus interessiert. Im Frühjahr 2015 sei er dann nach Syrien gereist. Bisher ist noch nicht bekannt, wann er zurückkam.

Samy Amimour:

Der 28-jährige Franzose war einer der Selbstmordattentäter im Konzertsaal Bataclan. Er stammte aus dem Pariser Vorort Drancy. Frankreichs Geheimdiensten war er bereits bekannt, weil er versucht hatte, in ein Terrorcamp im Jemen zu reisen. Nach Berichten französischer Medien hat er sich regelmäßig bei den Behörden melden müssen, doch 2013 verschwand er plötzlich. Seitdem wurde er mit Haftbefehl gesucht.

Auch Amimour war zuletzt in Syrien. Sein Vater war im Juni 2014 dorthin gereist, um den Sohn zurückzuholen. Doch der Sohn wollte nichts davon wissen. Er hatte sich dem IS angeschlossen, lebte in Rakka und wollte dort bleiben. Der Vater musste ohne ihn zurückkehren, berichtete die französische Zeitung "Le Monde".

Die Identität der anderen Attentäter ist noch immer unklar. Neben einer Leiche wurde ein syrischer Pass gefunden, doch handelt es sich bei dem Dokument möglicherweise um eine Fälschung.

Abdelhamid Abaaoud:

Islamistisches Propaganda-Magazin

Der 27-jährige Belgier habe die Anschläge geplant, berichtet der französische Fernsehsender RTL. Er soll in direktem Kontakt gestanden haben mit einem der Attentäter. Deswegen gilt er nun als möglicher Drahtzieher der Attacken. Bisher gibt es für diese Meldung aber noch keine Bestätigung durch eine zweite Quelle.

Auch Abaaoud stammt aus dem Brüsseler Stadtteil Molenbeek, einem Brennpunkt der belgischen Islamistenszene. Sein Vater kommt ursprünglich aus Marokko. Abdelhamid Abaaoud reiste schon sehr früh nach Syrien - Anfang 2013 war er bereits dort - und stieg in den Reihen des "Islamischen Staates" (IS) auf. Unter dem Kriegsnamen "Abu Omar" war er als Henker berüchtigt.

Den belgischen Behörden war Abaaoud bereits mehrmals aufgefallen: Im Frühjahr 2013 lockte er seinen 13-jährigen Bruder zum IS. Im März 2014 erschien er in einem Video der Dschihadisten. Darin zog er mit einem Pick-up vier Leichen auf einer Straße hinter sich her.

Der französische TV-Sender berichtet, dass Abaaoud aus Syrien unbemerkt zurückgekommen sei. Im Januar habe er Anschläge in Belgien geplant. Doch die belgischen Behörden seien seiner Zelle auf die Spur gekommen. Danach sei er geflohen. Nun hält er sich höchstwahrscheinlich in Syrien auf.

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